Monthly Archives: März 2006

Früher Tonfilm

1895 experimentierte der schottische Ingenieur William Dickson in den berühmten Edison-Labors mit der gleichzeitigen Aufnahme und Wiedergabe von Film und Tönen. Dabei entstand dieser etwas skurrile Film mit zwei tanzenden Männern und einem Fiedler: der große Kegel auf der linken Seite ist das „Mikrophon“ für das Wachszylinder-Aufnahmegerät. Der Film und der Wachszylinder wurden 1998 wiederentdeckt, repariert und von Walter Murch digitalisiert.

Der Film bei archive.org zum runterladen oder bei it&w zum ansehen.

(via it&w)

V

»V for Vendetta« ist sehenswert, allein schon wegen des aktuellen Themas: People should not be afraid of their governments. Governments should be afraid of their people. Das Pathos, das Holzschnittartige – vermutlich durch die Comic-Vorlage bedingt – muss man mögen oder aushalten können.

Der Film stellt hinsichtlich Diktatur, Manipulation, Gewalt, Bürgerrechte die richtigen Fragen, gibt aber klugerweise nicht die (nicht vorhandene, angeblich) einzig richtige Antwort; er hört im richtigen Augenblick auf. Wie es weiter gehen kann und wird wissen wir aus der Geschichte, zum Beispiel aus der Jakobinerzeit. Die Massen sind verführbar durch die Partei oder durch die Partei. Natalie Portmans Evey ist da auch nur ein Schaf, wenn auch ein besonders süßes. Alle ihre Handlungen sind manipuliert, durch perfiden brainwash hervorgerufen, egal ob im TV-Studio, beim Verrat oder beim Umlegen des Schalters.

Sehr überzeugend dagegen die Figur des Inspektors Finch, seine Entwicklung hin zu wirklichen Einsichten und Überzeugungen.

Über den Film: Telepolis (mit historischen Hintergründen), ein Trailer, die Website.

Perspektiven, weil wir schrumpfen

Auch in der Zeit wird gegen die Hysterie vom Aussterben polemisiert – und es werden schöne Perspektiven aufgezeigt, mögliche „Stellschrauben“ wider den Renten-Kollaps genannt.

Darwin verstehen [Nachtrag]

Christian Grapp hat mit seinem 4. Teil der Evolutionsserie lange gewartet. Neben der Betrachtung des gefährlichen Schmusekurses von Wissenschaftlern mit den Theologen fasst er die Gründe zusammen, warum die Evolutionstheorie so starken (zunehmenden) Zweifeln ausgesetzt ist. Ein paar Ausschnitte:

Es gibt keine singuläre Ursache. Die technologischen Desaster des letzten Vierteljahrhunderts spielen sicherlich eine Rolle bei der individuellen Bewertung von Wissenschaft. […] Auch psychologische Komponenten spielen eine Rolle. Eine ist die uns Menschen angeborene Eigenart, dem Zufall intuitiv keine Rolle zugestehen zu können. Wir suchen daher selbst in Situationen nach „Sinn“, wo es nachweislich gar keinen Sinn gibt. Zudem fällt es Menschen offensichtlich erschreckend leicht, in schizophrenen Teilwelten zu leben. […] Eine eindrucksvolle Begründung für das Erstarken von religiösen Fundamentalismen liefert aber ausgerechnet die Evolutionstheorie selbst. Der Philosoph Daniel Dennett stellt fest, Religionen seien in der sozialen Evolution offenbar sehr erfolgreich. Er argumentiert weiter, dass aufwändiges, nur schwer zu imitierendes Verhalten evolutionär belohnt wird. So in etwa wie das bunte, aber unpraktische Federkleid eines Pfaus. Wilde religiöse Vorstellungen wie die einer körperlichen Auferstehung seien somit spannender und erzeugten mehr Aufmerksamkeit, als nüchterne Erklärungen. […] Dieses Argument ist ernst zu nehmen, besonders von Befürwortern der Evolution, von denen viele immer noch naiv davon träumen, die Vernunft würde sich schon noch durchsetzen. Denn […] die Evolution [ist] kein Garant für die Höherentwicklung einer Spezies. Evolution ist vor allem Anpassung an sich verändernde Umgebungsbedingungen. Und das Maß für den Erfolg einer Art ist immer noch die Anzahl ihrer zeugungsfähigen Nachkommen, nicht die Zahl ihrer Nobelpreise.


Darwin verstehen

Man wundert sich schon manchmal fragend, warum sich Vernunft – hier Darwins Evolutionstheorie – so schwer durchsetzt bzw. dabei Rückschläge erleidet. Und das trotz stärkster Argumente. Zumindest in meiner Wahrnehmung war da schon einmal alles klar: in der Fachwelt wurde einiges sofort, anderes nach langem Kampf akzeptiert. Soweit normal. Via Schule schien die Evolutionstheorie auch bei den Massen angekommen zu sein. Warum also die Rückschläge?

Christian Gapp hat bei Telepolis in mehreren Teilen (1, 2, 3) zu den Schwierigkeiten mit Darwins Evolutionstheorie geschrieben. Er erläutert zunächst pseudo-wissenschaftliche Behauptungen, immer wiederkehrende Kernargumente und Argumentationsstrategien der Evolutionsgegner. Danach stehen gängige Trugschlüsse, Missverständnisse, Fehlinterpretationen von „Freunden“ der Evolutionstheorie im Fokus. Abschließend, im lange überfälligen und vielleicht nie erscheinenden 4. Teil soll es über das verminte – aber für mich uninteressante – Gelände zwischen Religion und Evolutionstheorie gehen. [UPDATE: Teil 4 ist inzwischen erschienen.]

Gapp zusammenfassend sehe ich die Hauptangriffsflächen für die Kreationisten u/o Intelligent-Design-Anhänger in folgenden Punkten:
– Erstens sind deren Argumente bzw. Behauptungen knapp und bündig formuliert, vielleicht „einleuchtend“ auf den ersten Blick. Die wissenschaftliche Widerlegung ist oft umständlich, länger, ausholender. Das ist ein wichtiger Vorteil im Zeitalter des Infotaintments, der medial allgegenwärtigen Konditionierung mit Info-Häppchen.
– Zweitens sind die kategoralen Begriffspaare Theorie – Hypothese, komplex – kompliziert, zufällig – zielgerichtet usw. umgangssprachlich und in der Wissenschaftssprache unterschiedlich besetzt, werden in der Alltagssprache oft schlampig gebraucht.
– Und drittens scheinen einige der vielwissenden Vielschreiber der populärwissenschaftlichen Literatur auch nicht gerade mit dem großen Durchblick gesegnet zu sein.