Artikel getaggt mit ‘Architektur’

November 14th, 2009

Nach der Utopie

So war im September 2003 ein Artikel in brandeins überschrieben. Es ging um Ulrich Müther, der verdammt dünne hyperbolisch paraboloide Betonschalen entworfen und vor allem auf Rügen umgesetzt hat. Ich las damals das erste Mal etwas über Müther; wenn ich zuvor seine Schalen in natura gesehen hatte, dann ohne Wissen um den Urheber. (Das Ahornblatt in Berlin war längst abgerissen.) Im Dezember des gleichen Jahres konnte ich dann den 1981 gebauten, futuristisch anmutenden Rettungsturm #2 am Binzer Strand auf Rügen selbst bewundern, noch vor der gelungenen Sanierung. – Der Baumeister Müther starb 2007.

Müther äußerte gegenüber dem Autor des o.g. Artikels die Hoffnung, dass der Betonschalenbau noch nicht ganz kaputt sei. Dabei war die Zeit, in der man mit solch immensem Aufwand wirtschaftlich bauen konnte, lange vorbei. Unter technischen Aspekten dagegen ist der Betonschalenbau noch nicht überholt.

Die Züricher Architekten Rahel Lämmler und Michael Wagner widmen sich intensiv Müthers Werk, ordnen die Archivalien, bereiten eine Wanderaustellung vor – und sie haben ein Buch veröffentlicht: »Ulrich Müther Schalenbauten in Mecklenburg-Vorpommern«. Mit diesem wirklich tollen Buch haben sie den erstmals vegebenen Architekturbuchpreis 2009 in der Kategorie ‘Historische Monographie’ des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt (DAM) gewonnen.

Lämmler und Wagner:

Am besten lasen sich Müthers Schalenkonstruktionen selbstverständlich vor Ort entdecken. Seine schwebenden Hyparschalen belohnen mit einem ungewohnt modernen, ästhetischen Vergnügen und lassen Euphorie und Fortschrittsglaube erahnen.

Wenn man warum auch immer nicht auf die Insel Rügen fahren kann, das Büchlein ist mehr als ein Trost.

Links: Website zum Buch, Video in der Reihe km42 bei SpOn

August 21st, 2009

Biolumineszierte Städte

“Das Neandertal-Experiment war zugleich der Höhe- und der Tiefpunkt der genetischen Revolution. Ein Erfolg war es insofern, als es gelang, diesen längst ausgestorbenen Cousin des Homo sapiens zurückzuzüchten, gleichzeitig aber auch ein Fehlschlag, weil die Wissenschaftler [...] nicht weitsichtig genug gewesen waren, um zu begreifen, dass eine neue menschliche Spezies erhebliche soziale Probleme in der Welt auslösen musste, die solche Wesen seit dreißigtausend Jahren nicht mehr gesehen hatte [...] Der Homo sapiens erwies sich als höchst un-sapiens.”
Gerhard von Squid, »Neandertaler. Rückkehr nach kurzer Abwesenheit«
Jasper Fforde, »In einem anderen Buch«


Die EDGE Foundation hat eine Summer Class zu Systembiologie, zu synthetischer Genomik abgehalten. Das ist sicher ein spannendes Thema, man kann sich dort auf der EDGE-Website schlau machen, worum es geht. FAZ und SZ berichteten ausführlich, haben offensichtlich überhaupt ihr Ohr an der Leitung. In der FAZ beschreibt Ed Regis unter der etwas reißerischen Überschrift “Der aktuelle Katalog der Schöpfung ist da” ziemlich sachlich und unaufgeregt angedachte, auf der Konferenz vorgestellte und durchaus vorstellbare Szenarien. Wollhaarmammuts und Neandertaler gehören dazu. – Die meisten Bedenkenträger sind offensichtlich in den Ferien, der Aufschrei (Es kömmt darauf an, die Welt zu interpretieren, nicht sie zu verändern!) hielt sich in Grenzen.

Jasper Fforde imaginiert mit seinen Thursday-Next-Romanen ein Großbritannien, in dem Mammutherden durch die Lande ziehen und bestaunt werden, in dem Neandertaler – die Rückzüchtung war zwar ein wissenschaftlicher Erfolg, die vorgesehene Nutzung als Versuchsobjekt ethisch aber nicht durchsetzbar – als billige Arbeitskräfte und beliebtes Steuerabschreibungsobjekt fungieren. Das war Anfang des Jahrtausends.

Gestern nun lese ich einen sehr interessanten, von Sebald (»The Rings of Saturn«) sowie Glühwürmchen inspirierten Beitrag von Geoff Manaugh in seinem BLDGBLOG: The Bioluminescent Metropolis. Er fragt sich, was wäre, was sein könnte, wenn Architekten, Landschaftsarchitekten und Industriedesigner das Potenzial biolumineszierender Organismen in ihre Entwürfe und zu realisierenden Projekte einbeziehen würden.

Perhaps there really will be a way to using glowing vines on the sides of buildings as a non-electrical means of urban illumination.

Eine biolumineszierende Tabakpflanze, Bild via Wikivisual

Wer jemals in einer Höhle war und dort die leuchtenden Kolonien von Pilzmücken (glow worms) erlebt hat, versteht vielleicht auch die abschließende Vision des Manaughs:
But what if a city, particularly well-populated with fireflies (so much more poetically known by their American nickname of lightning bugs) simply got rid of its public streetlights altogether, being so thoroughly drenched in a shining golden haze of insects that it didn’t need them anymore? You don’t cultivate honeybees, you build vast lightning bug farms. How absolutely extraordinary it would be to light your city using genetically-modified species of bioluminescent nocturnal birds, for instance, trained to nest at certain visually strategic points – a murmuration of bioluminescent starlings flies by your bedroom window, and your whole house fills with light – or to breed glowing moths, or to fill the city with new crops lit from within with chemical light. An agricultural lightsource takes root inside the city. Using bioluminescent homing pigeons, you trace out paths in the air, like GPS drawing via Alfred Hitchcock’s »The Birds«. An office lobby lit only by vast aquariums full of bioluminescent fish! Bioluminescent organisms are the future of architectural ornament.

Irgendwie ist mir das viel sympathischer als Mammuts und Neandertaler.

August 1st, 2009

Das Lustprinzip

Seit mindestens 2006 beobachte ich Geoff Manaugh’s BLDGBLOG, erfreue mich an zahlreichen Beiträgen in Sachen »architectural conjecture :: urban speculation :: landscape futures«. [1] Jetzt ist das Buch zum Blog erschienen, und es ist ein Genuss, darin zu blättern und zu lesen!

In der Einleitung des Buches erklärt Manaugh natürlich auch, wie es dazu kam, warum er das BLDGBLOG startete.

While my initial impulse might have been to complain – noting every little thing about the world that bothered me – I decided, in fact, to do the opposite: I made a conscious decision to write only about the things that interested me. [...] BLDGBLOG is organized around one thing only: the pleasure principle. [...] Talk about Chinese urban design, the European space program, and landscape in the films of Alfred Hitchcock in the span of three sentences – because it’s fun, and the juxtapositions might take you somewhere. Most importantly, follow your lines of interest.

Wenn das kein Erfolgsrezept ist, was dann?

[1] Man kann das überprüfen.


August 1st, 2009

Andreas Feininger: Between black and white

“one of the great architects who helped create photography as we know it today.”
Ralph Hattersley über Feininger (*)


In den Räumen hinter dieser Fassade der Kunsthalle Darmstadt gibt es noch bis Ende August über 250 Fotografien von Andreas Feininger zu betrachten. Viele davon sind ikonographische Bilder New Yorks aus den 30er, 40er und 50er Jahren. Aber es gibt auch skulpturale Stillleben (Muscheln), amerikanische Landschaften (Route 66), Akte (zuvor im schwedischen Exil aufgenommen) zu sehen. Manches Meisterwerk ist dabei, wie es sich für eine retrospektive Ausstellung gehört.

Vor allem aber sind es ausschließlich Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die eine starke Ausstrahlung, Prägnanz haben. Alle Bilder zeichnen sich durch eine gelungene, sehr überzeugende Bildkompositionen aus, man kann sich an Details erfreuen, die so nicht zufällig sein können.

Feininger war Perfektionist. In der Ausstellung sieht man auch eine Aufnahme seiner selbst gebauten Spezialkamera: ein ineinander verschiebbarer Holzkasten, in den er eine 28-Zoll-Linse montierte – angeblich das bis dahin größte Teleobjektiv. Alles wird von einem fünf-beinigem Stativ getragen. Die mit dieser Kamera aus großer Entfernung gemachten Aufnahmen sollen eine maßstabsgerechte Abbildung ermöglichen. Eventuell hat er damit auch die mich sehr beeindruckende Aufnahme vom Empire State Building gemacht. In einem Kaff in New Jersey, 22 km vom Gebäude entfernt, ducken sich an einem Hügel zahlreiche kleine Häuser. Dahinter sieht man die obere Hälfte des Empire State Buildings, sonst nichts von der Silhouette New Yorks. (Jedenfalls nicht auf diesem Bild, auf anderen Bildern der Serie schon.)

Es folgt für mich logisch aus der Betrachtung der Bilder, dass man versteht, dass Feininger Didakt wurde und auch berühmte Fotolehrbücher schrieb. Eine Schule des Sehens ist diese Ausstellung wahrlich.

s.a. die Ausstellungs-Rezension im Darmstädter Echo sowie die Website des George Eastman House Still Photograph Archives mit 130 ausgewählten Fotografien von Andreas Feininger


Juni 26th, 2009

The BLDGBLOG Book

Ich erwarte nach langer Vorbestellzeit ein Buch. Ein spezielles Buch, denn es ist die gedruckte Ausgabe eines Webprojektes, des BLDGBLOGs von Geoff Manaugh, dass ich seit ein paar Jahren beobachte. Ich bin überzeugt, dass es nicht redundant zum Web ist, dass es sich lohnt, das Buch in die Hand zunehmen und dazu im Web die Inhalte verfügbar zu haben. In der englischsprachigen Welt scheint die Auslieferung zu laufen, amazon.uk, wo bleibt mein Exemplar?