Daten, Informationen, Wissen

Menschen kreieren auf Grund individueller Relevanzkriterien aus Daten Informationen. Aus diesen wiederum können sie mit Hilfe ihrer gleichfalls individuellen Erfahrungsmuster Wissen generieren.

Individuelle Relevanzkriterien und Erfahrungsmuster können maßgeblich durch die Gesellschaft geprägt, aber (zum Glück) nie identisch sein. Dazu passt, was Heinz von Foerster als hermeneutisches Prinzip formulierte:

Der Hörer, nicht der Sprecher, bestimmt die Bedeutung einer Aussage.

Für n=2 Individuen könnte das schematisch so dargestellt und die Frage gleich mitformuliert werden:

Ist unsere anhaltende Rede vom Informations- und Wissenstransfer, Semantiken und Ontologien zum Trotz, Bullshit?

13 Comments

  1. Joachim Zischke Montag, 16. April 2007

    Informationen sind an sich wertlos. Erst durch die “Relevanzkriterien” entwickelt der Empfänger “Wissen”. Daher bedarf es keines explizitem Transfers von Informationen, sondern von Wissen. Wissenstransfer ist und bleibt für uns notwendig, denn wie sollten wir unsere Erfahrungen, ja das Wissen schlechthin, an nachfolgende Generationen weitergeben, wenn nicht durch das Sprechen. Von Foersters Satz behält seine Richtigkeit, wie auch der Wissenstransfer gültig bleibt. Die Frage ist das Wie der Wissensvermittlung: Wie finden wir Eingang ins Ohr des Anderen? Vielleicht durch spielerisch leichten und anregenden Methoden?

    • Robin Montag, 16. April 2007

      Informationen sind meiner Ansicht nach gerade nicht wertlos, zumindest nicht nach dem DIKW-Modell (siehe DIKWchain.pdf). Danach unterscheiden sich Informationen von Daten durch ihre Bedeutung für den Empfänger. (Eben jene Relevanzkriterien, wobei ich die Aussage, dass Menschen aus Daten Informationen kreieren, etwas unglücklich finde: meines Erachtens haben die Daten für mich als Empfänger entweder eine Bedeutung, dann sind es Informationen für mich, oder eben nicht, dann sind es reine Daten; ich kreiere in diesem Moment aber nichts aus den Daten. Beispielsweise ist das Hinweisschild für ein Parkhaus für einen Fußgänger ein reines Datum, für den Autofahrer aber eine Information.)
      Wissen ist nach diesem Modell um Erfahrung erweiterte Information, wobei Erfahrung (und damit auch das Wissen) immer etwas Subjektives ist. Um im Beispiel zu bleiben: das Hinweisschild »Marktgarage« kann für mich als (ortsfremden) Autofahrer reine Information sein, für einen anderen (ortskundigen) Autofahrer aber Wissen darstellen, weil er die Erfahrung gemacht hat, dass in dieser Tiefgarage die Parkplätze ziemlich eng sind.
      Von daher gibt es streng genommen wirklich keinen Wissenstransfer; ich denke aber, dass man das ganze auch pragmatisch sehen kann: Wenn beim Informationstransfer vom Sender zum Empfänger auf der Seite des Empfängers (unter Einbeziehung von dessen Erfahrungsschatz) Wissen in einer Form aufgebaut wird, dass der Empfänger mit seinem neuen Wissen das gleiche Resultat erzielen kann wie der Sender, dann würde ich durchaus von einem gelungenen Wissenstransfer sprechen. Und damit stimme ich Dir, Joachim, voll zu bezüglich dem »Wie« der Wissensvermittlung. Wichtig ist, sich in den Empfänger hineinzuversetzen und danach seine Botschaft auszurichten.

  2. jl Montag, 16. April 2007

    natuerlich machen wir pragmatisch informations- und wissensaustausch. das funktioniert erstaunlich gut, wenn die relevanzkriterien u/o erfahrungsmuster gleich oder aehnlich sind.
    trotzdem bin ich der meinung, dass “nur” daten ausgetauscht werden, dass der protokollstack beim sender abwaerts abgearbeitet wird zum physischen datenaustausch und beim empfaenger wieder hochgearbeitet wird, wie beim iso-modell oder beim tcp/ip-protokoll. informations- und wissensaustausch sind in diesem sinne protokolle. das wissen und auch die information sind an das individuum, sein hirn gebunden.

    • Robin Montag, 16. April 2007

      Da bin ich vollkommen Deiner Meinung; und der Vergleich zum TCP/IP gefällt mir in diesem Zusammenhang gut! Nur würde ich wie gesagt erst beim Schritt von der Information zum Wissen von einer »Kreation« sprechen … aber das ist eine Diskussion über Nuancen! 😉

  3. Joachim Zischke Montag, 16. April 2007

    Schönen Dank für den Link, sehr aufschlussreich. Ohne hier eine Grundsatzdebatte anstossen zu wollen: Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Daten und Information, wohl aber zwischen Information und Wissen. Um bei Deinem Parkhausschild zu bleiben, Robin: Käme ein Buschmann zu uns zu Besuch und sähe er das Schild, es würde für ihn ein unbekanntes Objekt sein, bestehend weder aus Daten noch aus Information. Erst durch die Erfahrung (Lernen, Prüfen, Vergleichen, Verstehen, etc), dass es bei uns Autos gibt, dass man diese auch in Häusern abstellen (“parken”) kann, würde der Buschmann ein Wissen erlangen, das in in die Lage versetzt, dem Schild eine bestimmte Bedeutung zuzumessen und ggf. dadurch entsprechend zu handeln.
    Natürlich sind in Deinem Sinne Daten oder Informationen nicht wertlos, sie haben, wie gesagt, nur einen Wert, eine Bedeutung für jemand, der schon über ein bestimmtes Wissen verfügt, um diese Information im Kontekt zu verstehen.

    […] Von daher gibt es streng genommen wirklich keinen Wissenstransfer;[]
    Wie definierst Du dann die Märchen, die eine Oma ihrem Enkel vorliest und damit Erfahrung und Lernen zu neuem Wissen zusammenführt -?

    • Robin Montag, 16. April 2007

      > […] Käme ein Buschmann zu uns zu Besuch und sähe er das Schild, es würde für ihn ein unbekanntes Objekt sein, bestehend weder aus Daten noch aus Information. […]

      Stimmt, wenn er nicht weiß, was ein »Hinweisschild« ist, geschweige denn nicht lesen kann, dann ist dieses »Ding« für ihn weder Datum noch Information, sondern nur Faktum (rechteckig, weiß mit schwarzen Flecken drauf, …)
      Wenn er dagegen Hinweisschilder kennt und das lateinische Alphabet beherrscht, aber kein Deutsch spricht, dann sind die Buchstaben für ihn Daten (er weiß, dass die Buchstaben eine Bedeutung haben, da Hinweisschilder in der Regel eine Bedeutung haben), aber keine Information, da er die Kombination der Buchstaben nicht versteht – sie haben keine Bedeutung für ihn persönlich.

      > Wie definierst Du dann die Märchen, die eine Oma ihrem Enkel vorliest und damit Erfahrung und Lernen zu neuem Wissen zusammenführt -?

      Wie Juergen in seinem Kommentar unter 1.2 dargestellt hat: als Datentransfer. Die Oma hat durch ihre Erfahrung Wissen aufgebaut. Sie versucht, ihr Wissen und die darin enthaltenen Erfahrungen und Informationen so in Worte (=Daten) zu packen, dass Sie für ihren Enkel möglichst wiederum eine Information darstellen (also eine Bedeutung haben) und er daraus lernen kann (die Informationen, die er von seiner Oma erhalten hat, mit seinen eigenen Erfahrungen zu Wissen kombinieren). Du hast in Deinem ersten Kommentar von Wissensvermittlung gesprochen – dieser Begriff passt meiner Ansicht nach besser als Wissenstransfer, da man das Wissen einer Person eben nicht transferieren kann, sondern nur vermitteln, es wird aber beim Empfänger (aufgrund der unterschiedlichen Relevanzkriterien und Erfahrungen eines jeden Menschen) nie dasselbe Wissen wie beim Sender sein. Die Frage bleibt, wie Du schon gesagt hast: »Wie finden wir Eingang ins Ohr des Anderen?« – wie formulieren wir die Daten passend für den Empfänger? (Ich hoffe, Letzteres ist mir bei Dir gelungen. 😉 )

      • Joachim Zischke Montag, 16. April 2007

        […] Wissensvermittlung gesprochen – dieser Begriff passt meiner Ansicht nach besser als Wissenstransfer, da man das Wissen einer Person eben nicht transferieren kann, sondern nur vermitteln, []
        Exakt – und hier liegt für mich, das gestehe ich freimütig, insofern eine neue Denkrichtung, als ich bisher über eine Differenzierung zwischen “transferieren” und “vermitteln” nicht weiter nachdachte. Gut, dass wir darüber gesprochen haben.. 😉

        • Robin Montag, 16. April 2007

          Diese neue Denkrichtung hat sich bei mir auch erst beim Schreiben eingestellt – insofern war das also auch neuer »Input« für mich! 🙂

  4. Hans-Jürgen Stenger Montag, 23. April 2007

    Nun doch noch ein verspäteter Kommentar zum Thema Wissensvermittlung und zur Frage “was geht da überhaupt”. Im Grunde hängt das doch damit zusammen, wie wir unser Bild von der Welt, also das was wir “Wirklichkeit” nennen, konstruieren.
    Die Denkrichtung, die sich damit beschäftigt, nennt sich “Radikaler Konstruktivismus”. Eine umfassende und gut lesbare Darstellung davon hat u.a. Ernst v. Glasersfeld geschrieben (Radikaler Konstruktivismus: Ideen, Ergebnisse, Probleme; Suhrkamp, 1997). Mir persönlich hat diese Sichtweise ein brauchbares Erklärungsmodell geliefert, mit dem ich meine Wahrnehmung von “Wirklichkeit” und die Kommunikation mit andern auf die Reihe bringen kann. Durch die Beschäftigung mit dem radikalen Konstruktivismus erscheint auch das Thema Wissensvermittlung in einem neuen Licht. Ein wichtiger Faktor, der mir demnach im Bild oben noch abgeht, ist die Bedeutung, die assoziiert wird. Sie kommt sozusagen noch “vor” der Relevanz, unmittelbar nach der Wahrnehmung.

    • jl Montag, 23. April 2007

      Danke für den Literaturtipp! – Selber bin ich via Heinz von Foerster auf dieses Thema gekommen. Die “Einführung in den Konstruktivismus” (auch mit einem Beitrag von Ernst von Glaserfeld) sowie Paul Watzlawicks “Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen.” warten schon ungeduldig.
      Über den angesprochenen feinen Unterschied zwischen “Bedeutung” und “Relevanz” muss ich nachdenken…

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