Monthly Archives: Mai 2007

Wider dem Datensammeleifer

Unsere im Fachbereich „Informatik und Gesellschaft“ erarbeitete Position zum staatlichen Datensammeleifer, insbesondere zu ELENA, ist in eine offizielle Presseerklärung der GI e.V. eingegangen.

Visualisierungen

Auf zwei Webseiten mit Visualisierungsprojekten soll hier hingewiesen werden.

Links auf der Abbildung, das sieht nicht nur so aus, das ist ein Periodensystem der Visualisierungsmethoden. Martin Eppler und Ralph Lengler von der Università della Svizzera italiana in Lugano haben 100 Methoden der Visualisierung von Daten und Informationen im Rahmen von Visual Literacy: An E-Learning Tutorial on Visualization for Communication, Engineering and Business zusammengestellt. Beschrieben werden Methoden für die Visualisierungsklassen Daten, Informationen, Konzepte, Strategien, Metaphern sowie für eine als Compound bezeichnete Klasse.

Die Spielerei mit den MouseOver-Effekten ist zwar ganz nett, aber schwer lesbar. Chris Wallace hat einen Weg (XML, XQuery) gefunden, das Periodensystem samt seiner MouseOver-Effekten besser anzuzeigen und auch auszudrucken. (Funktioniert aber gerade nicht.)

Schon etwas länger in meinen Bookmarks befindet sich visualcomplexity von Manuel Lima. Der Fokus dieses Projektes liegt auf der Visualisierung von Netzwerken u.a. aus den Bereichen Kunst und Musik, Biologie, Business, Computersysteme, Internet und Web, Wissen, Mustererkennung sowie Transport. Darunter sind auch manche etwas skurillen Netze zu finden, z.B. „The Essence of Rabbit“ und „Mapping Terrorism“.

(via DIALOGUS)

Schiffe heben

Dieser Koloss steht in der Endmoränenlandschaft bei Eberswalde. Vor 80 Jahren begann man mit dem Bau dieser 60m hohen Konstruktion aus genietetem Stahl. Zweck des Ganzen ist es, Schiffe in einem Trog fahrstuhlartig-senkrecht entweder 36m hochzuheben oder herunterzulassen. Damit hat man eine vierstufige Schleusentreppe ersetzen können.

Mehr Informationen gibt es dort, mehr Bilder hier…

Berlin 2071

Noch ist der Winter in Berlin ziemlich kalt, zumindest für deutsche Verhältnisse. Der sibirische Einfluss ist deutlich spürbar, besonders wenn der Wind einem in den Straßenschluchten um die Ohren pfeift. (Ich hab’s noch nicht vergessen.)

Aber das ändert sich ja, so viel ist gewiss. Wieviel es wann sein wird, weiß natürlich niemand – aber alle publizieren fleißig Prognosen. Die folgende, kühne hat es mir wegen der Visualisierung angetan:


Bildquelle: guardian.co.uk

Die europäischen Hauptstädte sind von Wissenschaftlern der Bremer Universität entsprechend ihrem prognostizierten Klima neu platziert worden.

We wanted to translate the information we get from climate models in a way that is easy to understand. It can be hard to appreciate what a three degree rise means, but people can look at this and really grasp the scale of some of the changes.

Berlin in Nordafrika, unglaublich.

(via BLDGBLG)

Kaffeehaus-Lektüre II

Geht man zu Ringvorlesungen der Kulturwissenschaftler an der Humboldt-Uni zu Berlin, dann läuft man Gefahr, trotz eines spannenden Themas langatmig und artifiziell-unverständlich etwas im Wortsinne vorgelesen zu bekommen. Eine Ausnahme hinsichtlich Didaktik und Esprit (und informativer Homepage) ist Hartmut Böhme.

Die NZZ hat heute in der Rubrik Literatur und Kunst den Schwerpunkt „Langsamkeit“. Darinnen findet sich Böhmes Beitrag »Schildkröten spazieren führen«. Vordergründig bedient Böhme nicht die kulturkritische Klage – als deren Kronzeugen er Benjamin und Nietzsche zitiert – über das zu hohe Lebenstempo. Schon gar nicht in der materiellen Sphäre, da seien die Grenzen durch selbstregulierende Systeme evident:

Technische Entwicklungen führen zwar zu Verwerfungen im kulturellen Gefüge von Raum, Körper und Bewegung, aber sie haben innere Grenzen.

Der Mensch erweist sich dabei als das Tier, das evolutionsgeschichtlich deswegen so erfolgreich war, weil es eine fulminante Fähigkeit zur Anpassung an veränderte Umweltbedingungen aufweist. Mit der Materie teilen wir eine heilsame Trägheit. Sie schützt auch vor übermässigen Anforderungen der Akzeleration. Es ist diese materielle wie historische Trägheit, die mit der Fähigkeit zur Distanz zusammenwirkt: Abstand nehmen zu können auch zu unmässigem Tempo, ist eine unverwüstliche kulturelle Ressource, die tief in unserer anthropologischen Ausstattung begründet ist.

Doch die Epoche der „schweren“ Moderne ist vorbei, Böhme sieht uns zunehmend und zumindest teilweise im „transhumanen Raum“. Transhuman, weil er unbetretbar, abstrakt, virtuell, mathematisch ist.

In diesen Raum sind indes alle wesentlichen Aktivitäten verlagert: Wissensgenerierung, Verwaltung, Finanzströme, Entertainment, Kommunikation; selbst die Religion, die Politik oder der Krieg sind von diesem System abhängig. Die Architektur, die mathematische Modellierung und der Datenverkehr sind jeder Anschauung entzogen, weil sie mit einer Geschwindigkeit arbeiten, die durch keinen menschlichen Akt der Vorstellung nahegebracht werden kann. Dies zeigt, dass die Technokultur dabei ist, die Dimension des Menschlichen prinzipiell zu überschreiten.

Doch, hey, das ist nicht trostlos, da ist Hoffnung:

Betrachtet man […] den Verlauf der letzten zwanzig Jahre, so muss man indes auch konstatieren, dass die Menschen das Neue eigentümlich ungerührt weggesteckt haben. Es könnte ja sein, dass wir im Innersten nicht sonderlich davon erregt werden, dass eine Welt entsteht, die transhuman ist und von uns nicht mehr bevölkert werden kann. […] So leben wir dahin in unserer biophysischen Langsamkeit und lassen, wie wir den Göttern ihr Göttliches liessen, den Elektronen ihre aussermenschliche Geschwindigkeit.