Berlinale III

Die Berlinale besteht eigentlich aus zwei Berlinalen. Da ist zum Einen die Glamour-Welt des Kino-Biz mit den Wettbewerbsbeiträgen und den Stars und die, die es werden wollen, sowie den Kreischenden am Rand des Roten Teppichs. Dieser Teil der Berlinale ist der in den Massenmedien präsente Teil, also muss er wohl sein. So weit, so uninteressant. Der andere, zweite Teil der Berlinale, das sind die Filme, Filmemacher aus dem Rest der Welt, aus den anderen 180 Ländern dieser Erde, auch aus den Schurkenstaaten. Und ihr Publikum: Es interessieren sich so viele Menschen für diese Art von Filmen, dass gar früh morgens um 10 Uhr die Kinos voll sind. Die Filme und deren Macher sprechen nicht die Sprache der Politik, die Sphäre der Kunst steht über dieser.

Heute als erstes »Congo River (Au-delà des ténèbres)« vom Belgier Thiery Michel, eine Reise-Reportage den Kongo hinauf, von der Mündung bis zur Quelle. „Ins Herz der Finsternis.“ (Joseph Conrad) Ein Film voller Fragen, es ibt keine Antworten, schon gar keine schnellen „Analysen“ wie im Fernsehen so oft. Aber Meinungen. Michel hält den Kongolesen irgendwie auch den Spiegel vor, spätestens seit seinem Film über Mobuto darf er das wohl. Und Michel thematisiert die koloniale Vergangenheit des Kongo. Der Fluss als Zeuge.


Die Chefideologen vom SpOn sehen ja in den iranischen Filmen auf der Berlinale nichts als mehr oder weniger subtile Propaganda des Regimes. Wahrscheinlich denkt man dort in Schwarz-Weiss-Kategorien, dort sind ein paar Hundert randalierende „Islamisten“ ja auch typischer als die anderen 68 Millionen Einwohner des Landes. In »Another Morning« von Nasser Refaie konnte man eine genaue, detailreiche Beobachtung des Alltages in Teheran sehen, konnte man sehen, wie ein einsamer (trauernder) Mensch mit der Gesellschaft sozial interagiert. Der Hauptdarsteller ist 90 Minuten auf der Leinwand präsent – und er ist 90 Minuten lang (auf Grund seiner Trauer) stumm. Vielleicht beobachten Menschen ohne Sprache genauer.

Der schweizerische Film »Lenz« von Thomas Imbach war dagegen mehr oder weniger ein Ärgernis. Wie im deutschen Film: viel Wald, viel Berg (Matterhorn), viel Selbstmitleid und -kasteiung. Gelacht wird, wenn etwas tragisch ist oder die Figur Pech hat. Metaphysisch intendierte Berg-Bilder bis zum Abwinken. »Lenz« ließ mich kalt.

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