Monthly Archives: Oktober 2007

Import / Export

Noch ein deutschsprachiger Film, der nicht aus Deutschland kommt, und den man gesehen haben sollte. Dessen Bilder man im Kino kaum erträgt und auch danach nicht so leicht wieder los wird.

Der alltägliche Wahnsinn des Lebens, Aggressivität, Hilflosigkeit, Tod, Verfall, Sehnsucht, … wird eingefangen in wunderschönen Bildern und mit Humor gezeigt: aufwühlende Szenen, die einen zwischen Lachen und Heulen, Zynismus und Mitleid hin und her reißen können.

Der Film erzählt parallel zwei räumlich gegenläufige Geschichten. Zum Einen Olgas, die nicht mehr fast unbezahlt in einem schlecht ausgestatteten ukrainischen Krankenhaus arbeiten und sich auch nicht vor einer Webcam prostituieren will. Sie hofft auf ihr Glück im Westen, geht nach Wien. Sie erduldet die Demütigungen und Schikanen als Putze in Privathaushalten, in der Geriatrie. Auch Paul ist „ganz unten“ in der Hierarchie angekommen. Er fährt mit seinem Stiefvater durch die Tristesse Osteuropas, um dort in heruntergekommenen Siedlungen billige Kaugummiautomaten aufzustellen. Sie bleibt, er bleibt.

Ulrich Seidl – einer der Protagonisten des modernen österreichischen Films – ist, nach »Hundstage«, mit »Import / Export« wieder ein Meisterwerk gelungen.

  

(Website zum Film, Telepolis zum Film)

Nobelliteratur

Das interessiert von den hier Mitlesenden wahrscheinlich nur mich, aber darum schreibe ich ja…

Doris Lessing hat den Literaturnobelpreis 2007 bekommen, da gibt es meinerseits nichts zu meckern. Andere haben ihn schon für weniger, z.B. eine Blechtrommel, bekommen, und irgendwann wird Dylan auch noch dran sein. Wenn er fit bleibt.

Ich habe nur Lessings 1962 erschienenes »Das Goldene Notizbuch« gelesen: dreißig Jahre später, kurz nach dem Ende des Kalten Krieges, 1992 in Kalkutta. Die Umstände dort haben gewiss „geschmacksverstärkend“ auf mich gewirkt hat; es war formal und inhaltlich für mich damals der Hammer!

Kenner, gähnt ruhig weiter!

(Foto: © SHAUN CURRY/AFP/Getty Images, s.a. Beruf: Reisende)

Das weiße unbeschriebene Blatt

Stefan Betschon schreibt heute in der NZZ aus der Sicht eines Text-Produzenten über den Stau an der Mensch-Maschine-Schnittstelle:

Es müsste hier an diesem Arbeitsplatz viele Bildschirme geben, die man wie aufgeschlagene Bücher über Tische und Gestelle und Böden verteilen könnte, so dass sich viele Fenster öffnen auf verschiedene Aspekte der zu verarbeitenden Texte. Jeder dieser Bildschirme wüsste um seine Position im Raum, reagierte auf Berührungen, Bewegungen. Mit blossen Händen könnte man Textpassagen aufrufen, Textblöcke neu arrangieren. Mit einem Fingerzeig könnte man zwischen Textstellen Verbindungen herstellen, eine Passage von einem Bildschirm auf einen anderen verschieben. Es gäbe Tastaturen, aber auch Mikrofone sowie Kameras für die Erkennung von Gesten oder Grimassen. Es gäbe nicht nur ein einzelnes weisses Blatt, sondern eine Vielfalt von elektronischen Anzeigen, eine Rauminstallation, in der man sich bewegen könnte. Und das Schönste: Mit einem einzigen Fingerschnippen würden all die Fenster zuklappen, die Bildschirme sich einrollen, die Dokumente sich ablegen, die Systeme herunterfahren, die Lüfter verstummen. Es wäre ruhig im Büro, alle Arbeitsflächen aufgeräumt. Das weisse unbeschriebene Blatt wäre nicht mehr da.

Schönes Wochenende!

Unkritischer Umgang mit Internetsuchmaschinen?

Experten warnen vor sinkender Wissensqualität und sehen die Ursache im unkritischen Umgang mit Internetsuchmaschinen. – Man prügelt auf das Medium, aus Angst … wovor eigentlich? Natürlich steckt im Deep Web ’ne Menge wertvolles Wissen, was leider nicht ausreichend erschlossen und zugänglich ist. Und Informationsgewinnung kann selbstverständlich auch aus dem Brockhaus unkritisch erfolgen.

Auf Inetbib wird diese „Expertenhaltung“ von Klaus Graf zu Recht angeprangert, Rainer Kuhlen pflichtet bei:

Es ist durch empirische Untersuchungen hinreichend nachgewiesen, dass eine pauschale Aussage, dass ein Brockhaus wesentlich wertvoller ist als die Wikipedia, eindeutig falsch ist. Man kann tausende Wikipedia-Artikel angeben, aus denen kritische Studierende wesentlich substantiellere Informationen entnehmen koennen als aus dem Brockhaus.

Fundierte Informationen sind via OAIster oder Google Scholar oder Google Book Search oder Google Websuche sehr wohl zum Nulltarif (also ohne zusaetzliche Lizenzkosten) zu haben. Nach meiner langjaehrigen Erfahrung bieten kostenfreie bibliographische Datenbanken im Netz sehr wohl bessere bzw. wertvolle ergaenzende Informationen als die in den Hochschulnetzen Angebotenen.

(via inetbib)

heimatklänge

Heimatklänge – das klingt irgendwie bieder. Muss aber nicht, das sind Vorurteile. Im Stefan Schwieters Film »heimatklänge« mit Erika Stucky, Noldi Alder und Christian Zehnder geht es um weit mehr als „nur“ das Singen, er liefert auch Denkanstöße für die immer währende Diskussion der Werte Tradition, Familie, Heimat, Individuum, Gemeinschaft, Selbstverwirklichung …

Auch wenn die bisherige Resonanz konträr zu seinem Erfolg auf Festivals, z.B. der Berlinale ist: Ein absolut sehenswerter Film!


Marathon-Mann

Meinen Glückwunsch an Holger für seinen ersten und gleich erfolgreichen Marathon-Lauf!