Monthly Archives: Oktober 2005

Dschungel der Angst

Der Film »Tropical Malady« fiel zunächst durch mein Aufmerksamkeitsraster, das vordergründige Sujet – die homosexuelle Beziehung zweier Thailänder – interessierte mich nicht. Doch dann hörte und las ich: das ist der ungewöhnlichste, mysteriöseste Film, den es zur Zeit zu bestaunen gibt.

Es stimmt. Für den zweiten Teil.

Katja Nicodemus in der Zeit:

Man kann das Interpretieren aber auch einfach sein lassen. Und mit Apichatpong Weerasethakuls hypnotischen Bildern in den Wald gehen. Da ist zum Beispiel die Aufnahme eines riesigen Baumes, der in der Nacht minutenlang durch das Licht der Glühwürmchen zu pulsieren scheint. Als sei der Baum ein fremdartiges Lebewesen, eine riesige phosphoreszierende Qualle, die sich ins falsche Element verirrt hat. Oder die Szene, in der sich Jäger und Tiger eine Ewigkeit lang ins Auge blicken. In der Schwärze der Nacht hört man das langsam lauter werdende Zähneklappern des Mannes. Und die Zeit scheint wie eingesogen von der ewig flirrenden Urwaldwand.

Tropical Malady geht über unser klassisches Bilder- und Geschichtenverständnis hinaus. Womöglich gibt es auch gar nicht so viel zu verstehen in einem Film, der auf einer anderen, physischen Art der Wahrnehmung beruht. Einer Wahrnehmung, in der die Unterschiede zwischen Mensch und Wald, Geist und Tier unaufhaltsam vom Grillenzirpen eingeschmolzen werden. Wer sich Weerasethakuls Kino überlässt, den wird sein unheimlicher Seelendschungel, in dem jedes Käferbeinchen an unsere Kreatürlichkeit erinnert, so schnell nicht mehr loslassen.


Jung, schön, ohne Bildung, von Macht besessen

Das sind die fatalen Ingredienzen für ein glamouröses Leben, zumindest für das weibliche Rollenmodell irgendwo in der bürgerlichen Mitte. Wenn das fragile Fundament bröckelt, bricht sich Zerstörungswut Bahn. Hedda Gabler kann ihr selbstgebautes Gefängnis nicht sprengen, ohne sich selbst zu zerstören: „Um Gottes willen – so etwas tut man doch nicht!“

Was Henrik Ibsen vor über 100 Jahren für die bürgerliche Gesellschaft zu sagen hatte, ist heute für breitere Schichten relevant. Die Probleme sind diffundiert, sozialer Aufstiegszwang und Abstiegsangst in allen finanziellen Schichten der Gesellschaft evident. Thomas Ostermeier hat Recht, Ibsen ist für uns relevanter als Tschechov, als Revolutions- oder Betroffenheitsstücke, als zur Schau gestellte soziale Empathie mit den zu kurz Gekommenen dieser Welt.

Nach »Nora« eine weitere tolle Aufführung an der Schaubühne am Lehniner Platz. (Und so ganz nebenbei bekommt man auch noch einen heißen Tipp, was man mit einem Thinkpad auch anstellen kann.)

Herbstlicher Pixelsalat an Architektur

Was kann ich denn dafür, dass das dieses Jahr so ein goldiger Herbst ist?! Da muss man doch einfach aus der S-Bahn aussteigen und ein paar Schritte an der Spree entlang laufen! Und dort gibt es dann auch ein paar architektonische Bonbons der (Post-)Moderne zu sehen…


Web 2.0 – just another geek stuff?

Alle schreiben über das Web 2.0, nicht nur aus Anlass der Konferenz. Es ist einfach, sich darüber lustig zu machen, klingt ja auch komisch, Leben 2.0. Es grummelt, es „buzzt“, es „hypet“ nur so im Web (dasselbe im evolutionären Übergang von 1.0 zu 2.0?). Manche sind euphorisch oder distanziert, manche sind aus Prinzip dagegen, andere sehen das Potenzial, die Chancen durch neue Techniken für einen Paradigmenwechsel in der Nutzung des Web. (Eine Wiederauferstehung des Projektes Xanadu?)

Einige Beispiele: Tim O’Reilly gibt den Mastermind und schreibt eine Art Manifest, von prinzipiellen Skeptikern (IT doesn’t matter!) natürlich belächelt. Feuerhake bekennt sich zu den Web2.0-Charakteristika Partizipation, Kollektivismus, virtuelle Communities, Dilletantismus – zur Spielwiese voller interessanter Pflänzchen, und belustigt sich zu Recht über Moralisten. Alp Uçkan macht sich Gedanken über datenschutzrelevante Nebenwirkungen bei all den neuen anmeldepflichtigen Anwendungen. Es gibt begeisterte RSS-Liebhaber, Freunde der Content Syndication. Und last but not least gibt es die, die das Thema vor allem mit einem Aufschwung an den Technologie-Börsen in Verbindung bringen, ein deja vu zu den 1990ern spüren, wie Dave Winner:

„The Web is real. The Semantic Web is an idea and Web 2.0 is a marketing concept used by venture capitalists and conference promoters to try to call another bubble into existence.“

Ich denke, hinter all dem Tech-Hype und Marketing-Gebrabbel, in der bubble steckt genug Potenzial, das unseren Umgang mit, das die Landschaft der Webanwendungen, Software, eCommerce, … sukzessive verändern wird. Egal, wie man das Web nun nennt. – Warum?


Conceiving Ada

Nach dem eher als „drückend“ empfundenen Abend mit Joseph Weizenbaum noch einmal das Filmscript von Lutz Dammbeck »Das Netz« gelesen. Darin: David Gelernter, Computerwissenschaftler, Autor des Buches und CEO von Mirror Worlds, und seine Vison einer zukünftigen virtuellen Gesellschaft, die nur noch auf Software basiert. Auf Basis einer Software, die nicht wie Windows und Unix die Daten in Ordnern verwaltet, sondern in einem einzigen, schwarmförmigen „Zeitstrom“, wo alles gleichzeitig verfügbar ist und man nicht überlegen muss, wo es sich befindet. (Erinnert mich an Konzepte wie das von Pile (s.a. Die paranoide Maschine.)

Dann auch den zauberhaft-aufrührerischen Film von Lynn Hershman-Leeson »Conceiving Ada« wiedergesehen. Tilda Swinton als Ada Augusta Lovelace, sehr eindrucksvoll. Conceive steht laut Leo übrigens für: ausdenken, begreifen, ersinnen, fassen, konzipieren, verstehen, schwanger werden. Conceiving Ada: Ada zeugen.

Es geht weiter, Zukunft bleibt spannend!

P.H. und Schönheit III

Schönheit als das Begleitende, der Schimmer, der Wahrheitsfindung

Labiler Schönheitsmensch: das Ausbleiben der Schönheit macht ihn böse – noch böser macht ihn die Häßlichkeit

Wenn er die Schönheit empfand, dachte sich in ihm von selber sein Kind herbei

Gegen Abend: die Mädchen werden schöner, und ich werde schöner (Leidseplein)

Mein, zeitweises, Bedürfnis nach Schönheit in Gestalt einer Frau, auch nur (vor allem?) im Vorübergehen: es ist fast ein Hunger, etwas beinah Herzzerreißendes. (Wie sagte sie? Der Mann, ein hungry hole?) Und wenn die Schönheit da ist? Ist sie da

Nofretete = »Die Schönheit ist da, ist angekommen« = heute das weiße Schmetterlingspaar auf der leeren Mittagsstraße nach Albana

Die Idealherrschaft der Schönheit: indem sie jeden besänftigt und jeden an das erinnert, was er war

Wozu stachelt mich die Schönheit auf? Immer dazubleiben

Quelle: weitere Fundstellen zu einem alten Thema hier aus »Gestern unterwegs«


Herbst in Berlin II