Monthly Archives: Juli 2009

Osterhammels 19. Jahrhundert

„Das Restaurant demokratisierte den guten Geschmack. […] ein relativ prosaischer Vorgang: Die Französische Revolution […] machte eine große Zahl von Privatköchen der enteigneten und geflohenen Aristokratie arbeitslos. So entstand ein neues Angebot auf einem neuen Markt: Die Kochkunst wurde einem zahlungskräftigen städtischen Bürgertum zugänglich.“
Jürgen Osterhammel, »Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts«


Warum nur kann man sich in diesen Zeiten mit dem 19. Jahrhundert beschäftigen? Oft genug blickte ich in verständnislose Gesichter, erzählte ich von meiner Lektüre. Vielleicht hätte Name dropping überzeugt, die Liste ist ziemlich beeindruckend…

Jürgen Osterhammel hat im Verlaufe der Jahre 2002 bis 2008 mit »Die Verwandlung der Welt« eine mehr als beeindruckende Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts erarbeitet. Das materialsatte Epochenporträt, das der Autor als Interpretationsangebot versteht, ist bei C. H. Beck in der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung erschienen. Die Ausgabe ist technisch durchaus von hoher Qualität, man erfreut sich z.B. an exakten Registerverweisen und zwei praktischen Lesebändchen (zumindest in der 2. Auflage).

Die Verwandlung der Welt gliedert sich nicht nach Regionen, Nationen, Zivilisationen, Großräumen; auch Kolonialismus und Imperialismus werden nicht in eigenen Kapiteln besprochen, sondern immer mitbedacht. Migration, Ökonomie, Umwelt, internationale Politik und Wissenschaft nehmen als Themen breiten Raum ein. Den herausragenden Stellenwert des 19. Jahrhunderts in der Geschichte verdeutlicht er durch plausible Rück- bzw. Vorgriffe ins 18. bzw. ins 20. Jahrhundert.

Osterhammel sieht das 19. Jahrhundert als ein Jahrhundert Europas:

„Die Geschichte des 19. Jahrhunderts wurde in einem Maße in und von Europa gemcht, wie sich dies weder für das 18. noch für das 20. Jahrhundert sagen lässt, von früheren Epochen ganz zu schweigen. Niemals hat Europa einen ähnlichen Überschuss an Innovationskraft und Initiative, gleichzeitig auch von Überwältigungswillen und Arroganz freigesetzt.“

Trotzdem, trotz einer vorhandenen Europa-Zentriertheit, legt Osterhammel großes Augenmerk vor allem auf den asiatischen Raum, vor allem auf China, aber auch auf Indien und Japan.

Die drei Teile des Buches [1] heißen

  • Annäherungen
  • Panoramen
  • Themen

»Annäherungen« meint hier Voraussetzungen, allgemeine Parameter für

  • Gedächtnis und Reflexion, also
  • Sicht- und Hörbarkeit: z.B. Oper (als europäischer Kulturexport) und Stadtbilder,
  • Erinnerungshorte und Speichermedien: Archive, Bibliotheken, Museen, Weltausstellungen usw. sowie
  • Beschreibungen: Photographie, Soziologie und Statistik
  • Zeit: Kalender, Periodisierungen, Uhr, Beschleunigung
  • Raum: das Raum-Zeit-Verhältnis, Interaktionsräume, Raumordnungen, Grenzen, Frontiers

Schon die 180 Seiten Annäherungen sind unglaublich spannend geschrieben, und machen Lust auf den „Rest“ von reichlich 1100 Seiten (ohne Anhang).

Im »Panoramen« genannten zweiten Teil bietet Osterhammel in acht Kapiteln jeweils einen weltweiten Überblick zu einem Thema. Dazu gehören z.B. die Kapitel

  • Lebensstandards (mit extra Unterkapiteln zur Entstehung der kulinarischen Mobilität, zum Aufkommen von Warenhäusern und Restaurants)
  • Städte (z.B. Pilgerziele, Badeorte, Bergbaustädte, Hauptstädte, Residenzen, Industriestädte, Hafenstädte, Kolonialstädte,…)
  • Imperien und Nationalstaaten

In den sieben Kapiteln der »Themen«, des dritten Teils des Buches, bietet Osterhammel eher essayistisch formulierte Diskussionen einzelner Aspekte an. Wieder einige wenige Beispiel-Kapitel:

  • Energie und Industrie (das Jahrhundert der Kohle!)
  • Netze (u.a. Verkehr, Kommunikation, Handel, Geld)
  • Wissen (z.B. die Universität als europäischer Kulturexport)

nennen.



Alles in Allem ist es eine sehr spannende, soghafte Lektüre – die man auch in kleinen Portionen genießen kann. Tiefgründige und fachkundige Rezensionen kann man in den überregionalen Feuilletons [2] nachlesen.

Für erwähnenswert halte ich noch Osterhammels Aussage zur Entstehungsgeschichte des Werkes:

„Dieses Buch ist auf unzeitgemäße Weise entstanden: als ein Einzelunternehmen abseits von Drittmittelbetrieb und geisteswissenschaftlicher Verbundforschung. Ich […] habe keinen Projektantrag geschrieben, mich daher auch keiner Begutachtung unterzogen und war davon entlastet, Rechenschaftsberichte zu verfassen.“

Dennoch konnte das Buch natürlich nur durch großzügige Förderungen entstehen; wie es sich für ein Nachwort gehört, werden alle diese Förderer aufgelistet.

[1] Eine vollständige Übersicht zur inhaltlichen Gliederung kann man sich auf dieser Seite verschaffen: Osterhammels 19. Jahrhundert
[2] Übersicht zu Buchbesprechungen beim Perlentaucher: Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt


Kitsch & Avantgarde

„In einer Kultur,
in der niemand mehr Marx liest,
und kontroverse Diskussionen sich eigentlich nur noch um Sport drehen,
ist das Regietheater
zur letzten verbliebenen Schrumpfform linker Weltanschauung degeneriert.“

Daniel Kehlmann, Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele, 25.07.2009


Daniel Kehlmann hat mit seiner Rede [1][2] zur Eröffnung der Salzburger Festspiele Mut bewiesen und fast einen Eklat herbeigeführt. Er stellte die Auswüchse des dominierenden Regietheaters: Videowände und Spaghettiessen bloß und verspottete die, die ein solches Theater goutieren.

„Denn wer ein Reihenhaus bewohnen,
christlich oder ökologisch konservative Parteien wählen,
seine Kinder auf Privatschulen schicken will
und es dennoch für zwingend notwendig hält,
sich als aufgeschlossener Bohemien ohne Vorurteil zu fühlen,
was bleibt dem denn anderes als das Theater? „

Es liegt wohl an seiner Profession, dass er die Texte, den Autor vor den Regisseuren in Schutz nimmt. Dies ist auch völlig berechtigt.

Die Unterschrift unter den Heidelberger Appell bleibt für mich allerdings unverständlich.

(via Begleitschreiben)

[1] Video-Stream und Kommentar beim ORF
[2] »Die Lichtprobe« (vollständige Rede)

s.a. CARGO


Gravitube

„Für den Massentransport gab es in erster Linie Eisenbahnen und Luftschiffe. Die Eisenbahnen waren schnell und bequem, vermochten aber nicht die Ozeane zu überqueren. Die Luftschiffe konnten große Entfernungen überwinden, fuhren aber relativ langsam und waren sehr wetterabhängig. In den fünfziger Jahren brauchte man etwa 10 Tage, um Neuseeland oder Australien zu erreichen. Deshalb wurde im Jahr 1960 mit der Entwicklung eines neuen Verkehrssystems begonnen, das unter dem Namen Gravitube patentiert wurde. Es versprach störungsfreies Reisen an jeden Ort des Planeten. Die Reisezeit war stets dieselbe: etwas über vierzig Minuten, ob es nun nach Auckland, Rom oder Los Angeles ging. Es war möglicherweise die größte Ingenieurleistung, die sich die Menschheit je vorgenommen hatte.“
Vincent Dott, »Das zehnte Weltwunder: Die Gravitube«
Jasper Fforde, »In einem anderen Buch«

40 Jahre Mondlandung – nun ja. Die Strecke London – Sydney in etwa 40 Minuten zurücklegen zu können, finde ich im Augenblick spannender.

Dies ist theoretisch möglich. Galileo gab 1842 die korrekte Antwort auf die physikalische Frage, die zu jener Zeit viel diskutiert wurde: Was passiert, fiele man durch ein Loch, das genau durch den Mittelpunkt der Erde ginge? – Man würde bis zum Erdmittelpunkt mit zunehmender Geschwindigkeit und abnehmender Beschleunigung fallen, dort wäre die Beschleunigung Null. Danach ginge es mit abnehmender Geschwindigkeit und zunehmender Bremswirkung bis zum Austrittspunkt, bevor man wieder zurück fiele, und so weiter, und so fort – und unter der Voraussetzung, dass Luft- und sonstige Reibungswiderstände und die Corioliskraft vernachlässigt werden. [1]

Und so fiel Alice das Loch des Kaninchenbaus hinab. Sie fiel, fiel, fiel, und überlegte sich dabei, wie viele Meilen es bis zum Erdmittelpunkt wohl sein mögen, und ob sie wohl gänzlich durch die Erde hindurch fallen würde und bei welchen Längen- und Breitengraden sie ankommen würde. Sie fiel, fiel, fiel. Es gab nichts weiter zu tun, …

Das ist so, seit Lewis Carroll es um 1864/65 so wollte. »Alles über Alice« enthält u.a. die Texte »Alices Abenteuer im Wunderland«, »Durch den Spiegel und was Alice dort fand« sowie »Der Wesperich mit Perücke«. Der Band ist mit Tenniels Originalillustrationen versehen. Vor allem jedoch beeindrucken Martin Gardners unglaublich fundierte und detaillierte Annotationen [2], die einen ziemlichen Sog entfalten. [3]

Thursday Next [4] hat es 120 Jahre später in ihrem aufregenden Leben als Literatur-Agentin immer noch mit Figuren zu tun, denen schon Alice auf ihrer Reise begegnete. Und Next reist „wirklich“ mit der Gravitube von London nach Sydney! Die Stewardess leiert vor der Deep Drop genannten Reise die Sicherheitsbestimmungen herunter; so dürfen die Toiletten erst benutzt werden, wenn mindestens 40% der Schwerkraft zurückgekehrt sei. Der Shuttle wird in einer Luftschleuse eingeschlossen, dann erfolgt eine Dekompression, damit der freie Fall ohne Reibung erfolgen kann. Ein starkes Magnetfeld sorgt dafür, dass während der zurückzulegenden 8000 Meilen die Seitenwände nicht berührt werden und dass die Keramikröhre im Magma-Kern der Erde nicht schmilzt.

Thursday Next wird eine Visite in der Parallelwelt angedroht, dort fliegt man noch mit Jets um die Erde und braucht von London nach Sydney über 20 Stunden statt 40 Minuten, was ihr einigermaßen absurd erscheint.

Was würde sie wohl erst zum Phänomen Jetlag sagen?

[1] zur Physik dieses Gedankenexperiments siehe Hole Through The Earth Example
[2] Ich habe die deutsche Übersetzung aus dem Europa-Verlag gelesen. Im Web findet sich die englische Originalversion der Anmerkungen, »The Annoted Alice«.
[3] Und so hangelt man sich von Website zu Website; »Sylvie und Bruno« wird im Blog von Conrad H. Roth »Varieties of unreligious Experience« sehr schön analysiert. Dies, und Gardners Anmerkung Nummer 4, macht mich neugierig auf »Sylvie und Bruno«:
Carrolls Interesse an dem Problem läßt sich an der Tatsache ablesen, daß er im siebten Kapitel der Fortsetzung von »Sylvie und Bruno« außer anderen vertrackten wissenschaftlichen und mathematischen Kniffligkeiten (einem Möbiusband, einer projektiven Ebene und so weiter) auch eine bemerkenswerte Methode beschreibt, Züge mit der Schwerkraft als einziger Antriebskraft fahren zu lassen. Der Schienenstrang verläuft durch einen absolut geraden Tunnel von einer Stadt zur anderen. Da der Tunnel in der Mitte notwendigerweise dem Erdmittelpunkt näher ist als an den Ausgängen, rollen die Züge bergab bis in die Mitte und entwickeln dabei hinreichenden Schwung, um die andere Hälfte des Tunnels damit bewältigen zu können. Kurioserweise würde ein solcher Zug (wenn wir den Luftwiderstand und den Reibungswiderstand der Räder vernachlässigen) für die Fahrt ganz genauso lange brauchen, wie ein Gegenstand für den freien Fall durch den Mittelpunkt der Erde – etwas über zweiundvierzig Minuten. Diese Zeitspanne bleibt konstant, ganz gleich, wie lang der Tunnel ist.

Und man findet, auch dank Googles Book Search, vermutlich sehr interessante, jedenfalls vielversprechende Bücher: »Wittgenstein’s beetle and other classic thought experiments« von Martin Cohen sowie vielleicht auch »Hesiod’s Anvil: Falling and Spinning through Heaven and Earth« von Andrew J. Simoson.
[4] Jasper Fforde, »In einem anderen Buch« (Band 2 der Thursday-Next-Reihe)


Tank Girl

Auch digitale Fotoapparate sind umständliche Vehikel, meist zu langsam. Wann endlich wird man Gesehenes aus dem Gehirn direkt speichern können?

Ein durchschnittlich warmer Sommerabend in der Stadt. Wir durchschnittlichen Leute sitzen vor der Taverne auf der Straße, genießen den Wein, das Essen und uns.

Es kommt ein etwas punkiges Tank Girl mit zwei riesigen Hunden angeschlendert; rechts und links schaukeln zwei Bierflaschen auf den Hüften, springen in den Hosentaschen. Sie schlängelt sich betont lässig zwischen den Tischen hindurch, vorbei.

Ich bin eine Kraft des Vergangenen (PPP)

„Wir sind alle in Gefahr.“
Pier Paolo Pasolini, 1. November 1975


In den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts habe ich im Archivkino eine Menge Filme des italienischen Neorealismus gesehen, auch von Pasolini. Dann Fellinis »Amarcord«, Bertoluccis »Novecento / 1900«; ich sah überdeutliche Indizien dafür, dass in Italien die Uhren anders gingen…

In den Achtzigern des selben Jahrhunderts las ich Gramscis Gefängnisbriefe, ein Reclambändchen. Mich faszinierten diese intellektuellen Kommunisten, die waren so sehr anders als die, die…

In den Neunzigern las ich dann »Petrolio«, was mich nicht unbedingt zu einem Fan des Literaten Pasolini machte. »Salò / Die 120 Tage von Sodom« konnte ich immer noch nicht sehen.

ka5, Mainz

Nun war, nach langer Zeit, Gelegenheit für eine Wiederbegegnung: In der Mainzer Galerie ka5 läuft noch eine Ausstellung »pasolini in rom – die frühen jahre«, zu sehen sind Bilder zu »Accatone« und »Mamma Roma« von Christopher Will & Dennis M. Stamm. Und, vor allem, gab es im Rahmenprogramm eine Lesung von Texten über und von Pasolini. Dabei war auch ein szenischer Text, ein fiktives Interview aus dem Film »RoGoPaG / La Ricotta«. Pasolinis Alter Ego, ein von Orson Welles gespielter Regisseur stellt sich widerwillig den Fragen eines Reporters, wobei er aber nur vier Fragen zulässt und mit Pasolini-Zitaten antwortet. Das war einigermaßen skurril! Leider finde ich nirgends eine Transkription des filmischen Interviews, nur die Antwort auf die letzte Frage, wie er zum Tod stehe, ist mir in Erinnerung geblieben:

„Weil ich Marxist bin, übergehe ich den Tod.“

Mein erster Eindruck war: Ich bin auf einer Insel des Gestern im Heute. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher, die Freibeuterschriften sind toller Journalismus und spannende Zeitzeugnisse.

Anm.: »Wir sind alle in Gefahr« lautete die Überschrift des letzten Interviews, das Pasolini am Tag vor seiner Ermordung im November 1975 gegeben hat. »Ich bin eine Kraft des Vergangenen« ist der Titel der gesammelten Briefe 1940-1975, Wagenbach 1991.
Weblinks: Kleines Wörterbuch zu Pier Paolo Pasolini, zu »La Ricotta«
UPDATE: Pasolini-Ausstellung in Berlin, Hinweis auf Pier Paolo Pasolini im Tage-& Nachtbuch