Berlinale II

Gestern, am für mich zweiten Berlinale-Tag, zwei höchst unterschiedliche Panorama-Filme. Zunächst »Narcissus Blossom (Ü Nergiz Bişkivin)«, ein kurdischer Film von Masoud Arif Salih und Hussein Hassan Ali. Ein Film von Kurden über das Leben, den every day life der Kurden zur Zeit des iranisch-irakischen Krieges und des gleichzeitigen Abkommens über die Kurden, 1975. Der Film ist trotz eines gewissen Freiheitskampf-Pathos‘ keine heroische Verehrung der Peshnergas, der militanten Guerilleros in den irakischen Bergen. Visuell ansprechend werden gerade die nicht-kriegerischen Werte: Bildung, Poesie, Liebe transportiert.

Sehr viele hier in Berlin lebende Kurden waren im Saal, das Gespräch mit den Filmemachern verlief sehr emotional, verlor sich zum Teil in den Wirren der deutsch-kurdisch-englisch-französischen Übersetzungen.

Seit 20 Jahren wird während der Berlinale auch der TEDDY – der Queer Film Award – vergeben, der alle Filme in die Bewertung einbezieht, die die Lebenswelten der Schwulen, Lesben und Transgender in deren Augen relevant berücksichtigen. Der 93er Preisträger und vorletzte Film von Derek Jarman, »Wittgenstein«, lief in einer Retrospektive. Auf sehr artifizielle Art und Weise (Ist Derek Jarman der Robert Wilson des Films?) wird das Leben und die Gedankenwelt des großartigen Philosophen Ludwig Wittgenstein erzählt. Wunderbar „abgedreht“ Tilda Swinton in einer Nebenrolle. – Retrospektive, Jarman ist tot. Es gab anschließend natürlich keine Diskussion: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“


Keine Diskussion gab es auch heute Mittag nach »Strange Circus (Kimyo na sakasu)«, ein Film des japanischen Regisseurs Sono Sion mit der eindrucksvoll agierenden Hauptdarstellerin Miyazaki Masumi. Ein Film zwischen Kindesmissbrauch, Mutter-Tochter-Rollen-Switch (Täter-Opfer-Switch ebenso), und später Rache, ein Film zwischen Fantasy und Realität, ein Film mit sehr viel Blut und Sex sowie (fast) splattered-movie-Finale. Sehr psychologisierend, sehr gut photographiert. Strange Circus, strange context. – Ich vermute, der Film kommt hierzulande nicht ins normale Kino.

»Inatteso (Unexpected)«, der (Erstlings-)Film der Italiener Domenico Distilo und Chiara Faraglia nicht nur über, sondern auch mit afrikanischen Flüchlingen, Asylbewerbern folgte fast unmittelbar. Der Film spricht nicht in der Sprache der Politik sondern in der Sprache der betroffenen Menschen. Es gibt keinen Kommentar, fast keine Interviews, es überzeugen die Bilder und der O-Ton, eingestreut eine formale Ebene: eine in Nähe des römischen Colosseums inszenierte Anhörung vor der Asylkommission, stilisiert als griechischer Tragödien-Chor, mit Bezug auf Euripides. Und einem wohl wichtigen Derrida-Zitat, dass ich leider nicht richtig mitbekommen habe.

Die Filmemacher zeigen die würdevollen Menschen in den zwangsläufig selbstverwalteten Communities in Italien, diese zwar mit Aufenthaltsgenehmigung, sonst aber recht- und mittellos, als illegale Erntehelfer arbeitend. (40% der in der italienischen Landwirtschaft anfallenden Arbeit wird als Schwarzarbeit verrichtet.) Eine leise, eine stille und absichtsvoll naive Anklage auch des Umstandes, dass der Status des politischen Flüchtlings die einzige Eintrittskarte nach Europa ist. So lange uns ein erweiterter Begriff des Flüchtlings fehlt, so lange wird wohl auch z.B. Foltererfahrung herbeigelogen werden müssen.

Distillo und Faraglia wollen konsequent sein und planen für ihren nächsten Film eine Auseinandersetzung mit der italienischen Vergangenheit als Kolonialmacht in Äthiopien, in Eritrea. Eine vergleichbare historisch-künstlerische Auseinandersetzung hier in Deutschland ist für mich noch nicht wahrnehmbar.

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