Basis und Überbau

Ich kann mich noch an eine oft auf Reisen beobachtete Gepflogenheit erinnern: Reisende mit einer großen, dicken Tageszeitung unterm Arm betreten das ICE-Abteil oder sortieren sich in der Sitzreihe im Flieger, greifen die Zeitung so, dass oben die Rubrik der jeweiligen „Bücher“ zu sehen ist, und holen mit einem geübten, souveränen Griff bestimmte Teile heraus. Um sie wegzulegen, gelesen wird das andere. Für die einen war das Aussortierte das Feuilleton, für die anderen der Wirtschafts- oder Finanzteil. (Manchmal machte es Spass, dies vorherzusagen.)

Dieses sortierende, ignorante Verhalten war natürlich immer schon kultur-banausig, ist heutzutage aber ohnehin obsolet. Nirgends gibt’s derzeit soviel breitgetretene „Wirtschaft“ wie im Feuilleton, dessen Redakteure schwadronieren äußerlich selbstsicher über Wirtschafts- und Finanzpolitik, wobei das, was richtig ist, ganz klar auf der Hand liegt. Keine Kulturrezension ohne Seitenhieb in Richtung Banker, kein Interview, kein Essay ohne Bezug zum augenblicklichen Finanzdebakel; ganz nebenbei wird für die Dauer eines Espresso eine neue, die einzig richtige Gesellschaftsordnung skizziert.

Dabei handeln alle Akteure, wirklich alle, im Zustand des Nicht-Wissens. (Ulrich „Risiko“ Beck)

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