Artikel getaggt mit ‘Film’

Dezember 26th, 2011

Meek’s Cutoff

»Meek’s Cutoff« ist den Kinobesuch auf jeden Fall wert. Gestern waren fast so viele Besucher im Mainzer Palatin, wie im Film Darsteller spielten. Immerhin.

Die amerikanische Indie-Regisseurin Kelly Reichardt hat einen intensiven Film über Aspekte des Oregon Trails 1840f. gedreht. Das traditionelle 4:3-Format erweist sich für die Konzentration als förderlich. Das Licht, die Farben, der Sound, die Story, die Figuren – alles ist treffsicher arrangiert und keine Sekunde langweilig. (Vielleicht ist Michelle Williams als Emily Tetherow schon ein klein wenig zu viel “Star”.) Es geht um Vertrauen, um konkurrierende Vorstellungen über den zu gehenden Weg. Dass diese konkreten Konflikte zwar eskalieren, aber nicht gelöst werden sondern offen bleiben, gefiel mir.

In den Jahren 1840 bis 1870 durchquerten mehr als eine Viertelmillion Menschen den amerikanischen Kontinent, um den Westen der USA zu besiedeln. Lillian Schlissel, 1982 bei Erscheinen des Buches Direktorin des Seminars für American Studies am Brooklyn College in New York, hat die Tagebücher von westwärts gehenden Frauen zusammengetragen, kommentiert und mit zeitgenössischen Photos versehen: »Frauentagebücher aus dem Wilden Westen«. Darin, auf Seite 45, findet sich folgendes Zitat der damals 13jährigen Lucy Hall Bennett, das den Hintergrund der Story des Filmes erläutert:

Wir trafen Steve Meek, der uns von einer besseren Route nach Willamette Valley erzählte. Ein Teil des Zuges weigerte sich, diese Abkürzung zu nehmen, und zog auf der alten Emigrantenstrecke weiter, aber viele folgten Meek auf dem Weg, der seither ‘Meeks Abkürzung’ heißt… Die Route war zuvor von den Pelzhändlern der Hudson Bay Company benutzt worden und war vielleicht für Lastpferde geeignet, aber sicher nicht für Emigranten auf Ochsenkarren. Das Wasser war voller Alkali, man konnte es kaum trinken. Es gab nur wenig Gras, und nach kurzer zeit hatte all unser Vieh wunde Füße von dem spitzen, steinigen Untergrund. Nachdem mehrere aus unserer Reisegruppe gestorben waren, wurde deutlich, daß Meek absolut nichts über die Route wußte.

s.a. die Rezension auf ZEIT-Online, Christoph Hochhäuslers virtuellen Meek’s Cuttoff Filmclub, Thomas Grohs Besprechung beim Perlentaucher (zweite Hälfte des Textes)


April 3rd, 2011

Sonntagslektüren #1

Vier interessante Artikel in der heutigen FAS:

Julia Schaaf über Nicolette Krebitz (aktuell erstklassig im wirklich sehr sehenswerten Film »Unter dir die Stadt« von Christoph Hochhäusler) – »Am Tisch mit schönen Frauen«:

Wer über das Aussehen von Frauen redet, wenn es eigentlich um ihre Arbeit gehen sollte, untergräbt ihren Wert und ihre Position.

Nils Minkmar über den „Mangel an Reflexion, Argumentation und intellektueller Redlichkeit” deutscher Außenpolitik angesichts Gaddafis: »Der Terror den wir dulden«.

Man kann nicht am Ende der Welt das Leben von Soldaten für Prinzipien riskieren, die man am Mittelmeer verrät.

Ulf von Rauchhaupt empfiehlt eine ganze Menge spezieller Apps: »Daddeln für den Wissensdurst«.

Und schließlich, versteckt im Regionalteil: »Zwischen Frankfurt und Frankreich« – Florian Balke über Peter Kurzeck und dessen neuen Roman »Vorabend«. (Balke moderiert die morgige Lesung Kurzecks in Frankfurt, der Beginn von dessen Lesetour 2011.)

Juni 3rd, 2010

Männer

Gestern Abend gab’s hier in Mainz eine sehr interessante Podiumsdiskussion. Das Institut für Filmwissenschaft hatte Olivier Assayas und Christian Petzold eingeladen, Prof. Dr. Oksana Bulgakowa und Dr. Roman Mauer moderierten. Die beiden innovativen Regisseure des französischen und des deutschen Gegenwartskinos sprachen, wirklich ständig auf einander Bezug nehmend, über ihren Arbeitsstil, Einflüsse, ästhetische Grundhaltungen usw. Es gab da interessante Vergleiche bzw. Übereinstimmungen zwischen Assayas Film »Demonlover« von 2002 mit Petzolds »Yella« von 2007 einerseits sowie »Carlos« (2009) und »Die innere Sicherheit« (2000) andererseits zu hören. [1]

Aus dem Publikum kam die Frage zum Vorgehen beim Casting der männlichen Darsteller. Christian Petzold ging dankbar darauf ein, wurde in seiner Antwort gar etwas episodisch. Es sei schwierig, gute Schauspieler mit maskuliner Ausstrahlung im so genannten besten Alter zu bekommen, irgendwie gäbe es nur noch Typen, die mit Ende 40 gerade aus der Pubertät ‘raus sind oder die eine irgendwie tastende, zweifelnde, ständige Selbstreflexion ausstrahlende Körpersprache haben. Kurz, so Typen, denen man abnimmt, dass sie ein Pferd reiten oder ein Fenster öffnen können, seien knapp. – Als Dominik Graf »Im Angesicht des Verbrechens« gedreht hat, sei der Markt für zwei Jahre praktisch leergefegt gewesen.

Das hat natürlich gar nichts mit den haarsträubenden Dingen zu tun, die man da im Manifest der grünen NRW-Männer – „Nicht länger Machos sein müssen“ – lesen muss. [2]

[1] CARGO 02/2009 brachte ein sehr interessantes Gespräch mit Assayas und zu »Carlos«. Der Film lief 2010 in Cannes außerhalb des Wettbewerbs.
[2] Gerhard Amendt hat im dradio auf die Ängstlichkeit und Hilflosigkeit des Textes deutlich hingewiesen.


Mai 14th, 2010

Ver-rückt

Christoph Hochhäusler will darüber nachdenken, aus dramaturgischen Gründen dem Sichtbaren gegebenenfalls ein Voice-Over [1] hinzuzufügen. Altmeister Alain Resnais hat in »Les herbes folles – Vorsicht Sehnsucht« genau das und noch viel mehr Ungewöhnliches gemacht. Alle Figuren sind normal und stehen doch ausreichend weit neben dem Erwartbaren, Durchschnittlichem. Die Kamera tanzt mindestens so wie die Dialoge springen, Farbe ist nicht einfach bunt [2] und rund um das Kino im Film wird „natürlich“ eine Kulissenwelt gebaut. – Resnais beweist mehr Mut und sein Film zeugt von mehr Kreativität als z. B. alle mir bekannten Wettbewerbsfilme der letzten großen Festivals zusammen.

Lukas Foerster nennt den Film in seiner sehr treffenden Rezension Free Jazz. Mir rutschte unmittelbar beim Verlassen des Kinos seit langen wieder einmal das mir offenbar spontan höchst mögliche Lob heraus: Toll.

[1] Natürlich nicht so einen altmodischen Off-Kommentar, der erklären muss was nicht zu sehen ist und noch dazu nervend oberlehrerhaft daherkommt. Wie es Michael Haneke in »Das weiße Band« macht.
[2] Man schaue sich dazu diesen Trailer an.


Februar 21st, 2010

Berlinale-Nachlese

5 Tage Berlinale 2010 sollten 13 Screenings (9 mal Internationales Forum, 3 mal Panorama, 1 mal Berlinale Shorts) bringen – nachdem das Anstehen bzw. Ansitzen an der Vorverkaufs­kasse erledigt war. (Theoretisch wäre für die ersten beiden Tage auch eine Internet­reservierung möglich gewesen. Theoretisch.) In meinen Augen lebt die Berlinale cineastisch vom Forum; der Gegensatz zum Wettbewerb ist zwar politisch nicht mehr unversöhnlich wie vor 40 Jahren, ästhetisch aber nach wie vor evident. Man kann das, was im und um den Berlinale-Palast herum passiert, getrost ignorieren, denn es gibt anderswo genug Spannendes zu sehen. (Die Kritiker von Berufs wegen leiden dafür öffentlich ob des schlechten Niveaus im Wettbewerb.)

Gleich der erste der gesehenen Filme: »El recuento de los daños / The Counting of the Damages« von Inés de Oliveira Cézar aus Argentinien beeindruckte wegen seiner Bildfindungen und des Tones und blieb bis zum Schluss in meiner persönlichen Spitzengruppe.

Auch der im Panorama gezeigte tschechische Film »Kawasakiho RŮŽE / Kawasaki’s Rose« von Jan Hřebejk bleibt in guter Erinnerung. Die Story handelt über die Grenzen von persönlicher und kollektiver Erinnerung und fragt nach Schuld, Vergebung und der Konsequenz für das eigene Tun (Katalogtext). Der wiederum sehr gut fotografierte Film hat das Potenzial zu “großem Kino”!

OR
 L Y

Angela Schanelec zeigte im Forum ihren Film »Orly« – in meinen Augen der beste der gesehenen Filme. Abgesehen von zwei kurzen, einführenden Szenen sowie je einer Taxi-Fahrt am Anfang und am Ende des Films spielt die Handlung ausschließlich im Pariser Flughafen Orly, also an einem der typischen Nicht-Orte (Marc Augé) unserer Zeit. Die Architektur und Zeichensprache der Wartehallen, Cafés, Gepäckkontrollen, Duty-Free-Shops, Rolltreppen – allesamt sind sie global genormte, enthistorisierte, entindividualisierte Räume. (Wobei die riesigen, luftigen Hallen von Orly ästhetisch aus einer besseren Zeit zu stammen scheinen.)

Die Kamera bleibt, dank Teleobjektiv (zur Erinnerung: lange Brennweite, geringe Schärfentiefe), fast immer weit weg von den fokussierten Personen, entnimmt der Menschenmasse einzelne Körper und Gesichter, fokussiert sie im kleinen Schärfenbereich, während um sie herum, in der Unschärfe, das Leben weiter geht. (Und das ist hier tatsächlich so: die Statisten sind keine Statisten, sondern fast immer “echte” wartende Flugreisende, die nichts ahnend in diesem Film “mitspielen”.) Wir sehen so an diesem Nicht-Ort Individuen, hören ihre Gespräche, beobachten ihre Unruhe. Die Bilder und die per Micro-Port vor Ort aufgenommenen Dialoge der zwei, drei oder vier Paare sowie der dazu passende minimal-artige Sound sind ein Fest für die Sinne, man kann sich daran einfach nur erfreuen. (Nur auf den aus dem Rahmen fallenden, “geschwätzigen” Cat-Power-Song hätte Schanelec besser verzichten sollen.)

Die »Orly«-Filmbilder verdanken wir dem Kameramann Reinhold Vorschneider. Und der hat diesen Job auch in Thomas Arslans »Im Schatten / In the Shadows« meisterlich gemacht. Der Film beginnt mit einer tollen, langen Szene, die regennasse Friedrichstraße aus einem Café heraus beobachtend. Und er endet mit einer wiederum tollen Bildfindung, einem langsamen Fade-out hin zur Leinwand ganz in Schwarz. Dazwischen viele gut gefilmte Autofahrten und sehr präzise Bewegungen des Protagonisten Trojan. Optisch ein sehr gelungener Film, die Gangster-Story und die hölzernen Dialoge – darüber breite ich dezent den Mantel des Schweigens.

Was war sonst noch?

Die ganze Berlin-Story, alle gesehenen Filme und der Link zu den neuen Mashup-Trailern gibt es bei fishandchips: Roter Vorhang.

Außer Atem, das Berlinale-Blog vom Perlentaucher.

Querschnitt: Die Querschnitt-Kritikergruppe und Schnitt-Autoren berichten von der Berlinale.