Christa Wolf

In der vergangenen Woche ist Christa Wolf verstorben. Keine Schriftstellerin hat mein Denken so sehr sehr beeinflusst wie sie, damals in den 1970er und 1980er Jahren. Das ist lange her.

Heute blättere ich in »Kassandra«. Das Buch ist 1983 erschienen und trägt den Untertitel „Vier Vorlesungen. Eine Erzählung.“ Mit den Vorlesungen sind die Frankfurter Poetikvorlesungen 1982 gemeint. Im Band stecken mehrere Lesezeichen, von mir damals eingelegt. (Und es gibt darüber hinaus angestrichene Stellen.) Heute rätsele ich bei einigen, was mich damals wohl dazu bewegt hatte. Die meisten sind der Zeit (Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in Ost und West) geschuldet. Nicht wenig reicht darüber hinaus.

Zum Beispiel in der 3. Vorlesung, einem Arbeitstagebuch:

8. Juli 1980:

Das Wahndenken ist natürlich mathematisiert. […] Der wahnhafte Irrtum: Sicherheit von einer Maschine abhängig zu machen anstatt von der Analyse der historischen Situation, die nur menschen mit historischem Verständnis (das heißt auch: mit Verständnis der historischen Situation der anderen Seite) leisten können.

Aus der 4. Vorlesung, einem Brief an A.:

Die Emancipatio aber, die Entlassung aus der Gewalt des Pater familias, war lange nur für Söhne vorgesehen, und als das Wort endlich, als „Emanzipation“, auf Frauen angewendet wurde (heute noch häufig pejorativ: Du bist wohl eine Emanze?), da hat man – und Frau – diesen begriff, dessen revolutionärer, radikaler Sinn störte und stört, im Sinn von „Gleichberechtigung“ gebraucht, heruntergespielt und mißverstanden.

Und schließlich aus der Erzählung, aus »Kassandra« selbst:

Die Leute des Eumelos waren an der Arbeit. […] Auch geistig müßten wir gerüstet sein, wenn der Grieche uns angreife. […] Ich muß mich scharf erinnern: Sprach in Troia irgendein Mensch von Krieg? Nein. Er wäre bestraft worden. In aller Unschuld und besten Gewissens bereiteten wir ihn vor. Sein erstes Zeichen: Wir richteten uns nach dem Feind. Wozu brauchten wir den? […] Zehn Jahre Krieg. Sie waren lang genug, die Frage, wie der Krieg entstand, vollkommen zu vergessen. […] Wann der Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müßte man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingraben, überliefern. Was stünde da. Da stünde, unter anderen Sätzen: Laßt euch nicht von den Eignen täuschen.

Zitate aus: Christa Wolf, »Kassandra. Vier Vorlesungen. Eine Erzählung«, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1. Auflage 1983

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