2666: Die Kritiker, Amalfitano und Fate

»Ich verstehe kein einziges Wort«, sagte Norton.
»Ich habe auch nur Unsinn geredet«, sagte Amalfitano.

Roberto Bolaño, 2666, München 2009, S. 159


Knapp eine Woche habe ich gebraucht, um bis auf Seite 428 vorzudringen. Rechts von dieser Seite steht: „Der Teil von den Verbrechen“. Das Herzstück des Romans, die Beschreibung der Hölle. Ich zögere erst einmal, nun schon seit Freitag, weiter zu lesen; ein Innehalten scheint mir angemessen.

Deshalb jetzt hier kurz etwas zu Handlungssträngen, zu Motiven, zu Personen. (Ich wurde ja gebeten, etwas zu schreiben. Im ersten Teil, „Der Teil der Kritiker“, werden vier Germanisten eingeführt, die das gemeinsame Interesse am rätselhaften preußischen Romancier Benno von Archimboldi zusammenbringt. Bolaño beschreibt ausführlich das Beziehungsgeflecht zwischen dem Franzosen Pelletier, dem Spanier Espinoza, dem Italiener Morini und der Engländerin Norton. Es gibt kultivierte Gespräche, akademisches Geplänkel, man jettet von Archimboldi-Kongress zu Archimboldi-Symposium, publiziert zwischendurch so viel man kann, und siehe da: Archimboldi steigt vom Geheimtipp zum vermeintlichen Nobelpreiskandidaten auf. Doch der Mensch selbst bleibt ein unauffindbares Phänomen.

Zwischendurch gibt es einen schockierenden Gewaltausbruch dieser hochkultivierten Menschen. Espinoza und Pelletier verprügeln in London einen pakistanischen Taxifahrer, der sie und Norton beleidigt hatte.

Nachdem sie von ihm abgelassen hatten, versanken sie für Sekunden in die seltsamste Ruhe ihres Lebens.

Die drei fühlen sich wie nach einem Orgasmus. (S. 99)

Es kommt das Gerücht auf, Archimboldi sei in der mexikanisch-amerikanischen Grenzstadt Santa Teresa gesehen worden. Pelletier, Espinoza und Norton brechen dorthin auf. Man sucht Archimboldi mit Hilfe von Amalfitano, ein chilenischer Philosophieprofessor, der im zweiten Teil des Romans im Mittelpunkt stehen wird. Noch plänkelt man, ist auch hinsichtlich Archimboldis Rang spitzfindig. (S. 153)

»Ich dachte«, sagte Amalfitano, »der beste deutsche Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts sei Kafka.« »Gut, dann der beste deutsche Nachkriegsschriftsteller oder der beste deutsche Schriftsteller der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts«, sagten die Kritiker. »Haben sie Peter Handke gelesen?« fragte Amalfitano. »Und Thomas Bernhard?« Uff, sagten die Kritiker, und von da an bis zu dem Moment, wo sie die Frühstückstafel aufhoben, fielen sie über Amalfitano her, bis sie aus ihm eine Art Periquillo Sarniento gemacht hatten, gerupft und gevierteilt.

Aber nun beginnen die schrecklichen Träume, Vorahnungen kommen auf, Stimmen werden gehört – in Santa Teresa ereignen sich seit Jahren bisher unaufgeklärte Frauenmorde, in schier unglaublicher Zahl. Angst ist das vorherrschende Gefühl. Es scheint, dass aus Santa Teresa niemand unbeschadet wieder herauskommt. Norton versucht es, sie reist ab, geht zu Morini nach Turin. Pelletier und Espinoza diffundieren irgendwie, Santa Teresa saugt sie auf. Abrupt bricht der erste Teil ab.

Im zweiten Abschnitt des Romans – „Der Teil von Amalfitano“ – steht ebendieser im Mittelpunkt, wir kennen ihn aus dem ersten Teil. Amalfitano ist Chilene, Universitätsprofessor, Philosoph. Er war nach 1973 im argentinischen Exil, dann lebte er in Barcelona. (Wie viel von Bolaño selbst mag in dieser Figur stecken?) Seine Frau verließ ihn und die Tochter Rosa; sie ging und lebte auf der Straße. Wahnsinn war das Ziel. Amalfitano geht mit Rosa nach Santa Teresa an die dortige Universität, und dies ist ein Schritt, den er sich selbst nicht verzeiht. Er führt Gespräche mit einer Geisterstimme (seinem toten Vater), er hat Angst um Rosa.

Amalfiltano findet in seinen Umzugskartons ein ihm unbekanntes Buch: Rafael Dieste, »Geometrisches Vermächtnis«, das ihn irritiert. Er hängt es schließlich auf der Wäscheleine im verwilderten Garten seines Hauses auf, überlässt es dem Spiel des Windes. (S. 238)

Die Idee stammte natürlich von Duchamp.

(Dort hatten es bereits die Kritiker gesehen, im ersten Teil.)

Rosa Amalfitano rückt immer stärker in den Vordergrund, auch später im dritten Teil des Romans, „Der Teil von Fate“. Die Geschichte von Oskar Fate, eigentlich Quincy Williams, steht im Mittelpunkt des nach ihm benannten Teils. Er ist Afroamerikaner, Journalist, arbeitet für eine von Schwarzen gemachte und gelesene Zeitung in New York. Fate ist gründlich arbeitender Reporter mit dem Faible für Sozialreportagen. Seine Mutter stirbt in Harlem, Fate wird nach Detroit geschickt, um Barry Seamon, einen Ex-Black-Panther, zu interviewen. (Hier gestattet sich Bolaño Längen, Abschweifungen. Doch wer weiß, vielleicht kommt er später darauf zurück?) Dann muss er für einen ermordeten Sportreporter seiner Zeitung einspringen und von einem Boxwettkampf zwischen einem New Yorker und einem Mexikaner berichten. Der Wettkampf findet in Santa Teresa statt…

Fate lernt rund um den Boxwettkampf andere Journalisten kennen, er wird in das angsterfüllte Fluidum dieser Stadt hineingezogen. Er lernt den Rundfunkmoderator Chucho Flores und seine Clique kennen, darunter den Film-Fan Charly Cruz. Das Gespräch kommt auf David Lynchs »Twin Peaks«, Analogien zu Santa Teresa lägen auf der Hand. Guadaloupe Roncal, eine Journalistin aus DF (d.i. Mexico City), will einen inhaftierten Hauptverdächtigen für die Morde im Gefängnis interviewen. Sie bittet Fate um seine Begleitung.

Fate lernt Rosa Amalfitano kennen, die gerade im Begriff ist, ihre Beziehung mit Flores zu beenden. Fate verliebt sich; Amalfitano bittet ihn, seine Tochter aus dieser Stadt fortzubringen, sie mit in die USA zu nehmen. Sie fliehen zusammen mit Roncal, fahren in die Strafanstalt. Guadaloupe Roncal sitzt dem Hauptverdächtigen, ein riesenhafter Deutscher, allein gegenüber. Rosa und Fate schauen von Außen zu.

»Fragen Sie, was Sie wollen«, sagte der Riese. Guadaloupe Roncal hob eine Hand zum Mund, als würde Sie ein giftiges Gas einatmen, und wusste nicht, was sie fragen sollte.

Damit ist, auf Seite 428, „Der Teil von Fate“ zu Ende.

Ich habe die handelnden Personen (nicht die zitierten), zumindest die wichtigen notiert. Auch die Orte, Motive, Handlungsepisoden sind in einem kleinen MindMap gelandet. Man sieht ganz gut, dass Amalfitano, figurentechnisch betrachtet, die bisherigen Teile von »2666« zusammenhält; er ist wie der Kitt des Romans.





(auch publiziert auf zwei666.de, da und da)

[1] Ich mache das ganz frei von einem bei literarisch, cineastisch, kunsthistorisch und philosophisch Gebildeten möglicherweise vorhandenen, auch pathologischen Zwang, all die offenen und versteckten Querverweise, Zitate, Anspielungen in »2666« deuten zu müssen. Ich bin so frei, und kann einfach nur lesen. Jedenfalls fast.
Zu »2666« siehe auch das Blog zwei666.de, Rezensionsnotizen mit ganz überwiegend positivem Echo beim Perlentaucher, sowie eine vor allem kritische Rezension beim Begleitschreiben.


One Comment

  1. Gregor Keuschnig Sonntag, 1. November 2009

    Respekt – insbesondere was diese Mind-Map angeht. Dieses Unternehmen wird zur herkulinischen Aufgabe im vierten Teil.

Comments are Disabled