Das Programm Selbstverblödung

Evaluation und Controllingansätze sind im Bildungswesen, an den Hochschulen mittlerweile Alltag geworden. Selbst auch damit befasst, aus der Wirtschaft kommende Managementmethoden zu adaptieren, dabei die Unzulänglich- und Vergeblichkeiten, Versuche und Scheitern, Aktionismus und Beharrungsvermögen reflektierend, Amateure, Macher, Zuschauer, Zyniker, Idealisten, Kritiker, Skeptiker, Gewinner, Verlierer auf allen Strukturebenen beobachtend – in dieser Situation lese ich nach einem Hinweis von Infobib die in der taz abgedruckten Auszüge der Abschiedsvorlesung von OSI-Professor Bodo Zeuner.

„Das Programm Selbstverblödung“ des Alt-68ers Zeuner ist eine scharfzüngige, persönliche und personifizierte Abrechnung mit der Ökonomisierung des Bildungswesens, mit der Doktrin von der Universität als Unternehmen, mit den Methoden des New Public Managements.

Das Ziel dieses Wandels ist es, Hochschulen zu schaffen, die privat nutzbare und auf dem Markt veräußerbare Waren produzieren.

Man kann auch formulieren: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. (Dass das wirtschaftlich risikofreie Agieren am Markt, wenn noch dazu mit Dumpingpreisen, diesen Markt oft kaputtmacht, ist ein anderes Thema.)

Der Witz bei dieser Marktunterwerfung ist, dass sie selbst dann funktioniert, wenn kein realer Markt existiert, auf dem Güter und Dienstleistungen gegen Geld getauscht werden. Eine Industrie von Ranking- und Evaluierungsfirmen versucht, einen Markt zu simulieren, auf dem die einzelnen Universitäten erbittert und besinnungslos um Anteile und Positionen kämpfen.

Zeuner kritisiert auch die Veränderungen in der Binnenstruktur der Hochschulen, idealisiert die Humboldtsche Gelehrtenrepublik und die 68ff erkämpfte Gruppenuniversität und deren akademische Selbstverwaltung, kritisiert die unternehmerisch ausgerichteten Parallelstrukturen wie die Stabsgruppe eines präsidialen Chefmanagers. Und er beklagt die Entsolidarisierung:

Bei den Universitätswissenschaftlern besteht eine strukturbedingte Unfähigkeit zu solidarischem Handeln. Ihnen wird im Zuge ihres Aufstiegs Konkurrenz ansozialisiert. Die Regel unter ihnen sind nichtsolidarische Gruppenzusammenschlüsse prekärer Art, nämlich Seilschaften und Zitierkartelle. Und wer siegreich aus diesem Kampf hervorgegangen ist, wird das Konkurrenzsystem für gerecht, und, wenn er besonders bequem denkt, sogar für „objektiv“ halten. In der Wissenschaft aufgestiegene Menschen sind daher im Allgemeinen sozial viel dümmer als etwa Fabrikarbeiter, die durch Erfahrung lernen, dass es ihnen schlechter geht, wenn sie nur für sich ihr Glück versuchen.

Und so geht das wieter und weiter. Manchem kann ich zustimmen, anderes ist so populär wie konsensfähig, einiges ziemlich inkonsequent, unausgegoren. Insgesamt bleibt also bei mir ein Unbehagen: Der Text ist eine Abrechnung eines im Elfenbeinturm sitzenden Privilegierten, der seine kritischen Ideale hochhält. Edel. Mit der Welt außerhalb des Universums Universität hat das aber wenig zu tun. (In dieser, übrigens, wären so manche Professoren nicht „überlebensfähig“. Sie kennen nur die Hochschule, waren nach dem Studium nie außerhalb tätig, wissen oft nicht, wie man eine Bewerbung, einen Lebenslauf schreibt.) Zeuner macht in meinen Augen Studierende lächerlich,

[…] die verwendbare Qualifikationen und entsprechende Zertifikate nachfragen und diese mit Studiengebühren bezahlen, […] die sich darüber empören, zu wenig Karrieretaugliches zu lernen, die […] eine noch marktgerechtere Ausbildung statt mehr kritische Wissenschaft fordern.

Ich denke, nicht Entweder-Oder ist die richtige Fragestellung, sondern beides muss das Ziel sein: Hochschulen müssen Studierende auch auf das leben da draußen vorbereiten!

Studierende schließlich, die für eine schlechte Lehre bezahlen müssen, könnten darauf mit einer größeren Wut reagieren.

Das wünsche ich mir, überall. Wäre es doch ein guter Verstärker von Evaluationen.

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