Monthly Archives: Mai 2004

wir schlafen nicht

Kathrin Rögglas neuer Roman »wir schlafen nicht« gibt tiefe Einblicke in die Parallellwelt von Angestellten aus dem IT- und Unternehmensberatermileu. Röggla durchleuchtet die eigene sprachliche Welt, hat dazu gesammelte Äußerungen montiert, verfremdet und verdichtet: man sieht die Figuren durch die Schablone ihrer Sprache. Sie schlafen nicht. denn es geht um Organisation, um Content, um Kommunikation. Sie erzählen von der Droge Arbeit, von Hierarchien, Erfolg und Privatleben, es geht um das „commitment für das system“. Ein sehr subtiler Text.

Henri Cartier-Bresson

Fotografieren heißt, gleichzeitige Erfassung eines Ereignisses und innerhalb von Sekundenbruchteilen die genaue Anordnung des visuell Wahrgenommenen, das es wiedergibt und seine Bedeutung ausmacht. Es bedeutet Kopf, Auge und Herz auf dieselbe Augenhöhe zu bringen. Es ist eine Art zu leben.

Henri Cartier Bresson

Eine phantastische Retrospektive des Meisters begann heute in Berlin, geniale Bilder sind zu sehen.

Wir müssen diese Bilder zeigen

Klaus Theweleit spricht im heutigen SZ-Interview über die Folter-Bilder aus dem Irak. Er moniert die Heuchelei westlicher Zuschauer, die sich der Illusion hingeben, in einer zivilisierten Welt zu leben.

Wenn man sich die Linie ansieht, die Pasolini gezogen hat von Sodom über de Sade, den französischen Adel, die Salò und die SS bis zur italienischen Großbourgeoisie, dann liegt darin die Behauptung eines Universalismus der Folter, die schlicht zutrifft. Jede Gesellschaft hat einen bestimmten Prozentsatz von Menschen wie die US-Soldatin Lynndie England, die sich vor gefolterten Irakern ablichten ließ, Menschen, bei denen Sexualität umschlägt in Gewalt, in die Zerstörung des anderen. Unter den Bedingungen des Krieges darf sich diese Neigung endlich Bahn brechen. […]

Wir können diese Bilder verdrängen, aber dann geben wir uns jener Illusion hin, die die harmlosen Ausgaben der Tagesschau verbreiten: dass wir in einer halbwegs zivilisierten Welt leben. Aber eine Öffentlichkeit, die immer noch so tut, als hätte sie nicht gewusst, welche Verwüstungen der Krieg anrichtet, ist scheinheilig. […]

Wenn man sich aber klarmacht, dass das ein Strang unserer Zivilisation ist, dass unsere Gesellschaft dieses ökonomisch-militärische Gewaltpotenzial hat, dass es global angewandt wird, […]


MoMA in Berlin (2)

Man muss wirklich nicht in der Ausstellung gewesen sein! (Man kann auch ins Kaufhaus gehen!)

Man kann aber auch, vom unterirdischen Foyer aus, statt des Einganges prima die beiden Ausgänge als Entree benutzen, um unmittelbar zu Gerhard Richters auratischem Zyklus »18. Oktober 1977« oder – nach dem Durcheilen von nur zwei Räumen – zu vier wunderbaren Bildern von Jackson Pollock zu gelangen.