Monthly Archives: März 2010

Short Cuts #9

kaum schnee weg, da ist er schon wieder: der laubbläser.
letztes aufbäumen des heterosexuellen mannes

SibylleBerg@twitter.com


Es gibt, laut Wikipedia, 3 1/2 deutsche Millionenstädte, insgesamt 81 so genannte Großstädte. (Das sind per Definition Städte mit mehr als 100.000 Einwohner.) Alles andere ist, aus der Sicht der meisten der in den großen Städten Lebenden, Provinz. In diesen großen Städte lebt etwas weniger als 1/3 der deutschen Bevölkerung; das Leben der Mehrheit spielt sich also in der Provinz ab. Letzteres kommt allerdings medial und in der Literatur jenseits von Heimat- und Regionalgeschichten kaum vor. – Die Protagonisten der beiden Romane »Grenzgang« von Stephan Thome sowie »Die Ängstlichen« von Peter Henning leben ihre Alltage in der hessischen Provinz, und dieses Leben wird von den Autoren mit genauem Blick, doch ohne zu denunzieren geschildert. Es sind interessant konstruierte, durchaus spannend zu lesende Erzählungen über Liebesbeziehungen, Karrieren, Familie, Scheitern vor allem, aber auch Hoffnung.
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Niemand schreibt so schöne zynisch-zarte Sätze wie Sibylle Berg. Sätze, die sich zwischen die eigenen Gedanken mischen und wirken. So macht Melancholie pflegen Spaß! (Zuletzt überprüft anhand »Der Mann schläft«.)

Es kann jetzt nur noch besser werden

Schwimmerin von Birgid Helmy

Aus dem Olymp

Gestern Abend saß ich im Olymp, weit oben. Von dort aus betrachtet ist das Gewusel da unten ziemlich weit weg. Die Musiker und die Sängerin schrumpfen optisch auf Streichholzgröße, man erkennt die Gesichter nicht mehr. – Andererseits: so weit weg sind sie nun auch wieder nicht, wenn man bedenkt, dass der Weg dort hoch in den Olymp vor ziemlich genau fünf Monaten begann.

Entsprechend ihrer Profession produzieren sie einen Ton, der tatsächlich bis nach oben durchdrang und dort Freude auslöste. Ich finde das erstaunlich.

Aber ich war dort oben nicht allein. Auch hatte ich anfangs, mindestens bis zur Pause, einige Probleme mit dem Ausfiltern der vielfältigen Störgeräusche: Menschen können auf jeweils sehr verschiedene Arten Husten, Räuspern, Schniefen, Schmatzen, Stöhnen, Niesen, Rülpsen. (Man könnte versucht sein, das zu zählen und zu klassifizieren, es galt, dem zu widerstehen.) Der Nachbar zur Rechten zerschlug, wenn andere Beifall klatschten, neben meinem Ohr Knalltüten. Das Gestühl knarzte. – Das unvermeidliche Handy zumindest hatte gestern Abend frei.

Und der großartige Ton überstrahlte doch alles, was Stören konnte. Ein Genuss.

»Sacrificium«, Cecilia Bartoli mit dem kammerorchesterbasel, Alte Oper Frankfurt, 04. März 2010; s.a.