Dienstag, 27. Juli 2010
 Ich habe mir ‘mal wieder eine Lettre International gegönnt. Friedrich Kittler, Werner Schroeter sind ja (fast) schon Grund genug, aber es gibt Interessantes mehr. Auch sind da meist die großformatigen und gut reproduzierten Fotografien; dieses Mal zusätzlich auch einige, meine Sinne kitzelnde Aquarelle von der in Berlin lehrenden Japanerin Leiko Ikemura.
Diese Aquarelle werden im Inhaltsverzeichnis von einer anonym bleibenden Person – einfach nur genießen reicht ja nicht – wie folgt annonciert: Die japanische Künstlerin liebt das Wasser. Die femininen Wesen ihrer Aquarelle entstammen einer Sphäre aus Licht, Farbe und fließender Musikalität. Zwischen Rebellion und Zartheit, energischer Behauptung und halluzinatorischer Verflüchtigung bewegen sich ihre transparenten Figurationen in entmaterialisierter Farbigkeit. Spukhaft aufscheinende Antlitze, die zwischen körperlicher Manifestation und geisterhafter Auflösung schweben. Sie verwehren sich dem Ausdruck einer unangefochtenen Identität. Konturen und Flächen bringen transpersonale, fluide Wesen aus dem universalen Repertoire der Gefühlsbewegungen zur Erscheinung, archaisch und elegant, bedrohlich und verletzlich, gegenwärtig und zeitlos. Es sind Metamorphosen der Weiblichkeit, in denen sich auch Ikemuras Verständnis manifestiert, daß „Ich“ kein festes Konstrukt ist, sondern eher ein facettiertes, durchlöchertes, wandelbares, vielgestaltiges, poetisches Etwas, in dem die Unfaßbarkeit von Werden und Vergehen spürbar wird. Alles klar?
Lettre International hat offiziell keine Rubrik Satire.
Samstag, 19. Juni 2010
 Ja, ja, Loslabern ist ein alter Hut – in Anbetracht der Halbwertzeit feuilletonesker Texte. Den Herbst 2008 behandelnd, im Herbst 2009 erschienen, kurz danach im Begleitschreiben aufgefallen (als die Rezension noch kommentarlos da stand), verschwand es aus meinem Radar. Warum sollte ich einen Rainald Goetz lesen, warum Zeit mit einer literarisch daherkommenden Bedeutungshuberei, mit einer an den zwielichtigen Bereich zwischen gedrucktem Boulevard und Life Style – Hauptsache Pop – verschwendeten Text-Produktion vertändeln? Aber Goetz’ Büchlein ist dann unlängst (doch wieder) durch des Umblätterers Verweis auf die 10 Minuten bei Harald Schmidt in meinen Fokus geraten. Goetz’ merkwürdiges, hyperaktiv-überreizt vorgetragenes, doch ehrfürchtig erscheinendes Labern über und gegen die „maßgebende Stelle“, die da spricht – das FAZ-Feuilleton – machte mich neugierig.
Es ist, wie schon gesagt, ein Bericht über den Herbst 2008, konkret über seine Erlebnisse auf der Frankfurter Buchmesse und auf dem FAZ-Herbstempfang in Berlin. Alles, fast jeder Satz, ist vom Rauschen der Großen Krise überlagert, natürlich. Und, um das vermutlich für sich historisch einzuordnen, palavert Goetz penetrant und angewidert über die auf die schreckliche Zeitenwende 99/00 folgenden Nullerjahre. Man wundert sich einerseits, dass er sie überlebt hat. Andererseits, vielleicht braucht er dieses obsessive Aufpumpen der Nullerjahre mit Bedeutung, mit Metaphysik auch, für sein Ego, sein Selbstbild? (Dass da ein paar Komplexe mitschwingen, merkt man, wenn es in Loslabern um den anderen schreibenden Arzt und dessen Turm geht…)
Ich gebe zu, die Schlüssellochperspektive seines Textes über den FAZ-Herbstempfang mit Genuss goutiert zu haben. Das Hotel de Rome ist natürlich nicht mit Ostrom zu verwechseln, die maßgebende Stelle, die da in ersterem Hof hält im Herbst 2008, spricht facettenreicher und ist intellektuell anpassungsfähiger als die untergegangene im Ostrom Tellkamps je dachte und sein konnte bzw. sein wollte.
Es bleibt der Eindruck, Loslabern ist ein feuilletoneskes Kabinettstückchen, ein Thomas-Bernhard-fixiertes, also wütendes Traktat. Und es ist wohl literarisch belanglos.
Freitag, 14. Mai 2010
Porto hat mindestens zwei distinguished Kaffeehäuser: Das Café Majestic in der Rua Santa Catarina sowie das Café Guarany in der Avenida dos Aliados. – Während es draußen regnete, in letzterem entspannte fünf Stunden lang gesessen, genossen und gelesen.
Montag, 29. März 2010
kaum schnee weg, da ist er schon wieder: der laubbläser. letztes aufbäumen des heterosexuellen mannes
SibylleBerg@twitter.com
Es gibt, laut Wikipedia, 3 1/2 deutsche Millionenstädte, insgesamt 81 so genannte Großstädte. (Das sind per Definition Städte mit mehr als 100.000 Einwohner.) Alles andere ist, aus der Sicht der meisten der in den großen Städten Lebenden, Provinz. In diesen großen Städte lebt etwas weniger als 1/3 der deutschen Bevölkerung; das Leben der Mehrheit spielt sich also in der Provinz ab. Letzteres kommt allerdings medial und in der Literatur jenseits von Heimat- und Regionalgeschichten kaum vor. – Die Protagonisten der beiden Romane Grenzgang von Stephan Thome sowie Die Ängstlichen von Peter Henning leben ihre Alltage in der hessischen Provinz, und dieses Leben wird von den Autoren mit genauem Blick, doch ohne zu denunzieren geschildert. Es sind interessant konstruierte, durchaus spannend zu lesende Erzählungen über Liebesbeziehungen, Karrieren, Familie, Scheitern vor allem, aber auch Hoffnung.
.
Niemand schreibt so schöne zynisch-zarte Sätze wie Sibylle Berg. Sätze, die sich zwischen die eigenen Gedanken mischen und wirken. So macht Melancholie pflegen Spaß! (Zuletzt überprüft anhand Der Mann schläft.)
Freitag, 5. März 2010
Gestern Abend saß ich im Olymp, weit oben. Von dort aus betrachtet ist das Gewusel da unten ziemlich weit weg. Die Musiker und die Sängerin schrumpfen optisch auf Streichholzgröße, man erkennt die Gesichter nicht mehr. – Andererseits: so weit weg sind sie nun auch wieder nicht, wenn man bedenkt, dass der Weg dort hoch in den Olymp vor ziemlich genau fünf Monaten begann.
Entsprechend ihrer Profession produzieren sie einen Ton, der tatsächlich bis nach oben durchdrang und dort Freude auslöste. Ich finde das erstaunlich.
Aber ich war dort oben nicht allein. Auch hatte ich anfangs, mindestens bis zur Pause, einige Probleme mit dem Ausfiltern der vielfältigen Störgeräusche: Menschen können auf jeweils sehr verschiedene Arten Husten, Räuspern, Schniefen, Schmatzen, Stöhnen, Niesen, Rülpsen. (Man könnte versucht sein, das zu zählen und zu klassifizieren, es galt, dem zu widerstehen.) Der Nachbar zur Rechten zerschlug, wenn andere Beifall klatschten, neben meinem Ohr Knalltüten. Das Gestühl knarzte. – Das unvermeidliche Handy zumindest hatte gestern Abend frei.
Und der großartige Ton überstrahlte doch alles, was Stören konnte. Ein Genuss.
Sacrificium, Cecilia Bartoli mit dem kammerorchesterbasel, Alte Oper Frankfurt, 04. März 2010; s.a.
|
Kommentare