Posts Tagged: Evolution

Die Ästhetik des Zufalls (sexuelle Selektion)

Schönheit im Auge der tierischen Betrachterin musste nicht die von Raffaels Madonna sein. Der gründliche Blick auf das Ornament brachte daher Mängel zutage.

Julia Voss, »Darwins Bilder«, S. 223/224

Beweise

Short Cuts #5

Die Feuilletons der Zeitungen »Die Zeit«, »F.A.Z.« und neuerdings auch »SZ« üben seit einigen Wochen Debatte [1]. Sie spielen über Bande, allerdings auf verschiedenen Tischen. Die Argumente treffen nicht, die Animositäten häufen sich. Der, der vor Monaten mit einem kurzen Text und einem Vorschlag den Anlass dazu gegeben hatte, hat inzwischen nachgegeben. Vielleicht ist er in der Sache nicht so sehr von seinem Vorschlag abgerückt, wer weiß schon, dafür gibt er nun aber den in der Tiefe seines Herzens beleidigten Sozialdemokraten. Wer soviel schreibt und redet wie Peter Sloterdijk, der verstrickt sich vielleicht irgendwann im eigenen Wortdickicht. (»Cicero« und »Der Spiegel« springen auf den fahrenden Zug auf, bieten sich dafür, für Verstrickungen, als Boulevard an.)

Das Übungsbuch, »Du mußt dein Leben ändern«, habe ich im Übrigen nach der Hälfte des Stoffes erst einmal, vorläufig, zurückgestellt. Beim ausschweifenden Reden des Autors über Askese hatte ich das Ziel des Übens aus den Augen verloren.
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»Jazzthing« hat Michael Wollny auf dem Cover seiner aktuellen Ausgabe; die Titelstory ist eine subjektive Annäherung an Wollnys »Wunderkammer«, ein Projekt mit der aus Israel stammenden, in Basel lebenden Cembalistin Tamar Halperin. »Wunderkammer« ist wohl auch aus Überdruss an der Wiederholung des ewig Gleichen entstanden.

Im Oktober konnte ich Wollny mit eben diesem Projekt im Frankfurter Hof in Mainz erleben. Sein artistisches Pianospiel ließ mich staunen.
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Das Darwin-Jahr 2009 ist das Jahr von Julia Voss. Als Autorin und Redakteurin trägt sie zum vielfältigen Darwin-Special der FAZ bei. Besonders »Darwins Jim Knopf«, eine psychoanalytische Arbeit zu Michael Endes »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer«, von ihr interpretiert als des Autors Auseinandersetzung mit der Darwinschen Evolutionstheorie und deren Pervertierung im Nationalsozialismus, erregte einiges Aufsehen. [2] Dafür hat ihr die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Sigmund-Freud-Preis 2009 für wissenschaftliche Prosa verliehen.

Auch ihre Dankesrede bringt Lesegenuss.

[1] Rudolf Maresch beobachtet und analysiert auf Telepolis, es ist das Beste und Fundierteste, was man weit und breit dazu lesen kann. Zum Beispiel da, da, und vor allem da: Der Horst Seehofer der deutschen Philosophie.
[2] hier ein Abriss des bei Fischer erschienenen Essays: Jim Knopf rettet die Evolutionstheorie


Spannende Bücher über Wirtschaft

         

Doch, es gibt sie: spannende Bücher über Wirtschaft, die auch für wirtschaftswissenschaftliche Laien faszinierend sind. Zum Beispiel:

Was bin ich?

Altruismus, Amokläufer, Attentäter

Wie sind Selbstmordattentäter und Amokläufer zu diesen geworden? Was ist notwendige Voraussetzung, welche Fehlanpassungen gibt es, wie wichtig ist die religiöse u/o kulturelle Differenz?

Im Kapitel „Helden und Terroristen“ ihres Buches „Der Darwin-Code“ erklären Thomas Junker und Sabine Paul basierend auf den statistischen Untersuchungen terroristischer Anschläge der letzten Jahrzehnte die biologischen Hintergründe, die evolutionäre Logik dieses Verhaltens.

Diese 26 Seiten sind das Erhellendste zum Thema, das ich bisher lesen konnte. Mit diesen Basics im Kopf müsste man sich »Paradise Now« noch einmal ansehen (können). Denn wir haben seit Tausenden von Jahren, wir werden auf absehbare Zeit es weiter mit diesen Phänomen zu tun haben.

P.S.: Sascha Lobo fasst pointiert in einem einzigen Satz die „Erlaubtheiten“ zusammen, mit denen unsere politische Kaste den Handlungsrahmen absteckt.

Happy Birthday, Charly!

Darwin ist Pop, nun ja. – Die Programm der Party klingt vielversprechend; auf geht’s!

Kulturkampf im Darwin-Jahr

Das feine Poster gibt’s beim Haken.

Starke, auch polemische Worte von kamenin in einem langen Beitrag zu Evolution und den Windungen der Theologie finden meinen ungeteilten Beifall:

Als Wissenschaftler sollte man sich nicht von Theologen den Mund verbieten lassen. Es ist wesentlich, dass man in der Darstellung darauf Rücksicht nimmt, was wissenschaftliche Messung und was philosophische Ableitung ist […] Im Gegenteil: die Philosophie und all ihre noch weniger wissenschaftlichen Unterdisziplinen haben lange genug Aussagen über das Weltbild gemacht. Es wird Zeit, dass diejenigen die Philosophie an sich nehmen, die eh mit der einzig brauchbaren Motivation an die Sache herangehen: etwas über die Welt herauszufinden.

Dass das Theologen nicht gefällt, sollte niemanden überraschen.

Dass Naturwissenschaftler Latten zu überspringen hätten, die ihnen Theologen aufgelegt hätten, die jetzt mit Punktkärtchen am Rand stehen und das alles beurteilen wollen: das ist Gott sei dank vorbei. Und irgendwann wird vielleicht sogar in der Politik ankommen, dass Theologen die letzten sind, über deren Stöckchen man springen muss. Die Malaise um Fototermine mit Bischöfen nie verlegener Politiker und Medien ist mit schuld daran, dass auch ehrenwerte Theologen heute noch ein so verzerrtes Selbstbild von sich selbst haben können, qua dessen sie Begutachter sein wollen, was statthafte Metaphysik sei.


Darwin-Mythen?

Nächstes Jahr ist Darwin-Jahr: 150 Jahre „On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life“, vor 200 Jahren wurde der Autor geboren.

Im Natural History Museum gibt’s dazu eine große Ausstellung, wobei kleine, fast unscheinbare Exponate Mythen, falls es sie denn gibt, zu widerlegen scheinen:

1. Die Evolutionstheorie habe Darwin zum attackierten Außenseiter gemacht.
2. Kirche und Wissenschaft seien über die Auseinandersetzung zerbrochen.
3. Große Wissenschaftler sind abgründige Genies, die in düsterer Entschlossenheit die Welt mit ihren Entdeckungen schockieren.

Tatsachen sind, dass Darwin ein Staatsbegräbnis erhielt, und dass der Bischof von Carlisle die Gedächtnispredigt hielt. (Trotzdem halte ich persönlich Naturwissenschaft und Religion für Antagonismen.) Und:

Der klügste Mann Englands im 19. Jahrhundert hatte die besten Ideen in einem mit Kletterpflanzen bewachsenen Landhaus, während Kinder auf die Rückseiten seiner Manuskripte Zeichnungen kritzelten.

So schreibt Frau Voss, die bereits in der Ausstellung war.

Komplexität als evolutionäre Chance

Wissenschaftler der National Academy of Sciences wollen einen ersten Hauptsatz der Evolution herausgefunden haben: Komplexität ist erfolgreicher. (Das klingt gut, scheint gar im Alltag „erfahrbar“ zu sein.) Jedenfalls auf der Makroebene, meinen die Wissenschaftler. Bei Krustentieren und deren Gliedmaßen. Bei einer Art von Mehrzellern, die wiederum anteilig an der gesamten Biomasse in der Minderheit sind. Weshalb Lars Fischer auch meint:

Die eigentlichen Gesetze der Evolution sind diejenigen, die in der Welt der Einzeller gelten – und davon, die zu entschlüsseln, sind wir heute noch sehr weit entfernt.

Apropos Gliedmaßen: Die des Boston Dynamics Big Dog sind auch nicht übel!

(Abgefischt, Planckton, übermensch)

Schöpfungslehre und Evolution

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bezieht Position, und wendet sich damit gegen nicht zuletzt von Politikern beförderte reaktionäre Tendenzen in der Gesellschaft.

(via idw)

[UPDATE:] s.a. Kreationismus-Kontroverse in Hessen (via Side Effects)