Asynchron

Vor einiger Zeit kam ein Anruf, im Büro. Der Anrufer begann mit: „Schön, dass Sie da sind. Sie erreiche ich immer, das ist so selten heute.“ Obwohl das „immer“ eine maßlos übertriebene Floskel war – ich erinnere mich nicht, dass ich von ihm je zuvor oder danach angerufen wurde: Ich fühlte mich – entgegen der Intention des Anrufers – postwendend schlecht.

Mein Handy ist immer an, aber immer still. So still wie ein Vibrator nur sein kann. Ich will immer anrufen oder simsen können, ich will dergleichen immer empfangen können. Wozu in den oft unmöglichsten Situationen quatschen, mit mir zufällig den gleichen Raum teilende Menschen mit unmöglichen Klingeltönen oder ins Gerät bellend mit meinem Privat- u/o Berufsleben belästigen? Für wirklich wichtige Sachen gibt es die Mailbox. Nebenbei hält man sich so den zunehmenden Telefon-Spam vom Hals, immer öfter ignoriere ich Anrufer ohne Absenderkennung, das wird langsam zur festen Gewohnheit. – Nahezu pervers finde ich die Werbung vom Anzeigen-Scout des jazzradio 101.9, immer und jederzeit erreichbar zu sein; es folgt seine Handy-Nummer.

Ich mag eMail. Kein Spam dieser Welt kann mir diese Erfindung verleiden, kann ich doch ausreichend mit den intelligenten Filtermöglichkeiten meiner MUAs umgehen. Wenn ich Lust habe, kann ich berufliche Mails immer, auch samstags Nacht beantworten – oder eben nicht. Ans Telefon gehen würde ich zu dieser Zeit nie. Überhaupt, dieses Schriftliche! Man kann später suchen und finden, noch ein Vorzug gegen das unmittelbar und vergänglich Geplapperte.

Warum ich das hier poste? Weil ich derzeit in Hartmut Rosas grandioser Arbeit zur Chronopolitik, zur Veränderung der Zeitstruktur durch soziale Beschleuinigung versunken bin. Dazu später, irgendwann mehr. Oder auch nicht.

Comments are Disabled

%d Bloggern gefällt das: