Darwin verstehen

Man wundert sich schon manchmal fragend, warum sich Vernunft – hier Darwins Evolutionstheorie – so schwer durchsetzt bzw. dabei Rückschläge erleidet. Und das trotz stärkster Argumente. Zumindest in meiner Wahrnehmung war da schon einmal alles klar: in der Fachwelt wurde einiges sofort, anderes nach langem Kampf akzeptiert. Soweit normal. Via Schule schien die Evolutionstheorie auch bei den Massen angekommen zu sein. Warum also die Rückschläge?

Christian Gapp hat bei Telepolis in mehreren Teilen (1, 2, 3) zu den Schwierigkeiten mit Darwins Evolutionstheorie geschrieben. Er erläutert zunächst pseudo-wissenschaftliche Behauptungen, immer wiederkehrende Kernargumente und Argumentationsstrategien der Evolutionsgegner. Danach stehen gängige Trugschlüsse, Missverständnisse, Fehlinterpretationen von „Freunden“ der Evolutionstheorie im Fokus. Abschließend, im lange überfälligen und vielleicht nie erscheinenden 4. Teil soll es über das verminte – aber für mich uninteressante – Gelände zwischen Religion und Evolutionstheorie gehen. [UPDATE: Teil 4 ist inzwischen erschienen.]

Gapp zusammenfassend sehe ich die Hauptangriffsflächen für die Kreationisten u/o Intelligent-Design-Anhänger in folgenden Punkten:
– Erstens sind deren Argumente bzw. Behauptungen knapp und bündig formuliert, vielleicht „einleuchtend“ auf den ersten Blick. Die wissenschaftliche Widerlegung ist oft umständlich, länger, ausholender. Das ist ein wichtiger Vorteil im Zeitalter des Infotaintments, der medial allgegenwärtigen Konditionierung mit Info-Häppchen.
– Zweitens sind die kategoralen Begriffspaare Theorie – Hypothese, komplex – kompliziert, zufällig – zielgerichtet usw. umgangssprachlich und in der Wissenschaftssprache unterschiedlich besetzt, werden in der Alltagssprache oft schlampig gebraucht.
– Und drittens scheinen einige der vielwissenden Vielschreiber der populärwissenschaftlichen Literatur auch nicht gerade mit dem großen Durchblick gesegnet zu sein.

Die massiven und zumindest in anderen Ländern erfolgreichen Angriffe religiös motivierter Gruppen gegen die Evolutionstheorie im Namen des Intelligent Designs kommen heutzutage oft mit der Behauptung daher, es gäbe „ganz offensichtlich wissenschaftliche Beweise“ für die Existenz eines „intelligenten Designers“. Schwuppdiwupp wird ID-Theorie mit Evolutions-Theorie auf gleiche Augenhöhe gebracht, eine wissenschaftliche Wettbewerbssituation suggeriert. Gapp arbeitet 3 Kernbehauptungen der Evolutionsgegner heraus. Zum Ersten wäre da die als engstirnig und anthropozentrisch entlarvte Behauptung, die Existenz eines Schöpfers sei „offensichtlich“, weil komplexe Organe nicht „einfach so, durch Zufall“ entstehen könnten. Dann wird mit den Begriffen „Zufall“ und „Komplexität“ jongliert. Das ist geschickt, weil die meisten Menschen damit begriffliche Schwierigkeiten haben. Drittens werden das Gedankengebäude der nicht-zielgerichteten Evolution stützende Fossilienfunde („Missing Links“) ignoriert. Die ID-Anhänger sind insofern im Vorteil, dass sich ihre Behauptungen knapp und schnell formulieren lassen. Die sachliche Widerlegung ist umständlicher, zeitaufwändiger. Der Laie ist aber auf markige Info-Häppchen konditioniert.

Im zweiten Teil bringt Gapp Beispiele die illustrieren, dass auch gelegentlich Befürworter der Darwin’schen Evolutionstheorie mit ihren Argumenten falsch liegen. Von den 5 Bestandteilen der Darwin’schen Theorie:

• Wandelbarkeit der Arten
• Abstammung aller Organismen von gemeinsamen Vorfahren
• Stetigkeit der Evolution
• Vervielfältigung der Arten
• natürliche Selektion

waren nur die ersten beiden binnen kurzer Zeit in der Fachwelt akzeptiert. Die anderen drei Punkte brauchten etwa 80 Jahre für eine solche Anerkennung. Heute wird das z.B. wieder durch unscharfes Argumentieren „aufgeweicht“ indem man z.B. den Begriff des „Züchtens“ (ein zielgerichteter Prozess) mit der evolutionären Artenentstehung, die eben nicht zielgerichtet ist, vermengt. Oder indem man Stetigkeit mit konstanter Geschwindigkeit gleichsetzt. (Zur andauernden Evolution des Menschen siehe auch dort und dort.) Die Evolution wird vor allem von Sozialdarwinisten in Anspruch genommen, um gesellschaftliche Zustände zu verteidigen oder herbeizuwünschen. Damit entstehen Angriffsflächen für Kreationisten und ID-Anhänger.

Ein weiteres Problem ist eher wissenschaftstheoretischer Art. Wozu der Laie „Theorie“ sagt, das ist für den Wissenschaftler maximal eine Hypothese. Der Umgang mit den Ergebnissen von naturwissenschaftlichen Experimenten, ein naiver Umgang mit der Falsifizierbarkeit, mit fehlerhaften Experimenten und Irrtümern liefert die Munition für viele die Evolutionstheorie angeblich widerlegende Einzelbeispiele. Unabhängige Reproduzierbarkeit von wissenschaftlichen Experimenten ist jedoch der Kern des wissenschaftlichen Diskurses, nicht die Falsifizierbarkeit.

Die Mühen der Ebenen sind offensichtlich nie vorbei.

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