2666: Archimboldi

Die äußere Hülle der Literatur. Ein Trugbild.
Roberto Bolaño, 2666, München 2009, S. 954


Guiseppe Arcimboldi, Der Bibliothekar

Der letzte Teil von Roberto Bolaños »2666«: „Der Teil von Archimboldi“ ist, auf Seite 1085 angekommen, geschafft.

Wir erleben in diesem Teil, wie aus Hans Reiter Benno von Archimboldi wird. Diese erzählte Verwandlung beginnt mit seiner Kindheit und Jugend im ländlichen Preußen, an der Ostsee, setzt sich später dann bis zum Kriegsbeginn in Berlin fort, erlebt ihren Höhepunkt letztlich an der Ostfront im WKII. Reiter taumelt von Gefecht zu Gefecht, zwischen den Schützengräben die tödliche Kugel für sich suchend. Das hat etwas Somnambules, und wer will, erkennt darin vielleicht Parallelen zu Ernst Jünger. Endlich schwer verletzt, folgt, nach dem Lazarett, eine Zeit der Rekonvaleszenz in einem verlassenen ukrainischen Dorf, ein merkwürdiges Interregnum fast. Reiter vertieft sich in das von ihm in einem Versteck gefundene Schreibheft eines geflohenen Juden, Ansky, imaginiert sich förmlich in dessen Leben. Hier scheint mir der Wendepunkt zu sein, Reiter wird ein Anderer, gewinnt Lebenswille zurück. (Der heutige Leser bekommt nebenbei einen Crashkurs zur sowjetrussischen Revolutionsgeschichte.) In Anskys Schreibheft findet Reiter auch Notizen zum Maler Arcimboldi; später im Nachkriegsdeutschland wird er sich mehr oder weniger spontan Archimboldi nennen, Benno von Archimboldi.

Reiter begegnet im Krieg zweimal einer Gruppe rumänischer Soldaten und Offiziere, einmal vor dem gemeinsamen Feldzug gegen die Sowjetunion, das andere Mal auf dem chaotischen Rückzug. Das ist von Bolaño einigermaßen skurril geschildert. Mich hat es an den vor ein paar Jahren gesehenen rumänischen Film »Tertium non datur« von Lucian Pintilie (nach der Kurzgeschichte »Der Auerochsenkopf« von Vasile Voiculescu) erinnert. Der Film war ein humorvolles Spiel mit dem Begriff der „Ehre“, von dem Pintilie (im Programmheft der Berlinale 2006) sagt, dass es ein an Wahnsinn grenzendes Verhältnis zu diesem Thema „Ehre“ in den relativ unentwickelten Ländern gibt, entstanden infolge einer gewissen historischen Verspätung. Die Demonstration von Ehre am Rande des Abgrundes erzeuge unvergessliche, komische Bilder. – Auch Bolaño gelingen diese!

Irgendwie übersteht Reiter also den Krieg, Niederlage um Niederlage, und das amerikanische Kriegsgefangenenlager auch. Er schlägt so etwas wie Wurzeln im ruinösen Köln, beginnt zu schreiben, wird tatsächlich (als Archimboldi) verlegt usw.. „Die Kritiker“ des ersten Teils von »2666« erfreuen sich später daran, leben davon. Und er findet Familienbindungen wieder. Mit dem letzten Satz des Romans fliegt er nach Mexiko, zu seinem Neffen Klaus Haas, inhaftiert in Santa Teresa.

Irgendwo in diesem langen Teil von »2666« habe ich beinahe das Interesse am weiteren Verlauf der Handlung verloren. Die Figur Archimboldi konnte mich nicht mehr fesseln. Hinter all der Weitschweifigkeit und den zahlreichen Binnenerzählungen, hinter den vorhersehbaren Ausbrüchen von sexueller Vitalität und auch der wiederkehrenden Todessehnsucht (»Tod in Venedig«, als Assoziation dargebracht) ist irgendwie viel oder nur Leere.

Was bleibt für mich von »2666«?

Das Herzstück des fragmentarischen Romans ist für mich „Der Teil von den Verbrechen“, unglaublich mitreißend und zugleich stringent erzählt von Bolaño. Die Figur des Amalfitano ist für mich die interessanteste des Romans. Und, vor allem: Bolaño hat mir Lust auf mehr lateinamerikanische Lektüre gemacht.


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