2666: Die Verbrechen

[…] ein langes hilfloses Warten, ein Warten, dessen Rückgrat die Ohnmacht war, übrigens etwas sehr Lateinamerikanisches […]
Roberto Bolaño, 2666, München 2009, S. 641


Nach etwas mehr als einer weiteren Woche war „Der Teil von den Verbrechen“ ausgelesen. Zwischenstopp. Die Gedanken mussten sich ein paar Tage beruhigen.

Bolaño erzählt chronologisch 107 an Mädchen und Frauen begangene Morde; ihre Leichen wurden im Verlauf der Jahre 1994 und 1997 in Santa Teresa und Umgebung gefunden. Er rekonstruiert aus den Ermittlungsakten, jedenfalls drängt sich mir ob des „dokumentarischen“ Stils dieser Gedanke auf. Die Morde sind das sichtbare Ergebnis der Melange immerwährender Gewalt: alltäglicher Vergewaltigungen und Mißhandlungen, allgegenwärtiger Korruption. – Warum will man das Lesen?

Bolaño erzählt so, dass man der Faszination der Serie, der Reihe, der Liste erliegt. Es ist wie ein Sog. Man will es wissen, man sucht Spuren, Hinweise, bildet sich ein, solche gefunden zu haben, verliert den Faden, sucht weiter. Jedenfalls erging es mir so.

Doch da ist nichts. Es wird in diesem Santa Teresa immer so weiter gehen.

Bolaño erzählt zu manchen Mordfällen ausführlichere Geschichten, die weit über den bloßen Report (zumal bei unbekannt bleibenden Toten) hinausgehen, erfindet Hintergründe, verschränkt die Todesfälle mit Passagen, in denen er verschiedenen Figuren viel Raum gibt. Und das passiert in einem Rhythmus, der einen beim Lesen antreibt.

Da gibt es zum Beispiel den Polizisten Juan de Dios Martínez und die Leiterin der örtlichen Irrenanstalt, Elvira Campos. Und ihr asymmetrisches Verhältnis.

Manchmal hatte Elvira Campos den Verdacht, ganz Mexiko habe den Verstand verloren. […] Manchmal dachte Elvira Campos, das Beste wäre, aus Mexiko fortzugehen. Oder sich umzubringen, bevor man fünfundfünfzig wurde. Oder vielleicht sechsundfünfzig?

Dann ist da der Polizeichef Pedro Negrete, Bruder des Rektors der Universität (siehe die ersten beiden Teile von »2666«), der einen vertraulichen Umgang mit dem Drogenboss Pedro Rengife pflegt. Für diesen rekrutiert er den jungen Lalo Cura als Leibwächter, nimmt diesen dann aber schließlich zu sich in den Polizeidienst. (Lalo Cura, sein Name als La Locura = Der Wahnsinn gedacht, amüsiert Negrete sehr.)

Lalo Cura wiederum wird vom Polizisten Epifanio Galindo betreut. Epifanio wird Klaus Haas, den deutschen Computerhändler mit US-Pass, festnehmen; Haas wird zum Hauptverdächtigen, auch zum Sündenbock, für die Morde. Haas ist das riesige blonde Monster, mit dem „Der Teil von Fate“ schließt.

Dann ist da der rätselhafte Suchende, der Fragende: Harry Magaña. Harry recherchiert, sucht nach dem Verbleib Verschwundener, und als er möglicherweise zu dicht an die Täter herankommt, wird er selbst zum Opfer. Dann ist da Floria Almada, genannt La Santa, sowie der TV-Moderator Reinaldo, in dessen Sendung sie auftritt.

Sergio González, der Journalist aus DF, reist zweimal widerwillig als Vertretung eines Kollegen nach Santa Teresa. Das erste Mal, um routiniert über die Fälle des Kirchenschänders (Elvira Campos klassifiziert diese als Sakrophobie.) zu berichten, beim zweiten Mal taucht er in das Dickicht der Mordgeschichten ein. Und er wird schließlich zum stummen Gegenüber der Abgeordneten Azucema Esquivel Plata (gemacht), die ihm ihre Geschichte und die ihrer Freundin Kelly erzählt. Man ahnt es, auch Kelly ist in Santa Teresa verschwunden, und dieser Umstand lässt die Abgeordnete von diesem Ort und den Verstrickungen nicht mehr loskommen.

Schließlich der Kriminologe Albert Kessler, ein weltweit berühmter, pensionierter FBI-Ermittler. Er wird von Honoratioren nach Santa Teresa geholt, soll mit dem „Blick von Außen“ die Lösung bringen. Doch Kessler beobachtet nur, hält sich ansonsten zurück. (Für die Figur des Albert Kessler hat sich Bolaño vermutlich vom realen Robert Ressler inspirieren lassen; Ressler war in Ciudad Juárez, hat versucht, zur Aufklärung der dortigen realen, endlos realen Morde beizutragen.)

Es sind auch die Details in diesem Roman, die entdeckten „Links“ über teils Hunderte von Seiten, die einem die Lektüre genießen lassen. Zum Beispiel erzählt die Abgeordnete in ihrem endlosen Monolog eine Episode, in der sie bei ihren Recherchen in Santa Teresa im Hotel México übernachtet, in einem Zimmer mit zwei merkwürdig angeordneten Spiegeln. Dies bringt sie um den Schlaf. (S. 754f.) Im ersten Teil von »2666« hat Liz Norton einen Albtraum, und dieser spielt sich zwischen zwei Spiegeln in ebendiesem Hotel México ab. Dieser Traum gibt ihr letztlich den Anstoß zur Abreise. Das war vielleicht im selben Zimmer, Jahre später, wenngleich im Buch früher. (S. 149f.)

Noch ein zweites Beispiel, ein Link zwischen „Der Teil der Verbrechen“ und „Der Teil von Fate“: Fate ist auf der Fahrt von Tucson nach Santa Teresa. In einer Raststätte in der Wüste hört er ein Gespräch am Nebentisch, Albert Kessler (Der Weißhaarige) wird interviewt, und seine Antworten sollen hier den Schlusspunkt bilden. (S. 326f.):

Kessler: »Ich werde dir drei Überzeugungen mitteilen.
A: Diese Gesellschaft steht außerhalb der Gesellschaft, alle, wirklich alle dort, sind wie die ersten Christen im Zirkus.
B: Die Verbrechen tragen verschiedene Handschriften.
C: Diese Stadt wirkt vital, wirkt irgendwie fortschrittlich, aber das Beste wäre, ihre Bewohner würden eines Nachts hinaus in die Wüste und über die Grenze gehen, alle, ohne Ausnahme.«




(Auch publiziert auf zwei666.de.)


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