Monthly Archives: Oktober 2009

Austern

Passend dazu: Sauvignon Blanc von Seifried, Nelson, Neuseeland

Das weiße Band

»Das weiße Band« ist der erste Haneke, der mich einigermaßen enttäuscht das Kino verlassen lässt. Nach »Wolfzeit« und dem famosen »Caché«, nach der Goldenen Palme von Cannes in diesem Jahr für den Film, kommt das für mich doch überraschend. Was stört mich?

Da ist zunächst der Erzähler aus dem Off, was mich sofort an »Dogville« erinnert. Während jedoch Lars von Trier sein Lehrstück mit teils minimalistischen Mitteln des Theaters inszeniert und so die Distanz des Beobachters, Analyse ermöglicht, schwelgt Haneke in auch kitschigen Bildern von Wäldern, wogenden Getreidefeldern und Landarbeit, lässt den Erzähler auch das noch einmal erzählen, was man sehen kann. Auch wird mit dem erzählenden Lehrer eine Objektivität vorgegaukelt, die diese Figur gar nicht haben kann.

Der Film hat Längen, die Szenen haben Längen, dauern immer ein paar Sekunden zu lange, so dass es peinlich wird, noch hinzusehen. Ich kann mir vorstellen, dass es Hanekes Absicht ist, es soll auch wehtun, das Hinsehen und Begreifen. Vielleicht liegt hier ein Zielgruppenkonflikt vor: wer in Hanekes Filme geht, hat in der Regel schon begriffen, reagiert empfindlich auf durchsichtige Belehrungen. Die, die er erziehen will, werden trotz Goldener Palme sich den Film wohl nicht ansehen.

Vor Jahrzehnten schon schrieb Klaus Theweleit seine zweibändigen »Männerphantasien« über Voraussetzungen und Werden des soldatischen Körpers, über den Typus der weißen Krankenschwester auch, die unentbehrlich für das Lazarett und als Braut für den besten Freund ist. Michael Haneke hat jetzt und mit erhobenem Zeigefinger eine filmische Illustration zu Theweleits Thesen abgeliefert.

Vom Silicon Valley an den Rhein

Im Land der Ingenieure und Erfinder zu Gast: der Tesla Roadster. Heute am Rheinufer Mainz zu bestaunen.

Über

Über ist ja auch im amerikanischen Englisch seit einiger Zeit zu einem modischen Präfix geworden. Wobei modisch eben auch heißt, man übernimmt was, und interpretiert wie es einem passt. Na und!?

Bei Sloterdijk [1] lese ich heute, dass Nietzsche mit seiner Verwendung des „Über“ als Vehikel, um eine Vertikalität zu veranschaulichen, nicht so allein steht, wie man vielleicht glauben könnte. Sloterdijk:

Man kann behaupten, die zeitgemäßesten Denker seien im 19. und 20. Jahrhundert diejenigen gewesen, die den Vertikalitätswortschatz der Moderne um mindestens einen Ausdruck bereicherten: Marx spricht von Überbau und Überproduktion, sein Schwager Lafargue von Überkonsum, Darwin von Überleben, Nietzsche von Übermensch, Freud von Über-Ich, Adler von Überkompensation […]

Das ist doch ‚mal ein ziemlich unorthodoxes Kriterium für eine Hitliste! Nietzsche gewinnt auf jeden Fall trotzdem, in seinen Schriften soll es etwa 20 weitere „Über“ geben!

Sloterdijk zählt dann aktuellere, überwiegend obskure Derivate auf: Overkill, Hypertonie, Überbevölkerung, Supermarkt, Superstar. Allgegenwärtig in der Historie sei, trotz fehlendem Begriff, der „Übermörder“ (für Diktatoren).

[1] P. Sloterdijk, »Du mußt dein Leben ändern«, S. 202-203


Frankfurter Poetikvorlesung 2009/2010: Durs Grünbein

Die Frankfurter Poetikvorlesungen gibt es nun seit 50 Jahren, sind eine Institution also, Ingeborg Bachmann hatte damals angefangen. Doppelt weit entfernt in Berlin wohnend las ich das erste Mal davon, als Christa Wolf dort vortrug, in den Achtzigern: »Kassandra«. SS20, Pershings, …

Viel Zeit ist seitdem vergangen, und nun, nahebei wohnend, lese ich, dass Durs Grünbein im Wintersemester dort vortragen wird: Vom Stellenwert der Worte. Grünbein ist Lyriker und Essayist, seine Berliner Aufzeichnungen über »Das erste Jahr« des neuen Jahrtausends, fand ich damals spannend, las aber trotzdem nichts mehr von ihm. Bis vor kurzem: »Der cartesische Taucher. Drei Meditationen.« über René Descartes haben mich wieder neugierig auf mehr von Grünbein gemacht.

Vielleicht sollte ich mich auf in’s unwirtliche Westend von Frankfurt machen!?