Monthly Archives: Januar 2011

Gelesen

Nun doch noch eine nachträgliche Buchung für 2010, die gelesenen Bücher. Um von den noch ungelesenen Neukäufen im Regal zu schweigen. Ist so schon schlimm genug.

Aus dem Leben eines Fauns

Aus Anlässen blättere ich in einem immerhin 350-Seiten-Paperback:

Arno Schmidt, »Aus dem Leben eines Fauns«. Kurzromane
Reclams Universal-Bibliothek Band 794, 1. Auflage 1981, DDR 2,50 Mark

Mein erster und für noch lange Zeit einziger Schmidt-Band. Drauf gebracht hatte mich im Erscheinungsjahr ein Literaturinstitut-Student im Schlafsaal einer Leipziger Jugendherberge. Damals hatte »Seelandschaft mit Pocahontas« Eindruck hinterlassen – der sich übrigens fast 20 Jahre später mit Theweleits Buch bestätigte.

In einem Nachwort von 25 Seiten bemüht sich Hubert Witt um Vermittlung: Arno Schmidt für Leser.

Am Wasser

Dann türmen sich die Fluten, und er schlägt
Die Ufer, die ihn machen erst zum Strom.
Denn ohne Ufer wär er Überschwemmung,
Ein gräulich Mittelding von See und Sumpf

Franz Grillparzer, »Diplomatisch« (via Gucki)


Mainz Rhein Hochwasser Mainz Rhein Hochwasser Mainz Rhein Hochwasser


Der Pegel sinkt.

Benjamin und Klee

Mit dem Beginn des Jahres sind die Werke von Walter Benjamin und Paul Klee gemeinfrei geworden. Das Werk beider verbindet sich in einem Zitat aus Benjamins geschichtsphilosophischer These IX in »Über den Begriff der Geschichte«:

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.


Zone (My Way)

Eine kurze Notiz zum epischen Buch von Mathias Énard, »Zone«.

Im Pendolino zwischen Mailand und Rom sitzt am 8. Dezember 2004 Francis Servain Marković, Francis der Kofferträger, der erschlagen vom Alkohol der Müdigkeit den Amphetaminen den Toten und den Lebenden auf seinem Sitzplatz erster Klasse zusammengesunken ist. 6½ Stunden dauerte damals die Fahrt, viel Zeit für einen unaufhörlichen, unendlich erscheinenden Bewusstseinsstrom, für eine Art Resümee der letzten Jahre seines Lebens, die jüngere und die ältere und die ganz alte Geschichte rund um das Mittelmeer – die Zone – einbeziehend. Es geht also um barbarische Zustände.

Mathias Énard braucht für diesen inneren Monolog fast 580 Seiten. 21 der 24 Kapitel sind ohne Satzendezeichen im Blocksatz gesetzt, eine Bleiwüste von teils wilden Assoziationen, heftigen Tiraden also, mit einem Punkt erst ganz am Ende des Buches. Erstaunlicherweise kann man sich dem ohne Schwierigkeiten lesend hingeben, im Textfluss mit schwimmen.

Drei Kapitel sind Textstellen aus einem Buch über den Bürgerkrieg im Libanon – aus palästinensischer Sicht. Rafaël Kahla (der fiktive Autor des fiktiven Buches) lebt in der Zone, nämlich

zwischen Tanger und Beirut, seltsame Formulierung, zwischen Tanger und Beirut liegen Ceuta Oran Algier Tunis Tripolis Banghazi Alexandria Port Said Jaffa Akkon Tyros und Sidon oder auch Valencia Barcelona Marseille Genua Venedig Dubrovnik Durrës Athen Thessaloniki Konstantinopel Antalya und Latakia oder Palma Cagliari Syrakus Heraklion und Larnaka, wenn man die Inseln mit einbezieht, Tanger, die Wächterin an der Unterlippe der Zone, Rafaël Kahla der libanesische Schriftsteller wohnt also teilweise in der westlichsten Handelsniederlassung seiner phönizischen Vorfahren, im karthagischen Tingis, heute die ockergelbe und weiße Hauptstadt der illegalen Einwanderung

Am Watt

Ende Dezember 2010, Duhnen (Cuxhaven): unendlich erscheinende Weite des Wattenmeeres, dieses in der Uferzone mit reichlich Schnee und Eis versehen. Einige Bilder.