Monthly Archives: September 2004

Flick und Schrumpfen

Die F.C. Flick Collection im Hamburger Bahnhof ist in aller Feuilleton-Munde, der Andrang zumindest am Wochenende enorm. Ja, ich habe die (kultur-) politischen Hintergründe dieser Ausstellung zur Kenntnis genommen. Ja, ich habe auch einige Probleme mit der öffentlichen Sammlungs-Untätigkeit und der daraus folgenden Abhängigkeit von Leihgebern, s.a. die MoMA-Ausstellung. – Doch was kann die Kunst dafür? Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof ist fast wandbildfrei; wer Installationen spannend findet und auch etwas für Fotografie übrig hat: nichts wie hin!

Jede vierte Stadt auf der Welt schrumpft, Suburbanisierung, Segregation, Flucht in prosperierende Gegenden sind weltweit Grund und Symptome, nicht nur in den untersuchten Stadträumen Detroit, Manchester / Liverpool, Ivanovo sowie Leipzig / Halle. Die Berliner KW zeigen die sehr interessante Ausstellung »shrinking cities«. Man kann ruhig ein paar Stunden einplanen, die Zeit vergeht schnell ob der ausgebreiteten Materialfülle. Schrumpfen ist auch eine Chance, die Kreativität der Betroffenen und Verbleibenden ist gefordert. Es kann, muss aber nicht Gartenbau zwischen Plattenbauten sein.

Rhythm Is It!

Ein toller Dokumentarfilm über ein großes Projekt: 250 Kinder und Jugendliche aus 5 berliner Schulen, Strawinskys »Le Sacre du Printemps«, Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker, Royston Maldoom. „Auf Augenhöhe“ mit 3 sehr unterschiedlichen Jugendlichen wird das Werden von Vertrauen, das Erweitern von Grenzen auf eine sehr mitreißende Art erzählt.

Ganz nebenbei gibt es ernüchternde Einblicke in die Welt von jugendlichen Hauptschülern (manche sprechen von „Restschule“). Und da ist der Gedanke, dass es nicht unbedingt viel mehr Geld braucht, um die Bildungsmisere zu überwinden.

Und nachträglich ist der Film für mich Anlass, über den Unterschied von Dokumentation und Reportage nachzusinnen. Beispiele für beides gab es ja in den letzten Monaten erfreulich viele in den Kinos.

Parkplatz Kulturforum

Gestern auf der Terasse des Kammermusiksaales sowie an der Bushaltestelle gestanden und geschaut: ziemlich sofort ist ersichtlich, was zwischen den Bauten des Kulturforums am meisten stört. Die Nutzung der Freiflächen als Parkplatz. Dass die sogenannte Piazetta ein unwirtlicher Ort ist, dass die Gemäldegalerie einen scheusslich-unfreundlichen Eingangsbereich hat, dass man nicht weiß und nur schwer erfährt, was da eigentlich „so läuft“ (Warum gibt’s keine wahrnehmbare Werbung, kein Marketingkonzept?), das alles und noch mehr erscheint mir verbesserungswürdig.

Man muss ja vom großen Berlin nicht gleich ein MQ wie im kleinen Wien erwarten, aber ein bisschen mehr Aufenthaltsqualität wäre nicht schlecht. Niveauvoller wird dank zebralog dort diskutiert.

Cabrio-Fahren in der U-Bahn

Zum Tag des offenen Denkmals konnte man auch die erste kommunale U-Bahn Deutschlands, die Schöneberger U-Bahn, von ungewohnter Seite kennenlernen. An den beiden End- und Umsteigebahnhöfen der heutigen U4 durfte man die Anlagen weit jenseits des gewöhnlich Zugängigen besichtigen. Der Innsbrucker Platz ist (potenziell) ein noch verkehrsreicherer Knoten als jetzt schon: auf 5 Ebenen könnte der Verkehr sich kreuzen, wenn die U10 gebaut worden wäre. Der Bahnhof unter dem Autobahn-Tunnel ist im Rohbau seit 26 Jahren fertig, gilt als Vorratsbauwerk.

Ein etwas anderes Erlebnis war’s dann, mit einem „Cabrio-Zug“ zwischen Insbrucker und Nollendorfplatz durch den beleuchteten Tunnel zu fahren, bei sonst normalem U-Bahn-Verkehr. Kleine Überraschung: eine Reihe von Grafitti-Signs im sehr aufgeraeumt wirkenden Tunnel.

Schwerbelastungskörper für Germania

Am Tag des offenen Denkmals war dieses Jahr eine Besichtigung des 1941 gebauten Schwerbelastungskörpers möglich. Der Berliner Unterwelten e.V. organisierte Führung und Vortrag zur Geschichte und Bedeutung des einmaligen ingenieur-technischen Bauwerkes, mit dem Belastbarkeitsmessungen des berliner Bodens vor dem Hintergrund der bis 1943 betriebenen Planungen für die Hauptstadt Germania, hier insbesondere für den Triumphbogen auf der Nord-Süd-Achse, vorgenommen wurden.

Die 12.650 Tonnen des pilzförmigen Bauwerkes erzeugten in 18,2 m Tiefe einen Bodendruck von 1,26 Meganewton je Quadratzentimeter. Das Bauwerk setzte sich innerhalb von zweieinhalb Jahren um 19,3 cm – zuviel, um den Triumphbogen, der 117 m hoch und 170 m breit werden sollte, ohne vorherige Bodenverdichtung zu bauen. Was damals schon möglich war.