Der perfekte Mensch

Die Reihe »Beauty Politics« des Events »Über Schönheit« im Haus der Kulturen der Welt hatte am letzten Samstag ein sehr interessantes Programm: »Der perfekte Mensch«.

Die Sehnsucht nach körperlicher Perfektion ist uralt und hochaktuell. Immer schon haben Menschen in allen Kulturen versucht, ihre Körper (Hals, Fuss) zu verändern. Derzeit sind Schönheits-Operationen zu einem breiten gesellschaftlichen Trend geworden. (Pro-Kopf-Spitzenreiter soll übrigens Südkorea sein.) Die Veranstaltung behandelte in teils hochkarätigen Vorträgen, wie sich die derzeitigen Trends in den Medien widerspiegeln, was einen Körper, ein Gesicht attraktiv macht, was eine körperliche Modifikation für die Identität ausmacht.



Zum Aufwärmen gab’s einen Vortrag des Regensburger Psychologen M. Gründl zur Konstruktion des idealen Gesichts. Was ist ein schönes Gesicht? Wir sind zwar in der Lage, innerhalb von Sekundenbruchteilen ein solches zu identifizieren, aus Alternativen auszuwählen – doch wie funktioniert es? Die Attraktivitätsforschung wendet Methoden an, die hierauf objektive Antworten gibt. Dabei werden zu einem Durchschnitt hin“gemorphte“ Gesichter als überaus attraktiv beurteilt: „Durchschnitt ist schön!“ – Amüsant zu sehen, wie einige Zuhörer bei den Tests kopfgesteuert gegensätzliche Antworten gaben …

Der Wiener Verhaltensforscher Karl Grammer konnte seinen furiosen Vortrag auf eine Vielzahl international beachteter Forschungsergebnisse stützen. Schönheit beruht auf der Wahrnehmung von evolutionär entstandenen Signalen, liegt nicht nur im Auge des Betrachters, sondern drückt sich in beobachtbaren Merkmalen aus. Der Grad an fluktuierender Asymmetrie (Entwicklungsstabilität, Fitness), die sichtbare Wirkung der Sexualhormone und somit unsere unbewusste sexuelle Strategie beeinflussen unser objektives Schönheitsempfinden. Schönheit, so variabel sie wahrgenommen wird, hat eine biologische Grundlage. Der Ursprung ist in der sexuellen Selektion zu finden. Dieser Ursprung bestimmt das Erkennungsmuster für Schönheit. Grammer reihte im Vortrag Beweis an Beweis, ob wir Kopfmenschen es so wollen, oder nicht, spielt keine Rolle.

Der Medizinhistoriker Gilman aus Chicago hielt einen showmäßg amerikanischen Vortrag, voller Bonmots, zur Geschichte der kosmetischen und ästhetischen Chirurgie (19. Jahrhundert, Charité Berlin). Von ihm kam auch, im abschließenden Podiumsgespräch, ein Plädoyer für das uneingeschränkte Recht, das persönliche Glücksempfinden und -streben zu verwirklichen: und sei es durch eine Investition in eine OP.

Das sogenannte Transformationsfernsehen, ausgerichtet auf die Zielgruppe der 17 bis 29 jährigen (nur die Quoten in dieser Zielgruppe zählen bei der Werbewirtschaft!), verändert die Lebenswelt der Kandidaten. Diese bekommen vor laufender Kamera Kinder, putzen, renovieren, erziehen oder lassen erziehen. Das alte Märchen vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan wird in speziellen Reality Shows inszeniert. Einen Überblick gab die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan Kristin Bleicher.– Was sagt das alles über Rollenmodelle, über existierende Geschlechterfantasien?

Die abschließende Podiumsdiskussion allerdings war kaum zum Aushalten: alle redeten auf hohem Niveau aneinander vorbei.

Man mag u.a. einwenden, dass die Begriffe Attraktivität und Schönheit munter durcheinander, gar synonym verwendet wurden. Die sogenannten Hard Sciences lieferten Fakten, mit denen die Geisteswissenschaftler im Publikum, zumal die die Welt, die Menschen verbessern wollenden Erziehungswissenschaftlerinnen, Feministen und Gewerkschafterinnen, so ihre Schwierigkeiten hatten.

Toll, dass es solche hochkarätigen Veranstaltungen in Berlin gibt. Für jedermann zugänglich, kostenlos, sehr gut besucht.

s.a. Wikipedia über Schönheit

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