Berlinale

Einmal im Jahr ist der sonst auf mich unwirtlich wirkende Potsdamer Platz eine prima Location: zur Berlinale-Zeit ist das Revier mit den zahlreichen Kinos der Tummelplatz von Filmbesessenen aus aller Welt. Dann kann man dort eine besondere Athmosphäre spüren, babylonisches Sprachgewirr, die Menschen schauen freundlich aus & drein, gehen entsprechend miteinander – mit Fremden – um, selbst beim Anstehen nach den begehrten Karten.

Ich bin dabei, einzutauchen. Viele interessante Filme stehen in den kommenden Tagen auf dem Programm. Dabei interessiert mich der offizielle Wettbewerb überhaupt nicht, diese Filme werden später im Jahr eh noch lange, mitunter zu lange, die Leinwände blockieren. Die wirklich interessanten Filme, inhaltlich und visuell laufen in den Reihen Forum und teilweise auch im Panorama. Zeugnisse von Welten am Rande der Welt, von Welten hinter der Welt, aus erster Hand, unabhängig und meist mit einem low budget produziert. Filme, die man sonst hierzulande nicht zu sehen bekommt, Themen und Bilder, die nicht von westlichen, öffentlich-rechtlichen Redakteuren aufbereitet wurden. Und es gibt die sympathischen Festival-Rituale: Jeder Film wird vom Moderator eingeführt, der Film selbst, und anschließend auch die Macher beim kurzen Podiumsgespräch, vom Publikum freundlich aufgenommen und beklatscht.

Gestern ging’s los: »Babooska«. Ein ausführliches Portrait einer jungen Artistin in einem norditalienischen Wanderzirkus. Keine Zirkus-Performance interessierte die Macher, sondern: wie leben fahrende Leute, Nichtsesshafte, Fremde in jedem Ort, Menschen am Rande der „normalen“ Welt, wie sieht der Alltag in einem fünfeinhalb Quadratmeter kleinen Wohnwagen aus. Ein Film ohne Kommentar, ohne Interviews. Nur das Wesentliche, Bilder und O-Ton Babooska und ihre Familie. Die Macher, Tizza Covi & Rainer Frimmel sind Photographen. Der Film beobachtet etwa ein Jahr, in der Summe sechs Monate fuhren die Beiden mit der Truppe mit. Ein unglaublich intimes Dokument.


Aktueller Lesetipp: Außer Atem, beim Perlentaucher.

One Comment

  1. Julia Sonntag, 12. Februar 2006

    Neidfaktor 10!!
    Naja, dafür haben wir hier mehr Schnee…

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