Monthly Archives: August 2006

Günter Grass

Joerg stellt in der Sache die richtigen Fragen.

Und, prinzipiell: Wer da immer nach moralischer Reinheit, nach der Untadeligkeit von Vorbildern schreit, überhaupt, wer solche makellosen Instanzen zur Orientierung oder Erziehung braucht, der hat keine Ahnung vom Menschen an sich und tut mir (etwas) leid.

Das gilt übrigens auch für die „Fälle“ Peter Handke und Bernhard Heisig.

Die Zukunft der Stadt

Die Zukunft der Stadt – Explodieren Schrumpfen Konkurrieren ist der Schwerpunkt eines zufällig erlangten, interessanten Heftes „Kulturaustausch“ des Institutes für Auslandsbeziehungen.

Es gibt interessante Beiträge, einige sind online wie der von Klaus Töpfer (Der Chaosplanet). Der des niederländischen Architekten Rem Koolhaas (Mut zur Lücke. Wir verplanen jeden Quadratmeter. Was dabei herauskommt, hat mit einer lebendigen Stadt nichts zu tun.) leider nicht. Deshalb und auch aus aktuellem Anlass hier eine schöne Passage über Überwachung, London und pro Vielfalt:

Im Rahmen einer Bestandsaufnahme davon, was die Stadt ist und was uns womöglich verloren gegangen ist, analysierte unser Büro anhand eines 40 Jahre alten idyllisch anmutenden Bildes der Isle of Wight, was heute alles nicht mehr möglich wäre. Das geht schon bei den Stoffüberdachungen los, die heutzutage mit dem CCTV-Kamera-Überwachungssystem in Konflikt geraten würden; es geht weiter mit den chaotisch geparkten Lieferwagen, den religiösen Symbolen im öffentlichen Raum und den verdächtigen Regenmänteln, mit denen die Menschen an einem sonnigen Tag herumlaufen. Mit anderen Worten: Was auf den ersten Blick einer Idylle entspricht, enthält genaugenommen eine Reihe irritierender Elemente, die wir heute nicht mehr tolerieren. Für mich ist das ein wichtiger Punkt, und ich denke, hier ist uns definitiv etwas verloren gegangen.
Es dauerte lange, bis ich London lieben lernte, aber zu seinen größten Vorzügen zählen für mich heute gerade die vielen Beispiele mangelhafter Stadtplanung, die mittelmäßige bis schlechte Architektur und die vernachlässigten Stadtviertel, in denen jedoch die unterschiedlichsten Menschen wohnen. Es handelt sich um das Gegenteil dessen, was wir professionell anstreben.


In the maybe world

Auf meinem Plattenteller dreht sich die neue Scheibe der Musikerin Lisa Germano: »In the maybe world«. Lisas Texte und Songs sind ja schon immer etwas anders, alternativ(e) im besten Sinne gewesen. Auch diesmal geht’s ums Leben, speziell um das, was am Ende steht: der Tod.

hey, hey
it’s just a rainy day
and I’ve gone blue

Listen! Es gibt einen freien MP3-Download und von allen Songs Samples.

(Tipp von Julia, Bilder von der verlinkten Seite)

Fremde sind wir uns selbst

Nicht nur die schwarzen Schockwellenreiter sind wieder unterwegs. Die Panikmache hat keine eineindeutige Farbe, die Idee vom Kampf der Kulturen ist ohne kritische Rezeption – es ist ja nicht alles falsch an Huntingtons Text – in breite Bevölkerungskreise diffundiert. Die Wurzeln für Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind in der Mitte der Gesellschaft zu finden, wie man spätestens an den selbst erlebten und medial verbreiteten Kommentaren zu diesem oder fast beliebig anderen Ereignissen merkt. Dazu gehört auch das Unbehagen vor dem Fremden, vor nach anderen Normen lebenden Menschen: zum Beispiel Frau Osthoff. In Kais rabenhorst kann man mehr dazu lesen,

wie populistische Rethorik weiter dazu beiträgt, dass nicht nur weitere Generationen von „home-grown Terrorists“ nachfolgen, sondern sich auch Fremdenfeindlichkeit in der Bevölkerung weiter ausbreitet.

Mich interessiert in diesem Zusammenhang nicht – sorry – der Aspekt, ob und wie mit der Terrorgefahr vermeintliche Sicherheitspolitik gemacht wird. – Bedenkenswerte Informationen und Meinungen dazu gibt’s von Florian Rötzer in Telepolis sowie von Kai im rabenhorst.) Mir kommt da wieder das einst gelesene »Fremde sind wir uns selbst« von Julia Kristeva in den Sinn.

Interessant am Fremden ist, dass all jene Elemente des Fremden Angst auslösen, die nicht in den eigenen symbolischen Haushalt zu integrieren sind. Wir seien so gepolt, dass der Fremde in uns längst vorhanden sei, noch ehe wir ihn äußerlich wahrnehmen. Deshalb kommt es – so Kristeva – darauf an, das Fremde anzuerkennen, nicht nur moralischer und politischer Optionen „sondern um unserer selbst willen“. Daraus leitet Kristeva auch eine Art psychopolitischer Utopie ab:

Können wir innerlich, subjektiv mit den anderen, die anderen erleben? Ohne Ächtung, aber auch ohne Nivellierung?

Im Unterschied zum traditionellen und ritualisierten Umgang mit dem Fremden, wie er etwa in „Die Welt zu Gast bei Freunden“ der Gastfreundschaft zu Tage tritt, geht es nicht mehr um die Aufnahme und die Integration des Fremden, sondern um ein Leben unter und zwischen Fremden. Die Anerkennung des Fremden beinhaltet im Kern das Eingeständnis, dass wir uns selbst Fremde sind:

Nicht mehr die Aufnahme des Fremden in ein System, das ihn auslöscht, sondern nach Zusammenleben dieser Fremden, von dem wir erkennen, dass wir alle es sind.

Wer kann von sich sagen, dass er restlos frei von Unbehagen gegenüber Fremden ist?

Fussball und Fetischismus

Hartmut Böhme wendet seine in »Fetischismus und Kultur« dargebrachte Deutung der Moderne trendgemäß aber passend auf den Fussball an. Da wird der Kult in vielen seiner Ausprägungen gewürdigt, die Stadien als moderne Kathedralen, die Orgie der Ansteckung, die Bekreuzigungen der Spieler, das magische Berühren des Rasens und anderes im religiösen Patchwork.

In seinen Deutungen des Spektakels, pop-kultureller Großereignisse als erlebnisintensive Sinn- und Gemeinschaftserfahrung ist er sich mit Theweleit – der andere Intellektuelle, von dem ich auch Auslassungen zum Fussball akzeptiere, mag – offenbar einig.

Lesenswert ist der ganze Essay, klar. Ich mag den Schluss besonders:

Das Tor gehört ja nicht eigentlich zum Spielfeld; es ist vielmehr ein typischer Taburaum, eine merkwürdige Leere, in der sich irgendwie das Allerheiligste des Kollektivs konzentriert.
Das begründet auch die archaische Sonderstellung des Torwarts, des Hüters von was auch immer: dem Heiligen, dem Schatz oder der Weiblichkeit, die in diesem Spiel der Männer eine Art abwesende Anwesenheit darstellt, das Unberührbare, das zu berühren der einen Seite orgiastische Triumphe und der anderen Demütigung und Schmach einbringt. Von diesem Taburaum aus erklären sich die erotischen Rhythmen des Spiels, das Eindringen und Zurückziehen, das Verlangsamen und Beschleunigen des Tempos, das Überwinden der Abwehr und die verbissene Verteidigung der Reinheit dieses seltsamen Torraums.
[…] Wenn es denn stimmt, dass Kultur abgezweigte libidinöse Energie ist, dann ist Fußball eine Allegorie der Kultur.

(via metamorphine)

Technodiversity

Im O’Reilly Radar bricht Allison Randal eine Lanze für Technodiversity – in Anlehnung an die erwiesenermaßen erfolgreiche Biodiversity und in Abgrenzung von in ihren Augen unsinniger Rivalitäten zwischen verschiedenen Open Source Projekten.

Technodiversity is often mentioned in the context of offering open source alternatives to proprietary products: Linux vs. Windows, Firefox vs. Internet Explorer, OpenOffice.org vs. Microsoft Office. But this misses a fundamental lesson of biodiversity: an ecosystem with a single species filling a necessary function is at risk of failure. The success of open source is not Linux, but Debian, Fedora, FreeBSD, NetBSD, OpenBSD, SuSE, Ubuntu, etc. A single open source language is not a success, the success is Lua, Perl, PHP, Python, Ruby, etc.

Was zum Teufel ist Lua? Fragt der Europäer, Brasilien ist weit weg. Diversität beginnt vielleicht im Kopf.

(via O’Reilly Radar)

Offshoring

In den letzten beiden Ausgaben der Informatik Spektrum (Organ der GI, und leider – das ist das Einzige, was ich der GI derzeit vorwerfen kann – nur ein papiernes Journal, es sei denn, man sitzt hinter dem Gateway einer Organisation, die Springer online abonniert hat) geht es in Hauptbeiträgen um das Thema Offshoring, um die Verlagerung von IT-Dienstleistungen in andere Regionen wie Indien und China oder Ost- und Mittelosteuropa („Nearshoring“). Einerseits werden die Internationalisierungs- und Standardisierungsprozesse in der Softwareentwicklung und bei den IT-Dienstleistungen als notwendig und sinnvoll beschrieben. Andererseits ist für erfolgreiche, und das heißt nachhaltige, Offshoring-Projekte die kooperative Unterstützung der hiesigen IT-Beschäftigten notwendig. Und da springt der Interessenskonflikt einem sprichwörtlich ins Auge. (Ich habe etwas eigene Erfahrungen mit halbherzigen Offshore-Frickeleien, Indien, Bulgarien, Weißrussland.)