Amuleto

Zwei Wochen lang habe ich mich am Amuleto-Projekt auf wilde-leser.de beteiligt: Roberto Bolaños kleiner Roman »Amuleto«, 14 Kapitel, 14 Tage, jeden Tag ein Statement zum aktuellen Kapitel. Ich habe mich entschlossen, täglich ganz knapp zu erzählen, was im jeweiligen Kapitel passiert – ohne (Achtung, Buzzword-Alarm!) intertextuell in der Literatur- oder Philosophiegeschichte zu mäandern oder name dropping zu betreiben. Bolaño-Texte sind für ein solches Herangehen ein Steinbruch, mich interessierte eher, was vordergründig wirklich drin steht im Buch.

Laut Klappentext ist es

die Geschichte einer mutigen, durchgedrehten Frau. Aber auch die Geschichte jener Studenten, die 1968 in Mexikos Hauptstadt im Kugelhagel der Armee ihr tragisches Ende fanden.

(Das war kurz vor den Olympischen Sommerspielen.) Ja, Roberto Bolaño setzt mit »Amuleto« dem lateinamerikanischen Freiheitskampf ein Denkmal. Die Hauptfigur, die mutige, durchgedrehte Frau Auxilio Lacouture, ist in meinen Augen ein Faktotum, und zwar in zweierlei Hinsicht. Sie ist ein dienendes und zugleich aufdringliches Wesen, das ein großes Herz hat, insbesondere auch für die ganz jungen, unbedarften lateinamerikanischen Poeten, sich aber dadurch, dass es sich und seine Taten ständig in Relation zu bedeutenderen Figuren setzt, wichtiger nimmt, als es objektiv ist.

Mein Verdacht ist, Bolaño wollte sich mit »Amuleto« vor allem an seine Jugend inmitten der jungen Dichter erinnern, der Jugend Lateinamerikas und letztlich ihrer Hoffnungslosigkeit ein literarisches Denkmal setzen. Auxilio Lacouture dient ihm dabei auch als Faktotum, sie ermöglicht Bolaño eine ironisch-kritische und doch liebenswerte Sicht auf Belano, auf sein und der anderen jungen Dichter Tun. (Bolaño kann sich mit Hilfe des Faktotums seiner Heldentaten erinnern, ohne dass es peinlich wird.)

Mir hat das achte Kapitel, der filmreife Showdown – Auxilio Lacouture rettet gemeinsam mit den Dichtern Ernesto San Epifánio und Arturo Belaño einen Lehrling aus den Fängen des im Hotel Glücksklee residierenden Stricherkönigs – am besten gefallen. Das passiert mitten in DF, in der Wüste von Guerrero, die das Pendant zur Wüste von Sonora bei Santa Teresa ist (»2666«). Doch zumindest dieser Alptraum nimmt ein gutes Ende.

Die 14 Kapitel lesen sich wie ein Reigen, vor allem am Anfang. Gegen Ende hin wird es manchmal etwas zäh, verlaufe ich mich als Leser einmal etwas zu sehr (in griechischer Mythologie): Man kommt beim Lesen aus dem elften der Kapitel nicht so richtig ‚raus, und in das zwölfte nicht so richtig ‚rein; Bolaño braucht recht viele Sätze für diesen einen Übergang.

Ich finde, »Amuleto« ist ein sehr ironisches Stück Literatur, ein gelungenes. Es ist ein Warmlaufen für das großartige »2666«.

Schließlich noch die Kurztexte zu den Kapiteln 1…14.

Ein erstaunliches Rätsel

1

Auxilio Lacouture strandet, aus Uruguay kommend, in Mexiko DF, verdingt sich in Haushalten von Dichtern und steht alsbald vor einem ersten, erstaunlichen Rätsel: Sie vermutet im schwarzen Schlund einer Blumenvase den Höllenschlund; warum sonst sollte der Blick des Dichters Pedro Garfias so oft auf der Vase ruhen?

Zikade und Fledermaus

2

Auxilio Lacouture macht sich – stumm fast, mit einer Stimme, die einzig und allein sie hören konnte und die auch nur sie glücklich machte – nützlich: tagsüber wie eine ruhelose Zikade an der Fakultät für Philosophie und Literatur, und nachts, wie eine Fledermaus, in den literarischen Kaffeehausrunden und Dichterkaschemmen; schließlich entgeht sie – auf der Toilette der Fakultät Gedichte Pedro Garfias‘ lesend – am 18. September 1968 der Räumung der Universität durch das Militär.

Ein Mythos wird geboren

3

Auxilio Lacouture verharrt in Todesangst vor Entdeckung auf der Frauentoilette im vierten Stock der Fakultät für Philosophie und Literatur, und sie begreift dies, zu sich selbst sprechend, als Geburt, als etwas, dass sie selbst erleuchten wird: Auxilio Lacouture, Bürgerin Uruguays, Lateinamerikanerin, Dichterin und Reisende, halte durch. Das und mehr nicht.

Leben im Wind

4

Zwei Jahre später lernt Auxilio Lacouture während einer Dichterversammlung das jüngste aller jungen Talente, Arturo Belano, kennen und freundet sich auch mit ihm und seiner Familie an; ihr tägliches Leben dagegen bleibt ein Herumstreifen von einem Ende der Stadt zum andern, grad wie der Nachtwind durch die Straßen und Alleen von Mexikos Hauptstadt blies.

Schiff in der Zeit

5

Auxilio Lacouture lernt die Philosophin Elena kennen und lieben und verliert sie wieder, aber so sicher ist das gar nicht, denn Auxilio nimmt die Zeit nicht linear ablaufend wahr, sondern von der Frauentoilette aus, im vierten Stock der Fakultät für Philosophie und Literatur, ihrem Schiff in der Zeit, von wo aus ihr Blick auf alle Zeiten fällt, zu denen Auxilio Lacouture geatmet hat.

¿vanguardia?

6

Auxilio Lacouture hat, weil sie in die Vergangenheit und in die Zukunft blicken kann, eine unerschütterliche, hohe Meinung von der Dichtkunst eines José Emilio Pacheco, die sie gegen das Kauderwelsch, die Ignoranz und die vermeintlich avantgardistischen Gesten der jungen Dichter Mexikos verteidigt. Diesen jungen Dichtern, insbesondere Arturo Belano, den sie 1973 bei seiner Abreise nach Chile verabschiedet, ist und fühlt sie sich weiter tief verbunden: redend stehenbleibend und schweigend weiterlaufend auf ihren gemeinsamen Wegen in die Fakultät, in die Cafeterias und in die ewigen Kneipen lässt sie sich von ihnen auch vor dem vermuteten Schatten des Todes retten.

Friedhof im Jahr 2666

7

Auxilio Lacouture versteht, dass Arturo Belano nach seiner Rückkehr aus Chile im Januar 1974 verändert ist und sich seinen alten Freunden zunehmend entfremdet. Auxilio und Arturo begleiten Ernesto San Epifánio zu seinem Stricher-König durch die windige Nacht der Avenida Guerrero – die einem Friedhof im Jahre 2666 gleicht.

Mitten in der Wüste von Guerrero

8

Auxilio Lacouture, Leserin und Mutter […], Beobachterin von sich bei zunehmender Trockenheit bildenden Bodenmustern, Ernesto San Epifánio, Dichter aus Mexiko, und Arturo Belano, Dichter aus Chile, retten Juan de Dios Montes, Lehrling in einer Brotfabrik, aus den Fängen des Stricherkönigs; die Szene im Hotel Glücksklee ist filmreif, und die Wüste von Guerrero in DF ist das Pendant zur Wüste von Sonora bei Santa Teresa.

Der schwimmende Geist

9

Auxilio Lacouture verlässt das Genre Horrofilm und kehrt in ihr Schiff in der Zeit, in die Frauentoilette im vierten Stock der Fakultät für Philosophie und Literatur, zurück. Die Fähigkeit, ihren Geist frei und ungebunden durch die Zeiten schwimmen zu lassen, nutzt sie für einen Besuch bei der katalanischen Malerin Remedios Varo im Jahr 1962 – ein Jahr vor ihrem Tod.

Raum vs. Zeit

10

Auxilio Lacouture verlässt schlafwandelnd das Haus von Remedios Varo, und sie kommt irgendwie nicht mehr in ihrer eigentlichen Jetzt-Zeit an; ihre Sinne sind mit Dolchen an den Raum geheftet, nicht an die Zeit, die ihr aus irren Augen zublinzelt, so dass der Mond über der mexikanischen Hauptstadt […], wieder einmal über die Fliesen der Frauentoilette im vierten Stock der Fakultät für Philosophie und Literatur [schleicht]. Auf diesem Trip begegnet sie Lilian Serpa, oder meint, ihr begegnet zu sein, weiß auf jeden Fall nicht mehr, ob es das Jahr 1968 oder 1974 oder 1980 ist oder ob sie sich wie ein Schatten eines dem Untergang geweihten Schiffs auf das langerwartete Jahr zu bewegt, das sie nie erleben wird.

Mythologie

11

Auxilio Lacouture phantasiert sich mit einer Botschaft von Lilian Serpas an deren infernalischen Sohn, den verrückten Maler, legendären Außenseiter,… im Gepäck zu Serpas‘ Wohnung, sie ist beharrlich und wird eingelassen, sie drängt sich (wie eigentlich immer) auf und darf bleiben und bleibt (zunächst) reglos und stumm, aber ihre Augen registrierten alles in der Wohnung. Carlos Coffeen Serpas wehrt sich schließlich mit dem Wort Erigone: es folgt die Erzählung von Agamemnon und Klytaimnestra und ihren Kindern Orest und Elektra, von Klytaimnestra und Aigisthos und deren Tochter Erigone, von Orest und Erigone schließlich – der reinste Horror.

Noch mehr Mythologie

12

Auxilio Lacouture und Carlos Coffeen Serpas parlieren noch etwas über Orest und Erigone, und die Trennung im Morgengrauen ist längst überfällig, doch Auxilio Lacouture kann sich nicht trennen, sondern phantasiert noch etwas über Kronos, über ihren Transport von der Frauentoilette im vierten Stock der Fakultät für Philosophie und Literatur in den Operationssaal – zur Niederkunft der Geschichte. Endlich kann sie sich lösen und verlässt Carlos Coffeen Serpas, der ratlos zurück bleibt.

Prophezeiungen

13

Auxilio Lacouture ist erschöpft, von Carlos Coffeen, von Orestes und Erigones Geschichte, von ihrer eigenen Geschichte und den Jahren, die ihr noch bleiben, und weil dort in ihrem Schiff in der Zeit, auf dem Frauenklo der Fakultät für Philosophie und Literatur, […] der Mond […] eine Fliese nach der anderen dahinschmelzen [läßt], bis sich ein Loch öffnet, durch das Bilder und Filme kommen, die von uns handeln, von den Büchern, die wir lesen, und von der lichtgeschwindigkeitsschnellen Zukunft, die wir nicht sehen können. Also schläft sie fortan, egal wo sie sich befindet, und sondert im Traum, auf einem hohen Berg im Himalaya sitzend, eine lange Reihe ziemlich merkwürdiger Prophezeiungen über bevorstehende Reinkarnationen von Dichtern und Schriftstellern ab – bis schließlich ein tropfender Wasserhahn an einem Handwaschbecken in der Frauentoilette des vierten Stocks sie ins Leben zurückholt.

Geistergesang

14

Auxilio Lacouture beschließt, von den Bergen herabzusteigen, nicht auf dem Frauenklo zu verhungern, und beim Abstieg gehen ihr heitere, aber auch ungeheuerliche Gedanken durch den Kopf. Sie kommt eines Abends an den Rand der unendlichen schneeverwehten Zone und erblickt ein Tal, in dem ein langer Zug von Kindern, jungen Menschen – Lateinamerikas herrliche Kinder – singend auf den Abgrund zuwandert, in diesem verschwindet. Nur der Gesang bleibt, dieser kaum hörbare Gesang von Liebe und Krieg hallt in den Ohren nach: Dieses Lied ist das Zeichen unserer Erinnerung, unser Amulett.

Kursive Textpassagen sind Zitate aus »Amuleto«, die Zwischenüberschriften gehören zu den beschreibenden Kurztexten, sind keine Kapitelüberschriften. – Zuerst veröffentlicht auf wilde-leser.de.
s.a. Dietmar Hillebrandts deutlich amnbitioniertere, sehr lesenswerte Zusammenfassung


2 Comments

  1. Dietmar Hillebrandt Mittwoch, 5. Mai 2010

    Ich finde diese Aufbereitung und das einleitende Resümee ausgezeichnet, auch weil ich meine eigene Lektüre von “Amuleto” darin wiederfinde! Die bewusst knapp gehaltenen mehr inhaltlich ausgerichteten Beiträge bleiben zunächst sachlich, um dann aber ein letztes, wertendes Gesamtstatement zu erfahren. Ich bin da zugegeben subjektiv emotionaler vorgegangen. Ein das momentane Lesen begleitende Schreiben muss dabei nicht abschließend richtig sein.

    • jl Dienstag, 11. Mai 2010

      Vielen Dank für das Lob. – Ich habe mich bewusst entschieden, Bolaño-Texte spontan zu lesen und auf Intertextualität zu verzichten, was man meinetwegen auch vordergründig oder oberflächlich nennen kann. Aber ersteres ist mir gemäß, zweites kann ich nicht leisten. Das Resümee stand mir so oder so ähnlich spätestens seit der Hälfte des Buches vor Augen. 1968 im Herbst, übrigens, habe ich, als damals gerade ‘mal Vierzehnjähriger, eigentlich nur wegen der Olympiade auf Mexiko geschaut, von den Studentenprotesten und dem Massaker von Tlatelolco nichts mitbekommen. Mich wundert manches Mal, dass andere darüber so schreiben, als wären sie dabei gewesen.- Ach, Ihre Beschreibung trifft auch auf mich zu und ich möchte diese erweitern: auch das reflektierende Schreiben nach dem Lesen ist subjektiv und ist keineswegs im alleinigen Besitz der Wahrheit.

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