Artikel mit Tag literatur
Samstag, 19. Juni 2010
 Ja, ja, Loslabern ist ein alter Hut – in Anbetracht der Halbwertzeit feuilletonesker Texte. Den Herbst 2008 behandelnd, im Herbst 2009 erschienen, kurz danach im Begleitschreiben aufgefallen (als die Rezension noch kommentarlos da stand), verschwand es aus meinem Radar. Warum sollte ich einen Rainald Goetz lesen, warum Zeit mit einer literarisch daherkommenden Bedeutungshuberei, mit einer an den zwielichtigen Bereich zwischen gedrucktem Boulevard und Life Style – Hauptsache Pop – verschwendeten Text-Produktion vertändeln? Aber Goetz’ Büchlein ist dann unlängst (doch wieder) durch des Umblätterers Verweis auf die 10 Minuten bei Harald Schmidt in meinen Fokus geraten. Goetz’ merkwürdiges, hyperaktiv-überreizt vorgetragenes, doch ehrfürchtig erscheinendes Labern über und gegen die „maßgebende Stelle“, die da spricht – das FAZ-Feuilleton – machte mich neugierig.
Es ist, wie schon gesagt, ein Bericht über den Herbst 2008, konkret über seine Erlebnisse auf der Frankfurter Buchmesse und auf dem FAZ-Herbstempfang in Berlin. Alles, fast jeder Satz, ist vom Rauschen der Großen Krise überlagert, natürlich. Und, um das vermutlich für sich historisch einzuordnen, palavert Goetz penetrant und angewidert über die auf die schreckliche Zeitenwende 99/00 folgenden Nullerjahre. Man wundert sich einerseits, dass er sie überlebt hat. Andererseits, vielleicht braucht er dieses obsessive Aufpumpen der Nullerjahre mit Bedeutung, mit Metaphysik auch, für sein Ego, sein Selbstbild? (Dass da ein paar Komplexe mitschwingen, merkt man, wenn es in Loslabern um den anderen schreibenden Arzt und dessen Turm geht…)
Ich gebe zu, die Schlüssellochperspektive seines Textes über den FAZ-Herbstempfang mit Genuss goutiert zu haben. Das Hotel de Rome ist natürlich nicht mit Ostrom zu verwechseln, die maßgebende Stelle, die da in ersterem Hof hält im Herbst 2008, spricht facettenreicher und ist intellektuell anpassungsfähiger als die untergegangene im Ostrom Tellkamps je dachte und sein konnte bzw. sein wollte.
Es bleibt der Eindruck, Loslabern ist ein feuilletoneskes Kabinettstückchen, ein Thomas-Bernhard-fixiertes, also wütendes Traktat. Und es ist wohl literarisch belanglos.
Freitag, 4. Juni 2010
 Im Jahr 2000 erschien Roberto Bolaños Nocturno de Chile in Barcelona; der Chilene Bolaño lebte seit 1977 im spanisch-katalanischen Exil. Der formal eigenwillige kleine Roman, er besteht nur aus zwei Absätzen, wobei der letzte noch nicht ‘mal ganz eine Zeile lang ist, ist der im Fieberrausch angesichts des nahen Todes vorgebrachte Erklärungs- oder Rechtfertigungsversuch des Sebástian Urrutia Lacroix gegenüber dem vergreisten Grünschnabel, einer im Augenblick des Erzählens imaginierten moralischen Instanz. Lacroix ist erfolgreicher Literaturkritiker, wahrscheinlich durchschnittlich schlechter Schriftsteller, Priester. Er hat mehrere politische Systemwechsel beruflich erfolgreich ausgesessen, der vergreiste Grünschnabel könnte für die aus Sicht Lacroix’ altkluge, besserwisserische, kritische, moralisierende, anklagende, jüngere Generation (Bolaño & Genossen?) stehen.
Die Beurteilung der jüngeren Geschichte Chiles scheint mir nicht frei von Ressentiments unterschiedlicher Art, also ziemlich emotionsgeladen zu sein. Was war? 1979 ging das linke, sozialistisch dominierte Wahlbündnis Unidad Popular mit 37 % der Stimmen aus den Wahlen als stärkste Kraft hervor. Salvador Allende wurde zum Präsidenten gewählt. Wichtige Industriezweige wurden (verfassungskonform) verstaatlicht. Sanktionen, Attentate, Embargos des Westens, der USA und der westeuropäischen Staaten, waren die vorhersehbare Folge. Die Lage wurde politisch und wirtschaftlich immer labiler, es kam in Chile zu immer mehr so genannten „Kochtopf-Demonstrationen“, und schließlich dann im September 1973 zum erfolgreichen Militärputsch. Ich begann damals gerade mein Studium, und in Dresden und anderswo im Osten fanden in den folgenden Jahren immer mehr chilenische Exilanten, nicht nur Kommunisten, vorübergehende Aufnahme und Unterstützung. Die Militärdiktatur der Junta unter Führung des Augusto Pinochets wütete über 15 Jahre, ehe 1989 die Zeit der Redemokratisierung begann. Dieser Prozess hält immer noch an, er wird von Chilenen selbst als ein Zustand umschrieben, der heute noch durch Vergebung, Vergessen und Verdrängung gekennzeichnet ist.
Wie spiegelt Bolaño dies nun, soweit ich es bemerke, im chilenischen Nachtstück? Was macht Lacroix, was reflektiert er auf dem Sterbebett?:
"Chilenisches Nachtstück: Judasbaum" vollständig lesen
Freitag, 14. Mai 2010
Gedanke: Es wird eine Musik geben aus elektrisch-chemischen Impulsen, die direkt ›ins Blut‹ gehen, die nicht nur auditiv, sondern auch, und vor allem, neuronal funktioniert, eine Mischung aus Musik und Nervendroge, eine interaktive Giftsymphonie.
Helmut Krausser, Substanz, Köln 2010, S. 37
Helmut Krausser lässt in seinem zwischen Dezember 1990 und Juli 1992 entstandenen und in der eher späteren Renaissance in Oberitalien angesiedelten Roman Melodien den Alchimisten Castiglio nach Melodien suchen, die den Menschen im Guten wie im Schlechten direkt zu beeinflussen vermögen. Immer neue Prototypen verschiedener Wirkung ersinnt Castiglio [1]:
Tropos, welcher
1. In einem Menschen Liebe weckt
2. Eines Mächtigen Mitleid erwirkt
3. Zu kühnen Taten reizt
4. Glückliche Erinnerung hervorruft
5. Furcht verscheucht
6. Einem stolzen Herzen Vergänglichkeit eingibt
7. Ausdauer und Trotz stärkt
8. Ein bedeutendes Werk einweiht
9. Wunden schneller heilen lässt
10. Gottergebung erleichtert
11. Triumphe vergrößert
12. Sündige zur Reue treibt
13. Die Größe Gottes verherrlicht
14. Plagedämonen vertreibt
15. Um einen Bedeutenden angemessen trauert
16. Die Sinne verwirrt und Furcht schafft
17. Den Hunger mindert
18. Eine Leibesfrucht gedeihen läßt.
Mit diesem Vorhaben und seiner Überlieferung entsteht ein Mythos, der bis in die (Roman-) Gegenwart reicht. Ich habe augenblicklich erst 247 der gut 800 Seiten des fesselnden Buches gelesen; statt also verfrüht zu resümieren kommt mir wieder eine meiner unausgereiften Lieblingsideen in den Sinn, der zufolge gesehene, also subjektive Bilder vom Auge ohne Umweg über einen Aufnahmeapparat persistent ins Gehirn gelangen und von dort zur weiteren Bearbeitung und Ausgabe dann abrufbar sind.
[1] siehe in der Rowohlt-Taschenbuchausgabe auf Seite 228
Freitag, 30. April 2010
 Zwei Wochen lang habe ich mich am Amuleto-Projekt auf wilde-leser.de beteiligt: Roberto Bolaños kleiner Roman Amuleto, 14 Kapitel, 14 Tage, jeden Tag ein Statement zum aktuellen Kapitel. Ich habe mich entschlossen, täglich ganz knapp zu erzählen, was im jeweiligen Kapitel passiert – ohne (Achtung, Buzzword-Alarm!) intertextuell in der Literatur- oder Philosophiegeschichte zu mäandern oder name dropping zu betreiben. Bolaño-Texte sind für ein solches Herangehen ein Steinbruch, mich interessierte eher, was vordergründig wirklich drin steht im Buch.
Laut Klappentext ist es die Geschichte einer mutigen, durchgedrehten Frau. Aber auch die Geschichte jener Studenten, die 1968 in Mexikos Hauptstadt im Kugelhagel der Armee ihr tragisches Ende fanden. (Das war kurz vor den Olympischen Sommerspielen.) Ja, Roberto Bolaño setzt mit Amuleto dem lateinamerikanischen Freiheitskampf ein Denkmal. Die Hauptfigur, die mutige, durchgedrehte Frau Auxilio Lacouture, ist in meinen Augen ein Faktotum, und zwar in zweierlei Hinsicht. Sie ist ein dienendes und zugleich aufdringliches Wesen, das ein großes Herz hat, insbesondere auch für die ganz jungen, unbedarften lateinamerikanischen Poeten, sich aber dadurch, dass es sich und seine Taten ständig in Relation zu bedeutenderen Figuren setzt, wichtiger nimmt, als es objektiv ist.
Mein Verdacht ist, Bolaño wollte sich mit Amuleto vor allem an seine Jugend inmitten der jungen Dichter erinnern, der Jugend Lateinamerikas und letztlich ihrer Hoffnungslosigkeit ein literarisches Denkmal setzen. Auxilio Lacouture dient ihm dabei auch als Faktotum, sie ermöglicht Bolaño eine ironisch-kritische und doch liebenswerte Sicht auf Belano, auf sein und der anderen jungen Dichter Tun. (Bolaño kann sich mit Hilfe des Faktotums seiner Heldentaten erinnern, ohne dass es peinlich wird.)
Mir hat das achte Kapitel, der filmreife Showdown – Auxilio Lacouture rettet gemeinsam mit den Dichtern Ernesto San Epifánio und Arturo Belaño einen Lehrling aus den Fängen des im Hotel Glücksklee residierenden Stricherkönigs – am besten gefallen. Das passiert mitten in DF, in der Wüste von Guerrero, die das Pendant zur Wüste von Sonora bei Santa Teresa ist ( 2666). Doch zumindest dieser Alptraum nimmt ein gutes Ende.
Die 14 Kapitel lesen sich wie ein Reigen, vor allem am Anfang. Gegen Ende hin wird es manchmal etwas zäh, verlaufe ich mich als Leser einmal etwas zu sehr (in griechischer Mythologie): Man kommt beim Lesen aus dem elften der Kapitel nicht so richtig ‘raus, und in das zwölfte nicht so richtig ‘rein; Bolaño braucht recht viele Sätze für diesen einen Übergang.
Ich finde, Amuleto ist ein sehr ironisches Stück Literatur, ein gelungenes. Es ist ein Warmlaufen für das großartige 2666.
Schließlich noch die Kurztexte zu den Kapiteln 1…14.
"Amuleto" vollständig lesen
Montag, 29. März 2010
kaum schnee weg, da ist er schon wieder: der laubbläser. letztes aufbäumen des heterosexuellen mannes
SibylleBerg@twitter.com
Es gibt, laut Wikipedia, 3 1/2 deutsche Millionenstädte, insgesamt 81 so genannte Großstädte. (Das sind per Definition Städte mit mehr als 100.000 Einwohner.) Alles andere ist, aus der Sicht der meisten der in den großen Städten Lebenden, Provinz. In diesen großen Städte lebt etwas weniger als 1/3 der deutschen Bevölkerung; das Leben der Mehrheit spielt sich also in der Provinz ab. Letzteres kommt allerdings medial und in der Literatur jenseits von Heimat- und Regionalgeschichten kaum vor. – Die Protagonisten der beiden Romane Grenzgang von Stephan Thome sowie Die Ängstlichen von Peter Henning leben ihre Alltage in der hessischen Provinz, und dieses Leben wird von den Autoren mit genauem Blick, doch ohne zu denunzieren geschildert. Es sind interessant konstruierte, durchaus spannend zu lesende Erzählungen über Liebesbeziehungen, Karrieren, Familie, Scheitern vor allem, aber auch Hoffnung.
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Niemand schreibt so schöne zynisch-zarte Sätze wie Sibylle Berg. Sätze, die sich zwischen die eigenen Gedanken mischen und wirken. So macht Melancholie pflegen Spaß! (Zuletzt überprüft anhand Der Mann schläft.)
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