Berlinale-Nachlese

5 Tage Berlinale 2010 sollten 13 Screenings (9 mal Internationales Forum, 3 mal Panorama, 1 mal Berlinale Shorts) bringen – nachdem das Anstehen bzw. Ansitzen an der Vorverkaufs­kasse erledigt war. (Theoretisch wäre für die ersten beiden Tage auch eine Internet­reservierung möglich gewesen. Theoretisch.) In meinen Augen lebt die Berlinale cineastisch vom Forum; der Gegensatz zum Wettbewerb ist zwar politisch nicht mehr unversöhnlich wie vor 40 Jahren, ästhetisch aber nach wie vor evident. Man kann das, was im und um den Berlinale-Palast herum passiert, getrost ignorieren, denn es gibt anderswo genug Spannendes zu sehen. (Die Kritiker von Berufs wegen leiden dafür öffentlich ob des schlechten Niveaus im Wettbewerb.)

Gleich der erste der gesehenen Filme: »El recuento de los daños / The Counting of the Damages« von Inés de Oliveira Cézar aus Argentinien beeindruckte wegen seiner Bildfindungen und des Tones und blieb bis zum Schluss in meiner persönlichen Spitzengruppe.

Auch der im Panorama gezeigte tschechische Film »Kawasakiho RŮŽE / Kawasaki’s Rose« von Jan Hřebejk bleibt in guter Erinnerung. Die Story handelt über die Grenzen von persönlicher und kollektiver Erinnerung und fragt nach Schuld, Vergebung und der Konsequenz für das eigene Tun (Katalogtext). Der wiederum sehr gut fotografierte Film hat das Potenzial zu „großem Kino“!

OR
 L Y

Angela Schanelec zeigte im Forum ihren Film »Orly« – in meinen Augen der beste der gesehenen Filme. Abgesehen von zwei kurzen, einführenden Szenen sowie je einer Taxi-Fahrt am Anfang und am Ende des Films spielt die Handlung ausschließlich im Pariser Flughafen Orly, also an einem der typischen Nicht-Orte (Marc Augé) unserer Zeit. Die Architektur und Zeichensprache der Wartehallen, Cafés, Gepäckkontrollen, Duty-Free-Shops, Rolltreppen – allesamt sind sie global genormte, enthistorisierte, entindividualisierte Räume. (Wobei die riesigen, luftigen Hallen von Orly ästhetisch aus einer besseren Zeit zu stammen scheinen.)

Die Kamera bleibt, dank Teleobjektiv (zur Erinnerung: lange Brennweite, geringe Schärfentiefe), fast immer weit weg von den fokussierten Personen, entnimmt der Menschenmasse einzelne Körper und Gesichter, fokussiert sie im kleinen Schärfenbereich, während um sie herum, in der Unschärfe, das Leben weiter geht. (Und das ist hier tatsächlich so: die Statisten sind keine Statisten, sondern fast immer „echte“ wartende Flugreisende, die nichts ahnend in diesem Film „mitspielen“.) Wir sehen so an diesem Nicht-Ort Individuen, hören ihre Gespräche, beobachten ihre Unruhe. Die Bilder und die per Micro-Port vor Ort aufgenommenen Dialoge der zwei, drei oder vier Paare sowie der dazu passende minimal-artige Sound sind ein Fest für die Sinne, man kann sich daran einfach nur erfreuen. (Nur auf den aus dem Rahmen fallenden, „geschwätzigen“ Cat-Power-Song hätte Schanelec besser verzichten sollen.)

Die »Orly«-Filmbilder verdanken wir dem Kameramann Reinhold Vorschneider. Und der hat diesen Job auch in Thomas Arslans »Im Schatten / In the Shadows« meisterlich gemacht. Der Film beginnt mit einer tollen, langen Szene, die regennasse Friedrichstraße aus einem Café heraus beobachtend. Und er endet mit einer wiederum tollen Bildfindung, einem langsamen Fade-out hin zur Leinwand ganz in Schwarz. Dazwischen viele gut gefilmte Autofahrten und sehr präzise Bewegungen des Protagonisten Trojan. Optisch ein sehr gelungener Film, die Gangster-Story und die hölzernen Dialoge – darüber breite ich dezent den Mantel des Schweigens.

Was war sonst noch?

Außer Atem, das Berlinale-Blog vom Perlentaucher.

Querschnitt: Die Querschnitt-Kritikergruppe und Schnitt-Autoren berichten von der Berlinale.

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