Archiv für ‘Informatik et al.’

Mai 17th, 2012

Das Netz – Lutz Dammbeck

Lutz Dammbecks Film »Das Netz« war 2005 Thema hier im Blog. Da Michael Wald die Videos in der Tube gefunden und verlinkt hat, gibt es hier ein kurzes Auftauchen.

(alle 12 Teile)

März 4th, 2012

Wo ist mein Selbst?

Der Mainzer Philosophieprofessor Thomas Metzinger (u.a. »Der Ego-Tunnel«) im Telepolis-Gespräch über Gehirnforschung und Philosophie – es geht viel um Begriffe, konkret um den des Gedankenlesens, es geht um Pillen und Implantate zur Leistungssteigerung, und es geht um Selbstmodelle und unser “Ich” in einer virtualisierten Welt. Den ersten Teil des Gespräches gibt es derzeit nur im Telepolis-Special MENSCH+ (als Print oder als eBook), der zweite Teil ist auch online abrufbar.

Metzinger spricht im ersten Teil auch über das Projekt “Virtual Embodiment and Robotic Re-Embodiment (VERE)” und dabei über die Frage,

ob man das Selbstbewusstsein in virtuelle Körper, in Avatare oder eben in Roboter dauerhaft transferieren, also vollständig in einen zweiten Körper übersetzen kann. Da spielen neu entwickelte Gehirn-Computer-Schnittstellen (BCI) eine Rolle und tatsächlich sind bereits erste Erfolge zu verzeichnen. Zum Beispiel ist es gelungen, direkt über ein drahtloses Brain-Computer-Interface einen Roboter mit Bewegungsvorstellungen zu kontrollieren (durch Offline-Simulation einer Körperbewegung mit dem eigenen Selbstmodell im Gehirn; das nennt man ein motor imagery-BCI). Der Roboter bewegt dasselbe Körperteil wie der Proband in seiner Vorstellung und man kann mittels einer Spezialbrille auch gleichzeitig durch dessen Kamera-Augen sehen. Wo ist Ihr selbst, wenn Sie mit der Gedankenkraft so einen kleinen Roboter zum Laufen bringen, ihn dann umdrehen lassen und Ihren physischen Körper durch die Augen des Roboters von außen betrachten? Es ist also prinzipiell möglich, über einen drahtlosen Link mit dem eigenen Selbstmodell direkt das Körpermodell eines Roboters zu steuern.

Zitat aus: Reinhard Jellen, »Und morgen ein iPhone im Kopf?«, Gespräch mit Thomas Metzinger, Telepolis special 01/2012, S. 81; Hervorhebung von mir


Februar 24th, 2012

Roboterlinks

Angeregt auch durch die jüngst erfolgte Inbetriebnahme einer automatisierten Montageanlage mit einem Denso-Roboter zu Lehr- und Forschungszwecken an der Hochschule hier ein paar Links zu aktuell gefundenem Robotik-Stuff im Netz.

Universal jamming gripper shooting demo (Cornell University):

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Boris Hänßler bringt in Viel Arbeit im Roboterhaushalt interessante Beispiele aus der RoboCup@Home Liga.

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Bei Telepolis gibt es einen Text – Lasst die Maschinen machen – von Prof. Dr. Hans-Dieter Burkhard vom Institut für Information an der Humboldt-Universität zu Berlin. Der Text stammt aus dem neuen Telepolis-Buch »Kriegsmaschinen. Roboter im Militäreinsatz« und hat den Untertitel “Wie intelligent ist die Künstliche Intelligenz?”. Burkhard thematisiert nicht zuletzt die Koexistenz von Maschinen / Robotern und Menschen.

Februar 12th, 2012

Mat(ur)ana

Wir tun immer das, was wir wollen, auch wenn wir behaupten, eigentlich gegen unseren Willen gehandelt und zu etwas gezwungen worden zu sein. Dann wünschen wir uns die Folgen, die sich aus unserem Handeln ergeben, auch wenn wir im Moment nicht mögen, was wir tun.
Benjamin Stein, »Replay«, S. 152


»Replay« ist eine von Benjamin Stein grandios erzählte Dystopie. Stein, von dem ich bisher nichts las, verblüfft mich mit knapper sprachlicher Präzision und fachlicher Exaktheit.

Die Handlung startet in der Gegenwart, es gibt dann zweimal Sprünge jeweils etwa 15 Jahre in die Zukunft. Der Ich-Erzähler Ed Rosen war in seiner Jugend von Zahlenmystik begeistert, studierte dann Informatik, modellierte die Realität für Maschinen verständlich, interessiert sich für die Mensch-Maschinen-Interaktionen, landet folgerichtig (?) in Juan Matanas Firma UniCom, die allgemein zur Schnittstelle zwischen biologischen und elektronischen Systemen forscht und speziell zunächst ein Augenimplantat entwickelt, das die visuellen Daten direkt ins Gehirn einspeist. Rosen ist der ideale Early Adopter, ist er doch selbst von Geburt an auf einem Auge blind. Er wird die erste Versuchsperson, die Prothese wird immer weiter entwickelt, Rückkopplungsmöglichkeiten („und natürlich konnte man sich auch in die lebendige audiovisuelle Wahrnehmung eines Augenblicks zurückversetzen, den man selbst zuvor aufgezeichnet hatte.“ [S. 114]) werden implementiert, die Akzeptanz steigt immer weiter, die Firma wird extrem erfolgreich, was sich u.a. darin ausdrückt, dass 70% der Bevölkerung freiwillig Prothesenträger – UniCom-Bürger – werden.

Nein, die Kunden zahlten nicht mehr für die Kommunikation. Selbst das Implantat hätte man ihnen schenken können. Die Einnahmequelle waren die Inhalte, die die Kunden auch noch zum großen Teil selbst erzeugten und kosten- und damit tributpflichtig weitergaben. Das Geld wuchs gewissermaßen auf den ungeheuren Bergen von Daten, eingesammelt von Millionen Geräten und gespeichert in den Datenzentralen der Corporation. (S. 116)

Für mich ist die eigentliche Hauptfigur der chilenische Wissenschaftler Juan Mantana, und es ist kein Zufall, dass ich den Namen durchgehend als Maturana gelesen habe… Mantana ist einerseits die treibende Kraft, der Visionär, der erfolgreiche Wissenschaftler und Unternehmer. Er interessiert sich für die Koppelung zwischen Maschinenwelt und menschlichem Verhalten. Und er ist es, der die Entwicklung kritisch beobachtet, den Stein originelle Reflexionen (negative Rückkopplung als notwendiges Regelprinzip beim Wattschen Dampfregler, dominante Optionen für ausschließlich positives Feedback in Sozialen Netzwerken, die Abhängigkeit der Realität vom Beobachter und die Notwendigkeit, das Beobachten zu beobachten, um zu lernen, usw.) einflechten lässt, und der schließlich aussteigt.

Für Rosen – Minister in einem transparenten, luxuriösen Gefängnis, einem architektonischen Juwel, beschützt von privaten und staatlichen Sicherheitsdiensten – jedoch geht dieses Leben weiter. Das Communication System lässt sich nicht wirklich abschalten, auch wäre es trostlos, fehlt doch dann der Input für neue Replays. “Die Corporation lässt niemanden treiben ohne einen Freund an seiner Seite.” Dieser bringt ihn wieder online.

Wir haben uns für Transparenz entschieden und diesen Entschluss in Gesetze verpackt, die für alle gelten, ob sie es nun schätzen oder nicht und ob sie es wissen oder nicht. Alle, das schließt auch Minister ein, warum nicht gerade sie? (S. 168)



s.a. Rezension bei Bonaventura, Replay beim Perlentaucher, das Buch bei Amazon (mit Lese-Videos), das Buch beim Verlag C.H.Beck (auch mit Videos), ANH in »Die Dschungel« über das Buch: Miszellen des Totalitären

Juli 10th, 2010

Ich denke, Informationsverarbeitung ist ein gutes Wort.

Für den Jahresbericht 2009 des Fraunhofer ISST hat dessen Leiter Prof. Dr. Jakob Rehof ein Gespräch (PDF) mit Prof. Dr. Horst Zuse, dem Sohn des Computer-Pioniers Konrad Zuse, geführt. Beide parlieren am Rande etwas über den Begriff »Informatik«, das soll hier jetzt etwas ausgebreitet werden. Zuse will wohl etwas provozieren und sagt also:

Wenn wir hier über die Informatik reden und dieses Wort so oft gebrauchen, muss man ja bedenken, dass wir keine eindeutige Definition haben, was Informatik eigentlich ist [...]

Worauf Rehof wortreich verteidigt:

… mit dem Begriff »Informatik« liegt die deutsche Sprache in jedem Fall ganz gut. Dieses Wort fehlt anderen. In Diskussionen im englischsprachigen Raum sieht man beispielsweise an vielen Stellen, dass man mehr und mehr Probleme mit dem Begriff »Computing« hat. »Computing« hat immer noch den Geruch von »Zahlen bearbeiten«, aber mit dem Internet ist ja beispielsweise die Idee der Kommunikation sehr viel wichtiger geworden. Wenn Sie daher heute nach dem Wort »Informatics« googeln, dann finden Sie es in vielen englischen Einträgen, wo Sie es vor 20 Jahren nicht so gefunden hätten.

Sehen wir Herrn Rehof den Lapsus nach, dass man noch nicht ‘mal ganz 12 Jahre googeln kann; es kommt einem schließlich wirklich schon wie eine kleine Ewigkeit vor. Davor war Gopher & Co. Aber egal, der Herr Rehof kommt hier mit einem nach allen Seiten hin ausgefransten Kommunikationsbegriff: Alles ist Kommunikation, man kann nicht nicht kommunizieren. So tönte es in den Achtzigern ff. von den Lippen der Avantgarde. Jetzt ist also, frei nach Rehof, alles was man im Internet nicht nicht macht Kommunikation. Und weil da Bits fließen, ist’s Informatik. Und was entgegnet der der Pensionierung entgegen eilende Zuse jun.?

Sie stellen ja heute Informationen mit Nullen und Einsen dar. Das ist Rechnen und das ist auch, was global im Netz passiert. Mein Vater hat bereits 1936 eine immer noch hochmoderne Definition des Rechnens gegeben. Er hat in seiner Patentanmeldung gesagt: Es sind Daten, es sind Befehle, es sind Namen. Alles in Null-Eins-Kombinationen – er hat es damals Zweier-Variationen genannt. Wir haben Zweier-Variationen, wir haben eine Vorschrift, und es kommen neue Zweier-Variationen heraus. Und was haben wir denn im Internet? Wir haben immer Bits, immer Zweier-Variationen. Und dann kommt ein Router dazwischen, ein Server und so weiter. Und was machen die mit diesen Zweier-Variationen? Sie haben alle eine Vorschrift da drin und ändern sie in neue Zweier-Variationen. Tja, und daran können Sie sehen: Alles ist Rechnen.

Und dann sagt er jenen Satz, der dieser Arabeske den Titel gab. Natürlich kommen immer mehr Anwendungen und bessere Techniken hinzu, die die Technologie evolvieren lassen. Aber im Kern bleibt eben alles Rechnen.

Ich finde den Begriff aus persönlichen Gründen ganz und gar nicht regressiv; wer in den Siebzigern zum Beispiel in Dresden die informatische Disziplin studierte, der studierte Informationsverarbeitung. Und er wurde nicht Dipl.-Inf. sondern Dipl.-Ing.; Zuse sen. hätte das sicher gefallen.

Aber auch von Rehof kommt im Gespräch noch eine Anregung, der nachzusinnen ich mich jetzt aber erst einmal verweigere. Es ist schlicht zu heiß. Für mich und den Rechner bzw. Computer.

Für die Informatik spielt die Industrie die Rolle, die die Natur in den Naturwissenschaften einnimmt.