Berlinale IV

Nicht nur das Berlinale-Publikum besteht aus zwei Kategorien von Besuchern: Erstens die, die alles erklärt haben wollen, denen Sehen nicht genügt, die mitunter von den Filmemachern einen anderen Film wollen, als den, den sie gerade gesehen haben. Und zweitens gibt es die Anderen.

Der heutige Tag begann mit einem wunderbaren Film von Thomas Arslan: »Aus der Ferne«. Er ist Deutscher, hier geboren, lebt hier. Seine Familie stammt aus Ankara, dort ist er vor zwanzig Jahren zur Grundschule gegangen, war seitdem nicht mehr in der Türkei. Arslan begibt sich auf Entdeckungsreise, bereist Städte der Türkei von Westen nach Osten, von Istanbul über Ankara in den Südosten und Osten, die Grenzregionen zu Syrien, zum Iran, zu Armenien. Dort ist die Bevölkerung mehrheitlich kurdisch.

Arslan zeigt in sehr langen, sehr schönen Einstellungen Bilder von den Städten und Menschen, die ich so noch nicht gesehen habe. Istanbul ohne Brücken-Metapher! Die Menschen erzählen sich vor der Kamera selbst, spielen sich selbst, es gibt bis auf eine familiäre Ausnahme keine Interviews. Er reist nicht als Journalist, nicht mit dem anklagenden Blick dieser und anderer EU-Abgesandter. Und er spricht trotzdem den Genozid an den Armeniern an. Arslan nimmt die Position des Zugereisten ein, der auch wieder abreisen wird. Das Konzept, das, was er zeigen will, entwickelte sich jeweils vor Ort. Thomas Arslan:

„Der Blick auf die Türkei ist extrem verbaut durch Debatten, Meinungen und Vorurteile. Wenn Abstraktionen und Fiktionen zu sehr wuchern, finde ich es wichtig, sich wieder dem Konkreten zuzuwenden. Wir sehen die Straßen, die Häuser und die Kleidung der Menschen aus diesem Land, über das so viele, ohne etwas selbst gesehen zu haben, eine so bestimmte Meinung haben?“

Ich bin geneigt zu sagen, das war bisher der beste Film, in meinen Augen. Auf jeden Fall versöhnt er mit dem deutschen Film.


»We can’t go home again (Bokaru wa mo kaerenai)« des Japaners Fujiwara Toshi ist eine kollektive Improvisation von jungen Menschen im heutigen Tokyo, deren sich „zufällig“ kreuzende Wege perfekt choreografiert sind.

Zwei kürzere rumänische Filme, »Liviu’s Dream (Visul lui Liviu)« von Corneliu Porumboiu sowie »Tertium non datur« von Lucian Pintilie nach der Kurzgeschichte »Der Auerochsenkopf« von Vasile Voiculescu gab es als Doppelprogramm in einer Vorstellung. Letzterer war ein humorvolles Spiel mit dem Begriff der „Ehre“, von dem Pintilie sagt, dass es ein an Wahnsinn grenzendes Verhältnis zu diesem Thema „Ehre“ in den relativ unentwickelten Ländern gibt, entstanden infolge einer gewissen historischen Verspätung. Die Demonstration von Ehre am Rande des Abgrundes erzeuge unvergessliche, komische Bilder.

Das stimmt, der Film bewies es!

Am Abend gab es noch den griechischen Film »Kinetta (Κινέττα)« von Yorgos Lanthimos. In Kinetta, einem fast menschenleeren Ferienort, nur ein paar asiatische Wanderarbeiter verlieren sich in den Bettenburgen, treffen sich ein schrulliger Polizist in Zivil, ein Angestellter in einem Fotolabor und ein schauspielerndes Zimmermädchen, um unaufgeklärte Morde detailverliebt nachzustellen. Sie bleiben namenlos, sie kommunizieren untereinander nicht über die Sprache. Ein skurriler Plot in einer surrealen Umgebung. Die Handkamera generiert wunderbare, subjektive Bilder, manchmal ist sie mir etwas zu sehr wackelnd. Man kann den Film mögen.

Comments are Disabled

%d Bloggern gefällt das: