Monthly Archives: Juni 2010

Langeweile oder Eine serielle Wunsch-Maschine


Foto (Ausschnitt): © Martina Pipprich

Manches mal fängt etwas schwach an, dringt stimmlich kaum über den Orchestergraben hinaus. Statisten. Es steigert sich dann. Die Hauptfiguren überstrahlen stimmlich und darstellerisch den Rest. So bei Salome. Der

Prophet Jochanaan mit seinen Schlabberjeans und dem karierten Flanellhemd [sieht] aus wie einer, der sich auch schon mal im Wendland an die Gleise ketten würde

Und dass die Chordamen(?) des Staatstheaters für

jeden der Bühnengäste einen individuellen Service parat

halten, ist in den Spiegelbildern der Bühne nur gefällig.

Doch später ist der Eindruck nachhaltiger, als man zunächst wahr haben will. So ist es gut.

Zitate: fr-online


LH711

Leider keine Untersicht, hatte auf die südlichere Landebahn gehofft…

Loslabern

Ja, ja, »Loslabern« ist ein alter Hut – in Anbetracht der Halbwertzeit feuilletonesker Texte. Den Herbst 2008 behandelnd, im Herbst 2009 erschienen, kurz danach im Begleitschreiben aufgefallen (als die Rezension noch kommentarlos da stand), verschwand es aus meinem Radar. Warum sollte ich einen Rainald Goetz lesen, warum Zeit mit einer literarisch daherkommenden Bedeutungshuberei, mit einer an den zwielichtigen Bereich zwischen gedrucktem Boulevard und Life Style – Hauptsache Pop – verschwendeten Text-Produktion vertändeln? Aber Goetz‘ Büchlein ist dann unlängst (doch wieder) durch des Umblätterers Verweis auf die 10 Minuten bei Harald Schmidt in meinen Fokus geraten. Goetz‘ merkwürdiges, hyperaktiv-überreizt vorgetragenes, doch ehrfürchtig erscheinendes Labern über und gegen die „maßgebende Stelle“, die da spricht – das FAZ-Feuilleton – machte mich neugierig.

Es ist, wie schon gesagt, ein Bericht über den Herbst 2008, konkret über seine Erlebnisse auf der Frankfurter Buchmesse und auf dem FAZ-Herbstempfang in Berlin. Alles, fast jeder Satz, ist vom Rauschen der Großen Krise überlagert, natürlich. Und, um das vermutlich für sich historisch einzuordnen, palavert Goetz penetrant und angewidert über die auf die schreckliche Zeitenwende 99/00 folgenden Nullerjahre. Man wundert sich einerseits, dass er sie überlebt hat. Andererseits, vielleicht braucht er dieses obsessive Aufpumpen der Nullerjahre mit Bedeutung, mit Metaphysik auch, für sein Ego, sein Selbstbild? (Dass da ein paar Komplexe mitschwingen, merkt man, wenn es in »Loslabern« um den anderen schreibenden Arzt und dessen Turm geht…)

Ich gebe zu, die Schlüssellochperspektive seines Textes über den FAZ-Herbstempfang mit Genuss goutiert zu haben. Das Hotel de Rome ist natürlich nicht mit Ostrom zu verwechseln, die maßgebende Stelle, die da in ersterem Hof hält im Herbst 2008, spricht facettenreicher und ist intellektuell anpassungsfähiger als die untergegangene im Ostrom Tellkamps je dachte und sein konnte bzw. sein wollte.

Es bleibt der Eindruck, »Loslabern« ist ein feuilletoneskes Kabinettstückchen, ein Thomas-Bernhard-fixiertes, also wütendes Traktat. Und es ist wohl literarisch belanglos.

Chilenisches Nachtstück: Judasbaum

Im Jahr 2000 erschien Roberto Bolaños »Nocturno de Chile« in Barcelona; der Chilene Bolaño lebte seit 1977 im spanisch-katalanischen Exil. Der formal eigenwillige kleine Roman, er besteht nur aus zwei Absätzen, wobei der letzte noch nicht ‚mal ganz eine Zeile lang ist, ist der im Fieberrausch angesichts des nahen Todes vorgebrachte Erklärungs- oder Rechtfertigungsversuch des Sebástian Urrutia Lacroix gegenüber dem vergreisten Grünschnabel, einer im Augenblick des Erzählens imaginierten moralischen Instanz. Lacroix ist erfolgreicher Literaturkritiker, wahrscheinlich durchschnittlich schlechter Schriftsteller, Priester. Er hat mehrere politische Systemwechsel beruflich erfolgreich ausgesessen, der vergreiste Grünschnabel könnte für die aus Sicht Lacroix‘ altkluge, besserwisserische, kritische, moralisierende, anklagende, jüngere Generation (Bolaño & Genossen?) stehen.

Die Beurteilung der jüngeren Geschichte Chiles scheint mir nicht frei von Ressentiments unterschiedlicher Art, also ziemlich emotionsgeladen zu sein. Was war? 1979 ging das linke, sozialistisch dominierte Wahlbündnis Unidad Popular mit 37 % der Stimmen aus den Wahlen als stärkste Kraft hervor. Salvador Allende wurde zum Präsidenten gewählt. Wichtige Industriezweige wurden (verfassungskonform) verstaatlicht. Sanktionen, Attentate, Embargos des Westens, der USA und der westeuropäischen Staaten, waren die vorhersehbare Folge. Die Lage wurde politisch und wirtschaftlich immer labiler, es kam in Chile zu immer mehr so genannten „Kochtopf-Demonstrationen“, und schließlich dann im September 1973 zum erfolgreichen Militärputsch. Ich begann damals gerade mein Studium, und in Dresden und anderswo im Osten fanden in den folgenden Jahren immer mehr chilenische Exilanten, nicht nur Kommunisten, vorübergehende Aufnahme und Unterstützung. Die Militärdiktatur der Junta unter Führung des Augusto Pinochets wütete über 15 Jahre, ehe 1989 die Zeit der Redemokratisierung begann. Dieser Prozess hält immer noch an, er wird von Chilenen selbst als ein Zustand umschrieben, der heute noch durch Vergebung, Vergessen und Verdrängung gekennzeichnet ist.

Wie spiegelt Bolaño dies nun, soweit ich es bemerke, im chilenischen Nachtstück? Was macht Lacroix, was reflektiert er auf dem Sterbebett?:

Männer

Gestern Abend gab’s hier in Mainz eine sehr interessante Podiumsdiskussion. Das Institut für Filmwissenschaft hatte Olivier Assayas und Christian Petzold eingeladen, Prof. Dr. Oksana Bulgakowa und Dr. Roman Mauer moderierten. Die beiden innovativen Regisseure des französischen und des deutschen Gegenwartskinos sprachen, wirklich ständig auf einander Bezug nehmend, über ihren Arbeitsstil, Einflüsse, ästhetische Grundhaltungen usw. Es gab da interessante Vergleiche bzw. Übereinstimmungen zwischen Assayas Film »Demonlover« von 2002 mit Petzolds »Yella« von 2007 einerseits sowie »Carlos« (2009) und »Die innere Sicherheit« (2000) andererseits zu hören. [1]

Aus dem Publikum kam die Frage zum Vorgehen beim Casting der männlichen Darsteller. Christian Petzold ging dankbar darauf ein, wurde in seiner Antwort gar etwas episodisch. Es sei schwierig, gute Schauspieler mit maskuliner Ausstrahlung im so genannten besten Alter zu bekommen, irgendwie gäbe es nur noch Typen, die mit Ende 40 gerade aus der Pubertät ‘raus sind oder die eine irgendwie tastende, zweifelnde, ständige Selbstreflexion ausstrahlende Körpersprache haben. Kurz, so Typen, denen man abnimmt, dass sie ein Pferd reiten oder ein Fenster öffnen können, seien knapp. – Als Dominik Graf »Im Angesicht des Verbrechens« gedreht hat, sei der Markt für zwei Jahre praktisch leergefegt gewesen.

Das hat natürlich gar nichts mit den haarsträubenden Dingen zu tun, die man da im Manifest der grünen NRW-Männer – „Nicht länger Machos sein müssen“ – lesen muss. [2]

[1] CARGO 02/2009 brachte ein sehr interessantes Gespräch mit Assayas und zu »Carlos«. Der Film lief 2010 in Cannes außerhalb des Wettbewerbs.
[2] Gerhard Amendt hat im dradio auf die Ängstlichkeit und Hilflosigkeit des Textes deutlich hingewiesen.