Monthly Archives: April 2009

Wunschkatalog

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm Scheer ist auch erfolgreicher Multiunternehmer: u.a. die IDS Scheer AG (verdoppelt in der Krise mal eben den Gewinn) und der BITKOM werden von ihm geführt. In „Mit der Wirtschaftskrise aus der Ausbildungskrise“ formuliert er seinen Wunschkatalog an die zeitgemäße wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildung:

• mehr Schumpeter und weniger Keynes,
• mehr Wirtschaftsgeschichte und weniger Mathe,
• mehr Interdisziplinarität und weniger abstrakte Modelle,
• mehr detaillierte Branchenkenntnisse und weniger Generik,
• mehr Ethik und weniger Ego.


Kulturkampf (2)

Pünktlich zum Welttag des Buches und des Urheberrechts hat Jürgen Neffe („Einstein“, „Darwin“) in der Zeit einen langen Beitrag zum Kulturwandel in Sachen Buch geschrieben: „Es war einmal“. Die Ära des gedruckten Buches geht zu Ende, wenngleich es diese weiter geben wird. Die bestimmende Form aber ist die digitale, und Neffe findet das ganz und gar nicht traurig. Er macht auch gleich einige Vorschläge für die Vermarktung digitaler Texte. Insgesamt sieht er im digitalen Zeitalter sogar mehr Chancen für eine autorengerechtere Entlohnung. Neffe schließt mit

Womöglich werden wir oder unsere Nachfahren eines Tages, um das Lesen und Schreiben zu retten, noch einen Schritt weiter gehen und allen alle Texte und Inhalte grundsätzlich kostenlos zur Verfügung stellen. Freie Lektüre als Teil des Grundrechts auf Bildung – und als Erfolgsmodell moderner Wissensgesellschaften. Open Access wäre nicht der Untergang des Abendlandes. Im Gegenteil.

(In der heutigen FAZ ist übrigens ein Foto von Enzensberger vor seinem Bücherregal; darinnen präsentiert er stolz ein eBook-Reader.)

Herr Reuß (siehe hier) hingegen kann es nicht lassen: wiederholt und mit Methode vermengt er seine nicht unberechtigte Kritik an Googles Digitalisierungsaktivitäten auf der einen Seite und Open Access als Publikationsform vor allem von Naturwissenschaftlern auf der anderen Seite. Deshalb, wegen dieser Vermengung, kann man als vernünftig denkender Mensch seinen Appell nicht unterstützen! Mit viel Schaum vor dem Mund hetzt er in „Unsere Kultur ist in Gefahr“ gegen die „Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen“1) (die Anführungszeichen sind von ihm) und gegen Open Access – ohne dieses Wort in den Mund zu nehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Herr Reuß so dumm ist, nicht den Unterschied zwischen dem ungefragten Einscannen von Büchern und Open Access zu erkennen. Vielleicht nutzt er gar wissentlich seine Anti-Google-Kampagne in Sachen Urheberrecht zur Verleumdung von Open Access, dass in den Geisteswissenschaften mit seiner langsamen Buchkultur noch nicht Fuß gefasst hat? Vielleicht ist es Ausdruck eines Unbehagens vor Zeiten, wie sie Jürgen Neffe skizziert hat?!?

Können 1500 Unterzeichner2) irren? Vermutlich haben die weitaus Meisten gegen die als Enteignung3) empfundene Einscan-Aktion durch Google gestimmt, nicht gegen Open Access in der Wissenschaft, wie Reuss es darstellt und gerne hätte. Die Zahl ist das Maß der Dinge? Wenn ja, dann sieht’s vergleichsweise schlecht für den „Heidelberger Appell“ aus, denn die „Petition for guaranteed public access for public-founded research results“ hat bisher 27652 Unterzeichner (Stand 25.04.2009)

Die aktuelle Diskussion wird u.a. dort zusammengefasst:
• Informationsplattform Open Access: Aktuelle Diskussion um Open Access und Urheberrechte
• Infobib: Beiträge mit Tag heidelberger_appell sowie Materialsammlung zum Heidelberger Appell
• Archivalia: Open Excess: Der Heidelberger Appell
• delicious: CHs Bookmarks, alle Bookmarks

1) Alle deutschen Wissenschaftsorganisationen hatten sich gegen seinen „Heidelberger Appell“ gewandt und zu Open Access bekannt, haben den Vorwurf der Einschränkung der Publikationsfreiheit zurückgewiesen. (Gemeinsame Erklärung).
2) Politiker: Dass Frau Zypries den Heidelberger Appell unterstützt, wundert mich eigentlich gar nicht mehr. Frau Leutheusser-Schnarrenbergers Unterschrift hätte ich nicht erwartet.
3) Die Enteignung der Autoren durch die Verlage wird im Appell bezeichnenderweise nicht thematisiert.


Humboldt in Bologna?

Bologna ist der namengebende Ort für einen europäischen Prozess, der die Hochschullandschaften radikal verändert (hat): Umstellung auf Bachelor / Master, studienbegleitende Prüfungen, Credit Points, Konzeption der Studiengänge vom Workload her, Ausrichtung auf die Vermittlung von Schlüsselkompetenzen, auf „employability“ sowie schließlich ein etwas merkwürdiges qualitätssicherndes Akkreditierungssystem. Wilhelm von Humboldt prägte Anfang des 19. Jahrhunderts die klassische deutsche Universitätsidee, wozu auch die Rede von der „Einheit von Forschung und Lehre“ gehört. Der Bologna Prozess soll dafür sorgen, dass die Hochschulen dem Umstand Rechnung tragen können, dass heute weitaus mehr Studenten einen Abschluss begehren als noch in den 60er Jahren1), vor allem um im späteren Berufsleben eine größere Chance zu haben. Hinter Humboldt verschanzen sich die Bewahrer einer alten elitären Idee, die funktioniert hat, als man noch weitgehend „unter sich“ war, als fast nur Kinder aus bildungsbürgerlichem Hause studierten, vornehmlich um im Bildungswesen Berufskarriere zu machen, als die kulturelle Hegemonie des Bildungsbürgertums noch ungebrochen war.

Der Soziologe Uwe Schimank entlarvt in einem ausführlichen, lesenswerten Diskussionsbeitrag den Streit Bologna vs. Humboldt als Interessenskonflikt zwischen gesellschaftlichen Gruppen: „Humboldt: Falscher Mann am falschen Ort“.

Zusammengefasst: Humboldt lieferte die Ideologie derer, die ihren gesellschaftlichen Statuserhalt als relativ privilegierte Gruppe sichern wollten; Bologna hingegen ist die Ideologie derer, die sozialen Aufstieg durch akademische Bildung bewerkstelligen wollen. Doch dieser Konflikt ist bis heute von den ihn austragenden gesellschaftlichen Gruppen ebenso wie von den sie repräsentierenden politischen Kräften weitgehend unthematisiert geblieben. Man hat von Anfang an so getan, als gebe es ihn gar nicht.

Nebenbei kennzeichnet Schimank übrigens die Rede von der „Einheit von Forschung und Lehre“, dieses oft bemühte Humboldt-Ideal, als Euphemismus: niemand war an guter Lehre interessiert, weder die Professoren noch die Studenten. Unverständlichkeit etc. galt als Zeichen von Wissenschaftlichkeit, stärkte das Zugehörigkeitsgefühl, hatte systemerhaltende Funktion.

Wieder spricht also ein Soziologe mit demokratischem Gesellschaftssinn über die Hochschulreform; vor etwas über einem Jahr las und zitierte ich hierzu schon Dirk Baecker zur „nächsten Hochschule“2).

Pragmatiker sagen zum Bologna Prozess übrigens: nur kein roll back, aber ein paar Jahre Ruhe zur Konsolidierung sind unabdingbar!

1) 1966, in dem Jahr als die Beatles ihr letztes Konzert in den USA gaben, begann der Wissenschaftsrat eine Hochschulreform zu fordern. Mit dem Bologna Prozess wurde etwa 30 Jahre später diese gestartet.
2) Dirk Baecker, Studien zur nächsten Gesellschaft, Suhrkamp, stw1856, 2007, S. 98-115


Cant’t sleep!

Einfach Spitze! MouseOver!

Quelle: xkcd, a webcomic of romance, sarcasm, math, and language

Rhein-Main-Kulturtipp

Kulturtipps hatten wir hier lange nicht.

Am kommenden Wochenende ist so viel los im Hessischen, man muss aufpassen, dass man nicht wie das Kaninchen vor der Schlange sitzt – und gar nirgends hingeht.

In Darmstadt gibt es die Tage der Fotografie. In Frankfurt ist am Samstag Nacht der Museen.

Und in Wiesbaden heißt das Motto goEAST – dahinter verbirgt sich das 9. Festival des Mittel- und Osteuropäischen Films. Den Eröffnungsfilm, »Winter adé«, kann ich wirklich empfehlen. Es ist definitiv kein „Frauenfilm“, eher eine genaue Zustandsbeschreibung des Alltags in der siechenden DDR! Wenn man denn also wissen will, wie es damals „wirklich“ war…

Radtour Mainz – Frankfurt – Mainz

  

Man kann ganz gut auf dem hiesigen Radwegenetz radeln. Zum Beispiel auf dem Hessischen Radfernweg Nr. 3 von Mainz nach Frankfurt. Ich verstehe nur nicht, warum die Wegeführung so umständlich beschrieben werden muss. (Beispiele: 1, 2, 3) Schließlich muss man nur einfach auf die fast lückenlose Beschilderung achten. O.K., etwas Orientierungssinn sollte man schon haben, ebenso ist ein gewisses Antizipationsvermögen hilfreich: den Weg teilen sich nämlich die Radfahrer mit den Fußgängern, z.B. den Sonntagsnachmittagsspaziergängern…

Meistens ist der Main in Sichtweite, und schließlich kommt man nach etwa 40 km auch am Frankfurter Schaumainkai, der dortigen Museums- und Sonnenanbetungsmeile an.

Und, wie man zwischen Hoch- und Flörsheim bemerken kann, der 2009er Riesling kommt gewiss:


Osterspaziergang

25 km in den Weinbergen an der Nahe, von Staudernheim nach Bad Münster am Stein.

Im Bild die größte Steilwand zwischen den Alpen und Skandinavien, der Rotenfels, leider nicht in der Abendsonne, dafür etwas diesig.

  

(Die Bildchen sind wie immer anklickbar…)