Monthly Archives: Februar 2006

Lynn Hershman Leeson

Kürzlich ist »The Art And Films Of Lynn Hershman Leeson« erschienen, herausgegeben auch als ein Katalog der nun gewesenen umfassenden Werk-Ausstellung »Hershmanlandia« an der University of Washington. Lynn Hershman Leeson ist mir bisher nur als Autorin und Regisseurin der beiden auch technisch innovativen und inhaltlich super-interessanten Filme »Conceiving Ada« und »Teknolust« bekannt gewesen. Umso interessanter nun, auch ihre früheren Projekte : Performances, Photography und Video kennenzulernen – so gut es in einem Katalog geht.

»Conceiving Ada« war der erste Film, der komplett mit virtuellen Sets gedreht wurde. Es geht um Liebe, Sex, künstliches Leben, DNA-Transfer, Geschichte, Gedankenübertragung,… Tilda Swinton spielt die geniale Mathematikerin Ada, Countess of Lovelace, die Tochter von Lord Byron. Ada schrieb für Charles Babbage das erste Computerprogramm. (Beides, Babbage’s Computer und Ada’s Programm, entstanden nur „auf dem Papier“; später, über 140 Jahre später, sollte sich herausstellen, dass sie exakt und funktionstüchtig vorgedacht waren.) Der Computer-Expertin Emmy (ebenfalls Tilda Swinton) gelingt es mittels einer Computer-DNA-Erweiterung (die kommt von Sims, gespielt von LSD-Guru Timothy Leary) direkt mit Ada zu kommunizieren.

Lynn Hershman Leeson im Buch:

Using such diverse media as slides, drawings, animation, Quicktime video, and Photoshopped images to portray different time frames was quick and efficient. […] There is a magic in creating images such as those in Conceiving Ada and Teknolust. It is a smoke-and-mirrors, cut-and-paste process. I love to work with technologies as they are being invented, or even before anyone else has used them, because they have no history. How one uses these new possibilities can shape the future.

Der Inhalt der dem Buch beiliegenden DVD und somit einige Werke von LHS sind übrigens im Wesentlichen auch im Web erkundbar.

Die mit Artificial Intelligence dealenden Webprojekte, parallel zu »Teknolust« 2002ff entstand »Agent Ruby« (ein eDream-Portal) sowie 2004ff »Dina«, sind weitere Exkursionen wert.

Hier noch zwei Film-Stills aus »Conceiving Ada«:

     


Schießen Sie nicht auf den Touristen!

Das kleine, aber nicht leichtgewichtige Büchlein des Italieners Duccio Canestrini »Schießen Sie nicht auf den Touristen« ist eine Kulturkritik des unbefleckten Reisenden entlang der „Achse des Bösen“.

Reisen war immer schon eine verdammt unsichere, gefährliche Sache. Das reicht von der strapazierten Figur des Reisenden, der im Kochtopf endet, über die Wegelagerei zu Lande und Piraterie auf See bis zur früher schon und heute immer noch einträglichen Geiselnehmerei. Hinzu kommt die problematische Stellung, das Unbehagen, das ein Fremder, ob nun Pilger, Händler, Soldat, Missionar, Journalist, Einwanderer, Wanderarbeiter oder eben Tourist, in einer mehr oder weniger geschlossenen Gesellschaft erzeugt.

Canestrini beleuchtet den Status des westlichen Touristen in dieser Welt, sieht zum Einen Parallellen zu dem des Diplomaten: Neben der Tatsache, dass für Touristen die in der Fremde in der Patsche sitzen, das Außenministerium zuständig ist, sei hier an den Ex-Kanzler Schröder erinnert, für den Ferien (ob in Italien oder Hannover) keineswegs eine Privatsache waren. In armen Gegenden zumindest präsentiert der Tourist sich als Herold der Überflussgesellschaft – wo gehungert wird, sind Touristen nun mal nichts anderes als wandelnde Geldsäcke.

Der Mensch ließ sich bisher nie in seinem Mobilitätsdrang bremsen. Die Sicherheitsversprechen von Politik und Wirtschaft tragen dazu bei – und führen zu einer allgegenwärtigen Aufrüstung. Canestrini lässt das ganze Arsenal Revue passieren: Überwachungskameras, biometrische Identifizierung („fleischgewordenes Passwort“), Sicherheitskontrollen, Check-Ins, elektronische Fußfesseln, Datenbanken, bewaffnete Eskorten als Begleitung (wie zu Zeiten der Postkutschen und Massenpilgerfahrten, der ersten „Gruppen“-Reisen), Versicherungen, eingezäunte Ferienanlagen usw. Huxleys „Schöne neue Welt“ und Orwells „1984“ lassen grüßen. All das bildet auch eine Art „Airbag-Kultur“ heraus, bei der die Fetischisierung von Sicherheitsvorkehrungen und Versicherungen zu verantwortungslosem Handeln auf verführt.

Operation Enduring Holidays. Krisenfeste und gepanzerte Ferien. Natürlich wohlverdient, und deshalb auch gerecht und nicht verhandelbar, ebenso unverhandelbar, wie es der Lebensstil der westlichen Länder ist. Tourismus mit Schutzschild, Urlaub um jeden Preis?

Canestrini schließt sein sehr lesens- und bedenkenswertes Buch mit der Darstellung zweier alternativer Szenarien. Diese sind das Szenario der Abriegelung unter Aufsicht, mit fortschreitender Militarisierung des Tourismus, sowie das Szenario der Integration, ein nicht immunisierter, durchlässiger Tourismus. Beide Szenarien existieren parallell nebeneinander, man kann sich entscheiden, welches man persönlich vorzieht.

s.a. Der Mensch als Tourist bei Telepolis.
About Homo turisticus, Canestrinis Website:

Travel myths and holiday rythes are my personal field. Both with a scientific and an ethical approach.


Hamburg

Drei Impressionen aus Hamburg: Blick vom Altonaer Balkon, am Baumwall, in der Speicherstadt.

Nein, es hat nicht geregnet.


Schaulust

Im Altonaer Museum in Hamburg gibt’s für Interessierte wie mich die wunderbare Ausstellung »Schaulust – Sehmaschinen, optische Theater & andere Spektakel«. Der Filmemacher und Medienhistoriker Werner Nekes zeigt seine Sammlung, die mittels auch sehr seltener Objekte mehrere Jahrhunderte an Wissenschafts-, Technik- und Wahrnehmungsgeschichte illustriert. Sehr gut erfahrbar wird, wie die Bilder in der Zeit vor dem Film bereits das „Laufen“ lernten.

Mit Blick auf die heutige Debatte zur Bildwissenschaft ergeben die Sondierungen von Nekes am historischen Material, dass buchstäblich alle, heutigen neuen Medien zugeschriebenen, Leistungen wie anamorphotische Verzerrung, Bildebenenstaffelung, Mehrfachüberblendungen, Bildanimationen, morphing, mapping, Multimedialität, Interaktivität, Mehrphasenmontagen, Vexierkomposita etc. bereits anschaulich evident und begrifflich bestimmt in den historischen Medien vorgegeben wurden.

(Zitat und ausführliche Besprechung der Ausstellung bei Telepolis)

Berlinale VI

Eine Woche Berlinale-Urlaub ist zu Ende: 18 Filme, viele Stunden visueller Erlebnisse, zwischendurch gelegentliches Relaxen im hobbykeller, jede Menge Espresso und last but not least dank einiger Filme und Diskussionen am Vorurteile-Abbauen gearbeitet…

Der deutsche Film »Am Rande der Städte (On the outskirts)« von Aysun Bademsoy berichtet von „Deutschländern“, von ehemaligen türkischen Gastarbeitern und Heimkehrern, die am Ende ihres Arbeitslebens in ihrem Heimatland den Ruhestand genießen wollen. Sie haben ihr Geld in Wohneigentum in bewachten Wohnanlagen am Rande solcher Städte wie Mersin, Antalya und Izmir angelegt, leben recht wohlhabend, sind aber in der Heimat fremd nach all den Jahren, sind ausgegrenzt, finden keinen Kontakt mehr. Die meisten Probleme haben jedoch die Kinder, für die der Urlaub oft zur ungewollten Rückkehr wurde.

Sechs Kurzfilme zum Berlinale-Abschluss: je einer aus Palästina (aus dem eingemauerten), Israel (Frauen in der Armee), Neuseeland (junge Maoris sprayen aus den gleichen Motiven, aus denen fast überall auf der Welt gesprayt wird) – und Korea (Reminiszenzen an die Schulzeit), zwei aus Spanien (Thunfischfang vor der spanischen Küste für Abnehmer in Japan, die Kriminalstory eines Junkies).

Myself, El cerco (The Fence), Yasmine Tugani (Yasmine’s Song), Cajas (Boxes), Hayelet Bodeda (The Substitute), The Speaker

    

Berlinale V

Der heutige Tag begann mit »Men at work (Kargaran mashgool-e karand)« des Iraners Mani Haghighi. 4 Männer, stark gefährdet in Sachen midlife-crisis, auf der Rückfahrt von einem missglückten Skiurlaub. Sie sehnen die Übertragung des WM-Qualifikationsspiels Iran vs. Japan am Abend herbei. Bei einer Pinkelpause springt ihnen ein merkwürdiger Stein ins Auge und ins Hirn: das Phallussymbol(?) gehört gestürzt. Auf die komischste Art und Weise machen sie sich und vorbeikommende Helfer ans Werk. Doch trotz Esel, Stahlseil-Winde am Jeep, einer Kettensäge-schwingenden Frau u.a. will es nicht gelingen. Der Stein wackelt nicht. Spät abends, im Auto sitzend, das Fussballspiel wird abgepfiffen, 2:1 gewinnt der Iran, da stürzt der Stein tosend zu Tal (man sieht es nicht). Willkommen in Deutschland, Iran!

Es ist der komischste, heiterste Film, den ich bisher auf der Berlinale sah. Er unterläuft alle europäischen Erwartungen, denen zufolge ein hier gezeigter iranischer Film mindestens sozialkritisch sein muss.

Vom rumänischen Regisseur Tudor Giurgiu stammt der Film »Love Sick (Legaturi Bolnavicioase)«: incestuous love between brother and sister beats love between a girl and a girl.

Zum Schluss noch einen iranischen Film: »Gradually… (Be Ahestegi…)«. Maziar Miri blickt auf die iranischen Geschlechterverhältnisse. Ein einfacher Mann, der von seiner Ehefrau verlassen wurde, tut nicht, was seine Umgebung von ihm fordert. Er sucht sie, und nachdem er sie gefunden hat vergibt er ihr, statt sich scheiden zulassen, sie ins Gefängnis zu oder gleich umzubringen.

Zur iranischen Kinolandschaft und die Berlinale-Filme siehe auch Katja Nicodemus: Terminator trifft Chomeini in der Zeit vom 06.02.2006.

Berlinale IV

Nicht nur das Berlinale-Publikum besteht aus zwei Kategorien von Besuchern: Erstens die, die alles erklärt haben wollen, denen Sehen nicht genügt, die mitunter von den Filmemachern einen anderen Film wollen, als den, den sie gerade gesehen haben. Und zweitens gibt es die Anderen.

Der heutige Tag begann mit einem wunderbaren Film von Thomas Arslan: »Aus der Ferne«. Er ist Deutscher, hier geboren, lebt hier. Seine Familie stammt aus Ankara, dort ist er vor zwanzig Jahren zur Grundschule gegangen, war seitdem nicht mehr in der Türkei. Arslan begibt sich auf Entdeckungsreise, bereist Städte der Türkei von Westen nach Osten, von Istanbul über Ankara in den Südosten und Osten, die Grenzregionen zu Syrien, zum Iran, zu Armenien. Dort ist die Bevölkerung mehrheitlich kurdisch.

Arslan zeigt in sehr langen, sehr schönen Einstellungen Bilder von den Städten und Menschen, die ich so noch nicht gesehen habe. Istanbul ohne Brücken-Metapher! Die Menschen erzählen sich vor der Kamera selbst, spielen sich selbst, es gibt bis auf eine familiäre Ausnahme keine Interviews. Er reist nicht als Journalist, nicht mit dem anklagenden Blick dieser und anderer EU-Abgesandter. Und er spricht trotzdem den Genozid an den Armeniern an. Arslan nimmt die Position des Zugereisten ein, der auch wieder abreisen wird. Das Konzept, das, was er zeigen will, entwickelte sich jeweils vor Ort. Thomas Arslan:

„Der Blick auf die Türkei ist extrem verbaut durch Debatten, Meinungen und Vorurteile. Wenn Abstraktionen und Fiktionen zu sehr wuchern, finde ich es wichtig, sich wieder dem Konkreten zuzuwenden. Wir sehen die Straßen, die Häuser und die Kleidung der Menschen aus diesem Land, über das so viele, ohne etwas selbst gesehen zu haben, eine so bestimmte Meinung haben?“

Ich bin geneigt zu sagen, das war bisher der beste Film, in meinen Augen. Auf jeden Fall versöhnt er mit dem deutschen Film.