Der ganze Turm

Es blieb spannend bis zum Schluss, und endet am 9. November ’89; das letzte typographische Zeichen in Tellkamps „Der Turm“ ist, sehr sympathisch, ein Doppelpunkt.

Für mich ist das Erzählte nicht weniger als die literarisch verdichtete Quintessenz der 80er Jahre in der untergegangenen DDR. Da ist irgendwie alles drin, was ich unbewusst gesucht habe. Da ist vieles drin, was ich gar nicht gesucht habe, was auf dem Wege des Vergessens war. Für mich stimmt, was Jens Bisky in der SZ (laut Schutzumschlag) behauptet haben soll: Wer wissen will, wie es damals war, soll diesen Roman lesen.

Wobei später Geborene und anderswo Sozialisierte ihre Probleme haben werden, manche Eigenart, manches Zeichen, manches Verhalten zu verstehen. (Das ist dann ungefähr so unbekannt absurdes Land, wie ich es in Joan Didions Amerika-Essays beschrieben finde. Gleichwohl spannend.) Natürlich versucht man Personen zu entschlüsseln, ich vor allem in den Schriftsteller-Kabalen. Man denkt dann, z.B. Fühmann, Hacks, die Kuczynskis entdeckt zu haben, aber das ist Quatsch. Die Figuren sind Typen, in jeder stecken mehrere. Ebenso sind manche Ereignisse satirisch überzeichnet, mögen unwahrscheinlich, unglaubhaft sein – und sind gerade deshalb wahr. Es ist ein Roman und kein Geschichtsbuch, es ist Kunst.

Tellkamp erzählt unglaublich spannend und abwechslungsreich. Ganz und gar nicht langweilig sind diese fast tausend Seiten, mitunter gar sehr pointiert: Das kürzeste Kapitel hat 3 Zeilen und besteht aus fünf Worten.

Mehr Worte, eine ausführliche Rezension mit grober Darstellung des Inhalts, der Handlung, findet sich u.a. bei Begleitschreiben.

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