Artikel getaggt mit ‘Geschichte’

September 30th, 2010

Karl-Markus Gauß: Im Wald der Metropolen

Der Fortschritt macht aus Gefängnissen am Ende Museen.
Karl-Markus Gauß, »Im Wald der Metropolen«, S. 123


»Im Wald der Metropolen« (Paul Zsolnay Verlag Wien, 2010) ist der erste Text, das erste Buch von Karl-Markus Gauß, das ich gelesen habe. Den Anstoß gab die Rezension in der NZZ vom 3. September, gelesen auf dem Rückflug aus Barcelona. Am liebsten hätte ich das Buch noch an Bord bestellt.

Gauß macht eine imaginäre und zugleich reale Reise durch die Landschaften, die Kulturen und Literaturen Mitteleuropas, er reist durch sein Bücherregal und durch Bibliotheken, durch ein Mitteleuropa aus österreichischer Perspektive. Das schließt aus historischen und geografischen Gründen schon einmal Orte und Personen ein, die aus deutscher Sicht nicht unbedingt naheliegend sind. Hinzu kommt als Leseanreiz, für mich jedenfalls, sein ausgeprägtes Interesse für und sein Fokus auf Randständiges, auf nicht genügend Beachtetes oder Vergessenes, auf Arabesken. Gauß erklärt es mit seinem schon frühen Faible, eine Literaturgeschichte des Scheiterns – eine “imaginäre Geschichte der gescheiterten Bücher, der aufgegebenen Projekte, der Erfolge mit bösen Folgen, der untergegangenen Talente” – schreiben zu wollen. (S. 256)

Was ist das nun für ein Buch, was ist das für eine Sorte Text? Spannende Reisebeschreibung, biografische Bruchstücke, anschauliche Geschichte, interessante Miniaturen zur Literatur-, Sprach-, zur Kulturgeschichte, gar Ethnografisches kann ich identifizieren, alles wird vom Autor gekonnt gemixt; der Klappentext nennt es zutreffend “eine Kulturgeschichte Europas, wie wir sie bisher noch nicht gekannt haben, geschrieben in einer Prosa, für die es keinen Vergleich gibt”. Zumindest habe ich derartiges noch nicht in solcher Perfektion gelesen. (Klaus Theweleit schaffte manches Mal eine ähnlich gelungene Verquickung, aber das ist lange her.) Gauß gliedert einerseits den Text in 13 Kapitel, die wiederum mehrseitige Abschnitte enthalten. Diese jedoch sind vom Ganzen nicht isoliert, Motive und Personen und Orte tauchen später erneut auf. Das kam mir gelegentlich wie wohlüberlegt gesetzte, medienuntypische Hyperlinks vor. Es gibt zur Freude des Lesers sehr elegante Übergänge zwischen den Kapiteln und Abschnitten. Und so wird der Lesefluss nicht beeinträchtigt, auch wenn Gauß die Kapitel gerne mit Abschnitten anreichert, die in der Überschrift als Apropos, Addendum, Postskriptum, Epitaph, Fußnote, oder gar als Noch ein Schritt zur Seite gekennzeichnet sind. – Das Buch ist voller Seitensprünge, kleiner Schritte zur Seite – wie schon bei Karl von Ligne, einem seiner Protagonisten. (S. 295) Dabei kommt Gauß, egal ob er auf Seiten des gemeinen Lesers voraussetzbar Bekanntes oder vermutlich nur Spezialisten Geläufiges erzählt, völlig ohne didaktischen Zeigefinger aus; der detailreiche und atmosphärisch dichte Text liest sich so unterhaltsam, dass es, wie schon gesagt, eine Freude ist.

Auffällig sind auch solche Nebenhandlungsstränge wie »Die Neulateiner I-V«, in diesen Abschnitten werden kurz Literaten, Aufklärer, Wissenschaftler der Zeitgeschichte mit, das ist entscheidend, Affinität zum Lateinischen als Lingua franca der Zeit, porträtiert. Oder die plötzlich gehäuft auftretenden Erwähnungen der Kategorie Schönheit, zum Beispiel auf den Seiten 68/69, über den slowenischen Schriftsteller Ivan Cankar schreibend:

Es ist nicht die Hoffnung auf politische Veränderung, die das Dunkel erhellt, sondern die Sehnsucht des Menschen nach Schönheit. [...] Ein Kind der Armut, hat Ivan Cankar im Dreck und Elend, im Schlammtal des versehrten Lebens, niemals die Überzeugung verloren, dass es die Menschen nicht nur nach Brot und Gerechtigkeit, sondern auch nach Schönheit hungert. [...] Über jedwede soziale und nationale Forderung hinaus behauptet er in der Anrufung von Vrzdenec den Anspruch des Menschen auf Schönheit. Die Schönheit ist weder eine akademische Frage, für die Professoren der Ästhetik zuständig, noch ein Reiz, auf den Dandys abonniert sind. Sie ist nichts anderes als ein Anrecht des Menschen, gleich dem auf Brot, Behausung, Bildung, und dieses Anrecht muss er sich durch keine Verdienste erwerben, es fällt einem jedem schon durch seine Geburt zu.

Was porträtiert, verknüpft Karl-Markus Gauß im Einzelnen? Eine sicherlich unvollständige Auflistung der Gaußschen Reisestationen und Themen…

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Mai 13th, 2010

Schandpfahl in Schwein

Bragança, CitadelaIm Citadela genannten mittelalterlich ummauerten Stadtgebiet von Bragança steht eine 6m hohe Säule, die wiederum in einem durchbohrten Schwein steckt. Die Säule ist ein so genannter Schandpfahl (Pelourinho) und ist das Symbol für die Gemeindehoheit, für das 1464 erhaltene Stadtrecht. Die Schweine-Figur wiederum heißt Porca da Vila und ist keltischen Ursprungs; sie soll ein Symbol für die Fruchtbarkeit sein. (Ein Klick auf die Bildchen zeigt diese größer an.)

Bragança war der Sitz des Hauses Bragança, einer Adelsfamilie, die von 1640 bis 1910 den portugiesischen König stellte und später auch den brasilianischen Thron besetzte. Deren 1187 erbautes Schloß ist erhaltenes und fotogenes Wahrzeichen der Stadt. In der Citadela steht auch das Domus Municipalis, ein aus dem 11. Jahrhundert stammendes Bauwerk römischer Architektur. Auch die Kirche, Igreja Santa Maria, ist romanischen Ursprungs – und innen leider hässlich barockisiert. Deswegen zeigen wir hier nur die Tulpe vor der Kirche.


Februar 22nd, 2010

Das Rheintal zwischen Mainz und Köln

Auf beiden Ufern des Flusses sind nur Weinberge, fünf Meilen von Mainz weg bis drei italienische Meilen vor Köln sind die Hügel auf beiden Ufern ganz mit Reben bepflanzt. In Entfernungen von je einer halben italienischen Meile liegen auf beiden Ufern 235 Orte und 15 feste Städte, von denen je ein Teil den Erzbischöfen von Mainz, Köln und Trier und dem Pfalzgrafen gehört, und eine Anzahl von festen Schlössern des Adels auf den Höhen, wie es in Deutschland Sitte ist.

Das notierte Antonio De Beatis 1517 in seinem Reisetagebuch [1]; De Beatis war in seiner Eigenschaft als Sekretär des Kardinals Luigi d’ Aragona mit diesem in Westeuropa unterwegs.

Was mich aufhorchen lässt ist nicht der Umstand, dass die Reisegesellschaft in Mainz die Pferde stehen ließ und auf zwei Schiffe umstieg. Was wohl deren Tribut an die Schönheit des Tales war. Das Gebiet liegt heute an der nördlichen Weinbau-Grenze, darüber hinaus lohnt sich dieser wirtschaftlich kaum. Damals, zu Beginn des 16. Jahrhunderts, war das so genannte mittelalterliche Klimaoptimum schon lange vorbei, und eine kleine Eiszeit voll im Gange. Es war im Mittel deutlich kälter als heute. [2]

Dem Weinbau hat es, wenn überhaupt, nicht dauerhaft geschadet.

[1] »Die Reise des Luigi d’ Aragona durch Deutschland, die Niederlande, Frankreich und Oberitalien, 1517-1518, beschrieben von Antonio de Beatis«, hrsg. von L. von Pastor, Freiburg i. Br. 1905; zitiert in Roberto Zapperi, »Abschied von Mona Lisa«, München 2010
[2] Ich berufe mich auf: R. Glaser, Ch. Beck, H. Stangl, »Zur Temperatur- und Hochwasserentwicklung der letzten 1000 Jahre in Deutschland«, S. 60f.


November 29th, 2009

Mainzer Republik

Manchmal versucht Lokalpolitik über den Tellerrand zu schauen, nach den Rockzipfeln der Geschichte zu greifen.

Der Rheinisch-Deutsche Freistaat, besser bekannt als Mainzer Republik, konstituierte sich im März 1793. Da war, nach zunächst als Befreiung empfundener, begrüßter französischer Besatzung, die Revolutionsbegeisterung der Mainzer schon fast verschwunden. Nur 372 Mainzer, etwa acht Prozent aller Wahlberechtigten, beteiligten sich an der Parlamentswahl. 126 Gemeinden, darunter Speyer, Worms und Bingen schickten ebenfalls Abgeordnete ins Mainzer Parlament. Unter ihnen waren radikale Jakobiner und konservative ehemalige Ratsherren. Gleichwohl werden sie heute als die ersten demokratisch gewählten Parlamentarier im Reich bezeichnet. Dieser erste deutsche Demokratieversuch gilt als die Geburtsstunde bürgerlicher Demokratie in Deutschland.

Wie es endete wissen wir. Mainz wird von preußischen, sächsischen, österreichischen, hessischen Truppen umzingelt, belagert, in Brand geschossen. (Goethe war dabei.) Die unterlegenen Franzosen ziehen ab. Nachdem das Gebiet wieder zum Reich gehört, wagt sich auch der Erzbischof Erthal aus seiner Zweitresidenz Aschaffenburg zurück. Während in Frankreich die Revolution in die blutige Diktatur des Wohlfahrtsausschusses umkippt, werden verbliebene deutsche Republikaner für Jahre inhaftiert; die Revolution, die nur durch die Franzosen zustande kam, die Revolution, die vor allem von den Intellektuellen getragen wurde, scheiterte. (Das sollte sich wiederholen)

Georg Forster war so einer, in erster Reihe. Der Geograph, Naturforscher und Literat, der mit James Cook die Welt umsegelte, der vom Erzbischof zum Leiter der Universitätsbibliothek Berufene war Vorsitzender des Mainzer Jakobinerklubs, später Vizepräsident des Parlaments und Überbringer der “Reunionsadresse” an das französische Parlament.

Auf den heutigen Straßen und Plätzen in Mainz erinnert sehr zu meiner Verwunderung nichts, kein Denkmal, kein Straßen- oder Platzname, wahrscheinlich auch keine Gedenktafel an das bedeutende Ereignis oder an Georg Forster.

Doch das könnte sich im kommenden Jahr ändern. Der Ortsbeirat Altstadt hat sich am 28.10.2009 fraktionsübergreifend und einstimmig für die Umbenennung des Deutschhausplatzes und des Ernst-Ludwig-Platzes in “Platz der Mainzer Republik” ausgesprochen (Bericht). Auch aus dem Landtag kommt Unterstützung, sogar ein Georg-Forster-Denkmal soll es geben.

Auf einmal sind alle dafür. – Besser spät, als nie. Genau wie im Falle Gutenbergs.

November 8th, 2009

Fackelträger

In der Eifel, bei Gemünd, an der Urfttalsperre, liegt Vogelsang, eine von drei NS-Ordensburgen, und

nach den Parteitagsbauten in Nürnberg mit fast 100 ha bebauter Fläche [...] die größte bauliche Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus in Deutschland.

sagt die Wikipedia.

Auf dem Gelände, auf dem Sonnenwend-Platz, steht der Fackelträger:

Die Inschrift lautet: Ihr seid die Fackelträger der Nation / Ihr tragt das Licht des Geistes / voran im Kampfe für Adolf Hitler

Überraschend für mich war, dass das Gelände bis 2005 Truppenübungsplatz des belgischen Militärs war.