Monthly Archives: Juli 2007

Doppelpack Saramago

Ich habe eben José Saramagos faszinierende Romane »Die Stadt der Blinden« und die »Stadt der Sehenden« ausgelesen. Interessant, worüber Saramago „angesichts“ des Chaos in der Stadt der Blinden unter diesen hinsichtlich der grundlegenden Prinzipien großer organisierter Systeme diskutieren lässt:

das Privateigentum, die freie Währung, der Markt, die Börse, das Steuersystem, die Zinsen, die Aneignung und die Enteignung, die Produktion, die Umverteilung, der Konsum, Versorgung und Entsorgung, Reichtum und Armut, Kommunikation, Repression, Verbrechen, Lotterie, Gefängnisgebäude, Strafrecht, Zivilrecht, Verkehrsregeln, Wörterbuch, Telefonbuch, das Netz der Prostitution, Rüstungsfabriken, die Armee, Friedhöfe, Polizei, Schmuggel, Drogen, unerlaubter, dennoch zugelassener Handel, pharmazeutische Forschung, das Glücksspiel, der Preis für Priester und Beerdigungen, Gerechtigkeit, Anleihen, politische Parteien, Wahlen, Parlamente, Regierungen, das konvexe, konkave, ebene, vertikale, schräge, konzentrierte, verstreute, entflohene Denken, die Entfernung der Stimmbänder, der Tod des Wortes.


1 Jahr Bahnhofsuhr

Vor einem Jahr hatte ich erfreut das Auftauchen klassischer Bahnhofsuhren auf dem hiesigen S-Bahnhof begrüßt. Seit Monaten stehen alle Uhren still, seit Wochen haben wohl auch die Betreiber die Hoffnung aufgegeben und die Streifen drübergeklebt.

Haus der Kunst

70 Jahre nach der Ausstellung »Entartete Kunst« zeigt man am Ort der damaligen, parallel stattfindenden nationalsozialistischen Propagandakunstschau – im Haus der Kunst – die von der Modern Tate kommende Werkschau von Gilbert & George sowie Christoph Schlingensiefs „18 bilder pro sekunde„.

Ich fand beides sehr spannend, hatte aber zu wenig Zeit. Das Programmheft schließt übrigens mit einem Zitat des Herrn Sauerländer von der SZ, demzufolge

Das Haus der Kunst, so möchte man sagen, […] das dissonante Gesamtkunstwerk in der kultivierten Konformität der Münchner Szene [sei].

Mein flüchtiger Eindruck war kein anderer.

Bergtour

Dieses Mal hat’s nicht geschneit, stattdessen brannte die Sonne unbarmherzig. Von Lenggries (680m) auf die Seekarspitze (1601m) – und mit zitternden Knien und weich im Kopf wieder runter: das könnte ein erstes und letztes Training für die Hardangervidda im August gewesen sein.

Quo vadis, Informatik(-ausbildung)?

Die Wirtschaftsinformatik-Professoren Elisabeth Heinemann (FH Worms) und Erich Ortner (TU Darmstadt) beklagen das Ungleichgewicht, die in ihren Augen falsche Schwerpunktsetzung bei der Informatikausbildung an deutschen Hochschulen. In ihrem Memorandum konstatieren sie ein Verhältnis von 1:10 zwischen daten- / systemzentrierter zu prozessorientierter Informatik in der Wirtschaft, dem ein umgekehrtes Verhältnis von 20:1 in der universitären Ausbildung gegenüberstehe. Dieses Memorandum schließt mit den markigen Worten

Wer heute noch reine Informatik studiert, scheint „mit dem Klammersack“ gepudert zu sein oder daran interessiert, in absehbarer Zeit zum neuen Präkariat zu gehören. […] Überspitzt formuliert sind viele Systeminformatiker in einer ähnlichen Lage wie ein T-Com-Mitarbeiter und gehören somit mittelfristig wohl zu den Verlierern.

Diese Denkschrift bleibt natürlich nicht unerwidert. Die Gegenpositionen der Professoren Oberweis (Karlsruhe), Nagl (Achen), Mayr und Broy (München) kann man unter der Überschrift „Konzentration des Informatikstudiums auf Anwendungsbereiche wäre fatal“ nachlesen.

[UPDATE:] Dazu passt diese Meldung zum Stand der Dinge nach dem Wechsel der „Technischen Informatik“ von Mannheim nach Heidelberg und der Zusammenlegung mit dem Heidelberger Studiengang „Anwendungsorientierte Informatik“.

Das Programm Selbstverblödung

Evaluation und Controllingansätze sind im Bildungswesen, an den Hochschulen mittlerweile Alltag geworden. Selbst auch damit befasst, aus der Wirtschaft kommende Managementmethoden zu adaptieren, dabei die Unzulänglich- und Vergeblichkeiten, Versuche und Scheitern, Aktionismus und Beharrungsvermögen reflektierend, Amateure, Macher, Zuschauer, Zyniker, Idealisten, Kritiker, Skeptiker, Gewinner, Verlierer auf allen Strukturebenen beobachtend – in dieser Situation lese ich nach einem Hinweis von Infobib die in der taz abgedruckten Auszüge der Abschiedsvorlesung von OSI-Professor Bodo Zeuner.

„Das Programm Selbstverblödung“ des Alt-68ers Zeuner ist eine scharfzüngige, persönliche und personifizierte Abrechnung mit der Ökonomisierung des Bildungswesens, mit der Doktrin von der Universität als Unternehmen, mit den Methoden des New Public Managements.

Das Ziel dieses Wandels ist es, Hochschulen zu schaffen, die privat nutzbare und auf dem Markt veräußerbare Waren produzieren.

Man kann auch formulieren: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. (Dass das wirtschaftlich risikofreie Agieren am Markt, wenn noch dazu mit Dumpingpreisen, diesen Markt oft kaputtmacht, ist ein anderes Thema.)

Der Witz bei dieser Marktunterwerfung ist, dass sie selbst dann funktioniert, wenn kein realer Markt existiert, auf dem Güter und Dienstleistungen gegen Geld getauscht werden. Eine Industrie von Ranking- und Evaluierungsfirmen versucht, einen Markt zu simulieren, auf dem die einzelnen Universitäten erbittert und besinnungslos um Anteile und Positionen kämpfen.

Zeuner kritisiert auch die Veränderungen in der Binnenstruktur der Hochschulen, idealisiert die Humboldtsche Gelehrtenrepublik und die 68ff erkämpfte Gruppenuniversität und deren akademische Selbstverwaltung, kritisiert die unternehmerisch ausgerichteten Parallelstrukturen wie die Stabsgruppe eines präsidialen Chefmanagers. Und er beklagt die Entsolidarisierung:

Suchen als Kulturtechnik

Ich meine nach wie vor, daß das „Suchen“ eine (Kultur-)Technik ist, die dem derzeitigen Web adäquat ist. Suchmaschinen bieten uns das Web auf diese Weise dar, und wir nehmen es auf diesem Weg wahr. Das ist nicht zu „verbessern“, es kann nur durch ein qualitativ anderes Angebot ersetzt werden. Dessen Erscheinen auf der Bühne kann man aber nicht erzwingen, es kommt, wenn die Zeit dafür reif ist, und zwar unabhängig vom Ressourceneinsatz und vom Know-How eines Projekts.

Jürgen Fenn im InetBib-Thread „Warum gelingt keine ernsthafte Konkurrenz zu Google„; dem ist nichts hinzuzufügen.