Monthly Archives: November 2009

Mainzer Republik

Manchmal versucht Lokalpolitik über den Tellerrand zu schauen, nach den Rockzipfeln der Geschichte zu greifen.

Der Rheinisch-Deutsche Freistaat, besser bekannt als Mainzer Republik, konstituierte sich im März 1793. Da war, nach zunächst als Befreiung empfundener, begrüßter französischer Besatzung, die Revolutionsbegeisterung der Mainzer schon fast verschwunden. Nur 372 Mainzer, etwa acht Prozent aller Wahlberechtigten, beteiligten sich an der Parlamentswahl. 126 Gemeinden, darunter Speyer, Worms und Bingen schickten ebenfalls Abgeordnete ins Mainzer Parlament. Unter ihnen waren radikale Jakobiner und konservative ehemalige Ratsherren. Gleichwohl werden sie heute als die ersten demokratisch gewählten Parlamentarier im Reich bezeichnet. Dieser erste deutsche Demokratieversuch gilt als die Geburtsstunde bürgerlicher Demokratie in Deutschland.

Wie es endete wissen wir. Mainz wird von preußischen, sächsischen, österreichischen, hessischen Truppen umzingelt, belagert, in Brand geschossen. (Goethe war dabei.) Die unterlegenen Franzosen ziehen ab. Nachdem das Gebiet wieder zum Reich gehört, wagt sich auch der Erzbischof Erthal aus seiner Zweitresidenz Aschaffenburg zurück. Während in Frankreich die Revolution in die blutige Diktatur des Wohlfahrtsausschusses umkippt, werden verbliebene deutsche Republikaner für Jahre inhaftiert; die Revolution, die nur durch die Franzosen zustande kam, die Revolution, die vor allem von den Intellektuellen getragen wurde, scheiterte. (Das sollte sich wiederholen)

Georg Forster war so einer, in erster Reihe. Der Geograph, Naturforscher und Literat, der mit James Cook die Welt umsegelte, der vom Erzbischof zum Leiter der Universitätsbibliothek Berufene war Vorsitzender des Mainzer Jakobinerklubs, später Vizepräsident des Parlaments und Überbringer der „Reunionsadresse“ an das französische Parlament.

Auf den heutigen Straßen und Plätzen in Mainz erinnert sehr zu meiner Verwunderung nichts, kein Denkmal, kein Straßen- oder Platzname, wahrscheinlich auch keine Gedenktafel an das bedeutende Ereignis oder an Georg Forster.

Doch das könnte sich im kommenden Jahr ändern. Der Ortsbeirat Altstadt hat sich am 28.10.2009 fraktionsübergreifend und einstimmig für die Umbenennung des Deutschhausplatzes und des Ernst-Ludwig-Platzes in „Platz der Mainzer Republik“ ausgesprochen (Bericht). Auch aus dem Landtag kommt Unterstützung, sogar ein Georg-Forster-Denkmal soll es geben.

Auf einmal sind alle dafür. – Besser spät, als nie. Genau wie im Falle Gutenbergs.

Du mußt dein Leben ändern | Payback

Dies ist ein mitreißendes, philosophisches Poem von Durs Grünbein: »Vom Schnee oder Descartes in Deutschland«. Es war im Winter 1619, als Descartes und sein Diener in einem Kaff bei Ulm frierend festsaßen, angesichts des später so genannten Dreißigjährigen Krieges. Grünbein lässt Descartes im Selbstgespräch und nach langem Abwägen sagen:

Du mußt, René, dein Leben ändern.

Das war, aus Descartes‘ Perspektive, fast 300 Jahre vor Rainer Maria Rilkes Finale im Gedicht »Archaïscher Torso Apollos«, aus der Grünbeins immer noch gut 6 Jahre vor Sloterdijk und Schirrmacher.

Aber das ist nicht so wichtig, dieser Imperativ soll ja, seit Rilke in den allgemeinen Zeitgeist eingeflossen sein.

Aber in Wahrheit waren es die Mathematiker, die René Descartes‘ Satz »Der Körper wird den Geist immer beim Denken behindern« am meisten zustimmen konnten.

So steht’s in Frank Schirrmachers neuem Buch »Payback«, und das Zitat benennt ganz gut die Voraussetzungen für den aktuellen Wandel in unserem Verhältnis zum / mit dem Computer, mit dem Netz, in das unser Denken immer mehr auswandert, die Übergänge verwischen. Schirrmachers Buch ist kein Pamphlet gegen Computer, im Gegenteil, er sieht die Informationstechnologie als etwas an, dass zum Spannendsten gehört, was unsere Generation erleben kann. Dafür bringt er viele Beispiele. Und da er diagnostiziert: Unsere Werkzeuge verändern unsere Umwelt, vor allem aber verändern sie uns selbst, schreibt er mit der Überzeugung, der zufolge wir heute in den Lehrbüchern der Informatik nachschauen sollten, wenn wir etwas über unsere geistige Abstammung erfahren wollen. Schirrmacher hat mehr als einen Blick in Bücher, Studien und Paper gewagt, hat mit wissenschaftlichen Koryphäen verschiedenster Fakultäten geredet. (Damit ist er gedanklich weiter, sieht mehr Zusammenhänge und potenzielle Entwicklungen als seine meisten Rezensenten, die kaum die Oberfläche der Ich-Erschöpfung durchdringen und den Text spätestens beim Wort Aufmerksamkeitsstörung abhaken. Es ist übrigens auch kein Buch gegen Google, gegen das Internet. Im Gegenteil, man muss nur lesen können.)

Ach ja, im zweiten Teil, nach der Diagnose, kommt dann der Aufruf zum Üben, zum Trainieren, zum Leben-Ändern, damit wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen können. Die Argumentation erscheint mir schlüssig, wenn Schirrmacher zeigt, was nur wir als unvollständige, fehlerhafte und schöpferische Wesen können. Überraschende Perspektivwechsel, Fehlertoleranz, der souveräne Umgang mit Unsicherheiten gehören dazu. Dazu muss man den Muskel, also die Willenskraft stärken. […] Es geht um Krafttraining für den Muskel der Selbstkontrolle. Und es geht um die Bildung der Zukunft, um eine qualitativ andere Bildung, die lehrt, Computer zu nutzen, um durch den Kontakt mit ihnen das zu lehren, was nur Menschen können.

Ob das allein, und wozu eigentlich, hilft?

Kursiver Text: Zitate aus Frank Schirrmacher, Payback, München 2009


2666: Archimboldi

Die äußere Hülle der Literatur. Ein Trugbild.
Roberto Bolaño, 2666, München 2009, S. 954


Guiseppe Arcimboldi, Der Bibliothekar

Der letzte Teil von Roberto Bolaños »2666«: „Der Teil von Archimboldi“ ist, auf Seite 1085 angekommen, geschafft.

Wir erleben in diesem Teil, wie aus Hans Reiter Benno von Archimboldi wird. Diese erzählte Verwandlung beginnt mit seiner Kindheit und Jugend im ländlichen Preußen, an der Ostsee, setzt sich später dann bis zum Kriegsbeginn in Berlin fort, erlebt ihren Höhepunkt letztlich an der Ostfront im WKII. Reiter taumelt von Gefecht zu Gefecht, zwischen den Schützengräben die tödliche Kugel für sich suchend. Das hat etwas Somnambules, und wer will, erkennt darin vielleicht Parallelen zu Ernst Jünger. Endlich schwer verletzt, folgt, nach dem Lazarett, eine Zeit der Rekonvaleszenz in einem verlassenen ukrainischen Dorf, ein merkwürdiges Interregnum fast. Reiter vertieft sich in das von ihm in einem Versteck gefundene Schreibheft eines geflohenen Juden, Ansky, imaginiert sich förmlich in dessen Leben. Hier scheint mir der Wendepunkt zu sein, Reiter wird ein Anderer, gewinnt Lebenswille zurück. (Der heutige Leser bekommt nebenbei einen Crashkurs zur sowjetrussischen Revolutionsgeschichte.) In Anskys Schreibheft findet Reiter auch Notizen zum Maler Arcimboldi; später im Nachkriegsdeutschland wird er sich mehr oder weniger spontan Archimboldi nennen, Benno von Archimboldi.

Reiter begegnet im Krieg zweimal einer Gruppe rumänischer Soldaten und Offiziere, einmal vor dem gemeinsamen Feldzug gegen die Sowjetunion, das andere Mal auf dem chaotischen Rückzug. Das ist von Bolaño einigermaßen skurril geschildert. Mich hat es an den vor ein paar Jahren gesehenen rumänischen Film »Tertium non datur« von Lucian Pintilie (nach der Kurzgeschichte »Der Auerochsenkopf« von Vasile Voiculescu) erinnert. Der Film war ein humorvolles Spiel mit dem Begriff der „Ehre“, von dem Pintilie (im Programmheft der Berlinale 2006) sagt, dass es ein an Wahnsinn grenzendes Verhältnis zu diesem Thema „Ehre“ in den relativ unentwickelten Ländern gibt, entstanden infolge einer gewissen historischen Verspätung. Die Demonstration von Ehre am Rande des Abgrundes erzeuge unvergessliche, komische Bilder. – Auch Bolaño gelingen diese!

Irgendwie übersteht Reiter also den Krieg, Niederlage um Niederlage, und das amerikanische Kriegsgefangenenlager auch. Er schlägt so etwas wie Wurzeln im ruinösen Köln, beginnt zu schreiben, wird tatsächlich (als Archimboldi) verlegt usw.. „Die Kritiker“ des ersten Teils von »2666« erfreuen sich später daran, leben davon. Und er findet Familienbindungen wieder. Mit dem letzten Satz des Romans fliegt er nach Mexiko, zu seinem Neffen Klaus Haas, inhaftiert in Santa Teresa.

Irgendwo in diesem langen Teil von »2666« habe ich beinahe das Interesse am weiteren Verlauf der Handlung verloren. Die Figur Archimboldi konnte mich nicht mehr fesseln. Hinter all der Weitschweifigkeit und den zahlreichen Binnenerzählungen, hinter den vorhersehbaren Ausbrüchen von sexueller Vitalität und auch der wiederkehrenden Todessehnsucht (»Tod in Venedig«, als Assoziation dargebracht) ist irgendwie viel oder nur Leere.

Was bleibt für mich von »2666«?

Das Herzstück des fragmentarischen Romans ist für mich „Der Teil von den Verbrechen“, unglaublich mitreißend und zugleich stringent erzählt von Bolaño. Die Figur des Amalfitano ist für mich die interessanteste des Romans. Und, vor allem: Bolaño hat mir Lust auf mehr lateinamerikanische Lektüre gemacht.

Bildquelle: Wikipedia
s.a. 2666: Die Kritiker, Amalfitano und Fate sowie 2666: Die Verbrechen


Mainspitze

Rechts der Main, links der Rhein, dahinter Mainz, noch weiter dahinter: der Rheingau.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

Es gibt dieses Gefühl, dieses Wissen, etwas Nützliches zugleich sehr elegant gelöst zu haben. Die Luft um einen herum ist dann voller Endorphine, man schwebt…

Das Leben jedoch ist brutal: nützliches muss nicht schön sein, weder um zu evolvieren, noch zum Verwerten. Auch im Job hilft es kaum.

Randall Munroe hat das mit seinem aktuellen Cartoon »Academia vs. Business« auf »xkcd – A webcomic of romance, sarcasm, math, and language« zutreffend realistisch & melancholisch stimmend illustriert.

Menschen und Maschinen

Gunter Dueck wird auch wegen seiner Ironie sehr geschätzt. Zurecht. Hier ein aktuelles Beispiel: Der gleiche Text, wobei der erste Screenshot den Teaser im RSS-Reader, der zweite diesen dann auf der Webseite zeigt.



Nach der Utopie

So war im September 2003 ein Artikel in brandeins überschrieben. Es ging um Ulrich Müther, der verdammt dünne hyperbolisch paraboloide Betonschalen entworfen und vor allem auf Rügen umgesetzt hat. Ich las damals das erste Mal etwas über Müther; wenn ich zuvor seine Schalen in natura gesehen hatte, dann ohne Wissen um den Urheber. (Das Ahornblatt in Berlin war längst abgerissen.) Im Dezember des gleichen Jahres konnte ich dann den 1981 gebauten, futuristisch anmutenden Rettungsturm #2 am Binzer Strand auf Rügen selbst bewundern, noch vor der gelungenen Sanierung. – Der Baumeister Müther starb 2007.

Müther äußerte gegenüber dem Autor des o.g. Artikels die Hoffnung, dass der Betonschalenbau noch nicht ganz kaputt sei. Dabei war die Zeit, in der man mit solch immensem Aufwand wirtschaftlich bauen konnte, lange vorbei. Unter technischen Aspekten dagegen ist der Betonschalenbau noch nicht überholt.

Die Züricher Architekten Rahel Lämmler und Michael Wagner widmen sich intensiv Müthers Werk, ordnen die Archivalien, bereiten eine Wanderaustellung vor – und sie haben ein Buch veröffentlicht: »Ulrich Müther Schalenbauten in Mecklenburg-Vorpommern«. Mit diesem wirklich tollen Buch haben sie den erstmals vegebenen Architekturbuchpreis 2009 in der Kategorie ‚Historische Monographie‘ des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt (DAM) gewonnen.

Lämmler und Wagner:

Am besten lasen sich Müthers Schalenkonstruktionen selbstverständlich vor Ort entdecken. Seine schwebenden Hyparschalen belohnen mit einem ungewohnt modernen, ästhetischen Vergnügen und lassen Euphorie und Fortschrittsglaube erahnen.

Wenn man warum auch immer nicht auf die Insel Rügen fahren kann, das Büchlein ist mehr als ein Trost.

Links: Website zum Buch, Video in der Reihe km42 bei SpOn