Chilenisches Nachtstück: Judasbaum

Im Jahr 2000 erschien Roberto Bolaños »Nocturno de Chile« in Barcelona; der Chilene Bolaño lebte seit 1977 im spanisch-katalanischen Exil. Der formal eigenwillige kleine Roman, er besteht nur aus zwei Absätzen, wobei der letzte noch nicht ‚mal ganz eine Zeile lang ist, ist der im Fieberrausch angesichts des nahen Todes vorgebrachte Erklärungs- oder Rechtfertigungsversuch des Sebástian Urrutia Lacroix gegenüber dem vergreisten Grünschnabel, einer im Augenblick des Erzählens imaginierten moralischen Instanz. Lacroix ist erfolgreicher Literaturkritiker, wahrscheinlich durchschnittlich schlechter Schriftsteller, Priester. Er hat mehrere politische Systemwechsel beruflich erfolgreich ausgesessen, der vergreiste Grünschnabel könnte für die aus Sicht Lacroix‘ altkluge, besserwisserische, kritische, moralisierende, anklagende, jüngere Generation (Bolaño & Genossen?) stehen.

Die Beurteilung der jüngeren Geschichte Chiles scheint mir nicht frei von Ressentiments unterschiedlicher Art, also ziemlich emotionsgeladen zu sein. Was war? 1979 ging das linke, sozialistisch dominierte Wahlbündnis Unidad Popular mit 37 % der Stimmen aus den Wahlen als stärkste Kraft hervor. Salvador Allende wurde zum Präsidenten gewählt. Wichtige Industriezweige wurden (verfassungskonform) verstaatlicht. Sanktionen, Attentate, Embargos des Westens, der USA und der westeuropäischen Staaten, waren die vorhersehbare Folge. Die Lage wurde politisch und wirtschaftlich immer labiler, es kam in Chile zu immer mehr so genannten „Kochtopf-Demonstrationen“, und schließlich dann im September 1973 zum erfolgreichen Militärputsch. Ich begann damals gerade mein Studium, und in Dresden und anderswo im Osten fanden in den folgenden Jahren immer mehr chilenische Exilanten, nicht nur Kommunisten, vorübergehende Aufnahme und Unterstützung. Die Militärdiktatur der Junta unter Führung des Augusto Pinochets wütete über 15 Jahre, ehe 1989 die Zeit der Redemokratisierung begann. Dieser Prozess hält immer noch an, er wird von Chilenen selbst als ein Zustand umschrieben, der heute noch durch Vergebung, Vergessen und Verdrängung gekennzeichnet ist.

Wie spiegelt Bolaño dies nun, soweit ich es bemerke, im chilenischen Nachtstück? Was macht Lacroix, was reflektiert er auf dem Sterbebett?:

Es lief nicht gut in Chile. Für mich schon, nicht aber für das Vaterland. Ich bin kein übertriebener Nationalist, aber ich hege eine wahrhaftige Liebe zu meinem Land. Chile, Chile. Wie hast du dich verändert, […] Sind die Chilenen verrückt geworden? Wer ist schuld? […] wo soll das mit dir enden, Chile? Hast du dich so verwandelt? In ein Ungeheuer, das man nicht mehr wiedererkennt? Dann kamen die Wahlen, und Allende gewann. […] Das kann kein Mensch aushalten, sagte ich zu mir, und in der Nacht von Allendes Triumph verließ ich das Haus […] Wieder zu Hause, begann ich, die Griechen zu lesen. Gottes Wille geschehe, sagte ich mir, ich werde noch einmal die Griechen lesen.

Lacroix liest die Jahre über bis zum Putsch praktisch durch.

Und ich hielt inne, einen Finger zischen den Seiten des Buchs, das ich las, und dachte: Welch ein Frieden. Ich erhob mich, ging ans Fenster: welche Stille.

Unter der Militärdiktatur übernimmt er eine heikle, auf den ersten Blick merkwürdige Aufgabe: er unterrichtet Pinochet und einen engen Kreis der Junta in Marxismus-Leninismus. Als der Schnellkurs zu Ende ist, plagen ihn Fragen, zum Beispiel, ob er gut genug war, und was seine Freunde und Schriftstellerkollegen wohl dazu sagen werden, ob man ihn verstehen, ihm verzeihen werden wird. Und es ist eine in meinen Augen zentrale, über die Situation hinausweisende Frage dabei:

Weiß der Mensch denn immer und zu jeder Zeit, was gut und was böse ist?

Und als es schließlich herauskommt, passiert – nichts. (Was mich gar nicht wundert.)

Bolaños Lacroix weiter:

Ganz Chile hatte sich in einen Judasbaum verwandelt, einen Baum ohne Blätter, tot offenbar, aber tief in der schwarzen Erde wurzelnd, unserer fetten schwarzen Erde […] Und dann kam die Demokratie, der Moment, in dem wir Chilenen uns miteinander versöhnen sollten […] Und ich begann wieder vor mich hin zu trällern: Der Judasbaum, und mein Auto fuhr wieder hinein in den Tunnel der Zeit, den großen Fleischwolf. […] Was kann ein einzelner schon gegen die Geschichte ausrichten? Der vergreiste Grünschnabel ist immer ein Einzelgänger geblieben, ich aber, ich bin stets mit der Geschichte gegangen.

Natürlich ist das eine sehr selbstgerechte Haltung. Und natürlich ist da mehr als ein Körnchen Wahrheit drin, in diesen Sätzen Lacroix‘.

Und, alles in allem: es fällt mir ziemlich schwer, die chilenische, die lateinamerikanische Mentalität zu verstehen. Obwohl, das Muster der Vergangenheitsbewätigung scheint etwas Universales an sich zu haben.


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