Monthly Archives: April 2006

Postfeminismus

Den Stand der Dinge in Sachen Emanzipation beschreibt Heike Faller – auf rutschendem Abhang stehend – in der heutigen Zeit.

Interkulturelles

Brian „Ur-Apache“ Behlendorf spricht in einem Interview über die Zusammenarbeit in Open-Source-Software-Projekten und was Unternehmen daraus lernen könnten. Und dass Programmieren für ihn nach wie vor (Kunst-)Handwerk ist und keine industrielle Fließbandarbeit, als solche nicht gut funktionieren kann.

Der für mich interessanteste Part des Interviews ist aber der, wo Behlendorf über seine Erfahrungen mit den Mitarbeitern in der indischen Firmen-Dependance, über die kulturellen Unterschiede spricht. Behlendorf gibt zu bedenken, weiß selbst keine Rezepte für diese Art kultureller Herausforderung.

In asiatischen Kulturen wird im Allgemeinen der Autorität viel mehr Achtung gezollt; da möchten die Leute weniger in Frage stellen, was gesagt wird. […] Die Menschen in Indien neigen dazu, ihre Probleme zuerst alleine oder mit ihren engsten Freunden lösen zu wollen, statt per E-Mail. […] Wenn indische Entwickler etwas konstruieren, was auf fremden Code beruht, und sie entdecken, dass dieser Code fehlerhaft ist, werden sie bestimmt nicht sagen: „Hallo, Ihr Code hat einen Fehler, den Sie beheben sollten. Ich glaube, ich kann Ihnen auch gleich die Lösung dazu geben.“ Stattdessen werden sie zehnmal mehr Code schreiben, um den Fehler zu umgehen, weil sie erstens die Autorität nicht in Frage stellen und zweitens die Arbeit einfach selber erledigen wollen.

Jeder, der einmal mit indischen Software-Spezialisten zusammengearbeitet hat, kann das wohl bestätigen. – Dies sei den Offshore-Apologeten hinterhergeworfen.

(via Newsletter von sigs-datacom)

G9.3

Ein besonders anspruchsvolles Beispiel für funktionierende Künstliche Intelligenz schwimmt seit einiger Zeit im Londoner Aquarium: G9.3, ein künstlicher Fisch, ein Roboter-Karpfen. Der autonome Roboter besteht aus fünf Segmenten, davon sind vier beweglich und werden von Elektromotoren angetrieben. Die Koordination der vier Körperteile zu einer gleichmäßigen, fließenden Bewegung erfolgt durch einen sich selbst optimierenden Algorithmus. Optimieren muss und kann der Algorithmus so Manches: den Flossenschlag, den Energiehaushalt der Pumpe, welche den Wasserpegel in der Schwimmblase reguliert, die Bewegungen des Trimmgewichtes am Rückgrat, um die Lage im Wasser zu verstellen. Die Orientierung erledigt der Roboter-Karpfen durch die Auswertung der Messergebnisse von vier Infrarotsensoren.

Technisch ist G9.3 eine Sensation. Die Besucher des Aquariums wissen es offensichtlich nicht zu schätzen.

(Ich hab’s erst jetzt via SpOn bemerkt, Telepolis wusste es schon im vergangenen Oktober.)

Studium und Ökonomisierung

Prof. Jutta Allmendinger, amtierende Direktorin des der Bundesagentur für Arbeit zugeordneten Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung wendet sich in einem bemerkenswerten Interview in der Zeit gegen die derzeit betriebene Ökonomisierung des Studiums. Nicht kurze Studienzeiten seien wichtig sondern der Erwerb von Schlüsselqualifikationen während des Studiums. Also Praktika und soziales Engagement während, nicht nach dem Studium – versus kurze Studienzeiten und super Abschlussnoten. Allmendiger polemisiert auch gegen den für lebenslanges Lernen kontraproduktiven Begriff „Abschluss“ und gegen die in Deutschland zusammengestauchte Fertilitätsspanne sowie die praktische Unvereinbarkeit von Studium und Kinder. Ihre Kritik richtet sich gegen kurzsichtige Ökonomisierung, nicht gegen die mit dem Bologna Prozess verbundene Umstellung der Studienformen und -abschlüsse. – Ein lesens- und bedenkenswertes Interview.

Gödel

Im Informatikjahr kann man ruhig auch ‚mal seine Gedanken noch ein paar mehr Dekaden als hier letztens beschrieben zurück fokussieren. Ende des Monats, am 28. April, ist der hundertste Geburtstag des Mathematikers und Logikers Kurt Gödel. Gödel bewies in den 30ern des vorigen Jahrhunderts den Unvollständigkeitssatz, der gaaaanz kurz zusammengefasst bedeutet, dass es formal unentscheidbare Sätze (Aussagen) innerhalb eines jeden (Formel-)Systems gibt. Noch griffiger ist’s vielleicht mit Der Kreter Epimenides sagt: „Alle Kreter sind Lügner.“ gesagt. Mit seiner Arbeit »Über formal unentscheidbare Sätze der Principia mathematica und verwandter Systeme« erschütterte er damals die Grundüberzeugungen führender Mathematiker, denen zufolge ihre Wissenschaft in sich selbst logisch beweisbar sei.

Gödels Unvollständigkeitssätze (es gibt noch einen zweiten) und seine sonstigen Arbeiten zur Logik waren in seiner Zeit essenziell für die aufkommende moderne Computerwissenschaft sowie die Kybernetik / Artificial Intelligence / Künstliche Intelligenz (Gödel im Stammbau des „Künstlichen Lebens“, zwischen Alan Turing und John von Neumann). Von Heinz von Foerster, einem anderen hero dieser Zeit, stammt das auf Gödel zurückgehende Paradox „Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden.“

s.a. Das Ende der Idylle (Christian Kirsch in der iX), Hofstadters Gödel, Escher, Bach, Gödel auf Dammbecks Website zu seinem Film »Das Netz«, sowie ein gut verständlicher Schul(!)-Aufsatz zum Unvollständigkeitssatz.