Der Turm

Nein früher war nicht alles besser.

Seit einer Woche lese ich Tellkamps Turm. Deutscher Buchpreis hin, Vorschusslorberen her, es muss sich zeigen, ob sich die schnell aufgebaute Spannung auch beim kapitelweisen Weiterlesen halten kann. Tellkamps detaillierte, oft ausufernden Beschreibungen von Dingen, Geschehnissen und Figuren erzeugt bisher einen unglaublichen Sog, der einige Aufmerksamkeit fordert, die nun anderswo fehlen mag…

Das Dresden der 80er, vor allem das Villenviertel auf dem Weißen Hirschen, ist der Schauplatz. Ein paar Jahre zuvor hatte ich in der Stadt Informatik (die man damals noch Informationsverarbeitung nannte) studiert – zu einer Zeit also, in der die Computer noch fast ausschließlich in Rechenzentren weggesperrt waren. Zwar hielt ich mich gelegentlich in der Nähe des Weißen Hirschen auf, aber Kontakte oder Einblicke gab es nicht. Man raunte sich zwar manches, auch unglaubwürdig Scheinendes über Ardenne zu, aber sonst: keine Ahnung von dieser Parallelwelt. (Diesen Gerüchten, Erzählungen gibt Tellkamp ordentlich Futter; das Urania-Kapitel, in dem er die erstaunlich kurze Halbwertzeit von Moral und Anstand beim intellektuellen Establishment zeigt, zählt bisher zu den eindrucksvollsten.) Mit der Straßenbahn fuhr man an merkwürdig weiträumigem, kasernenartigem Gelände vorbei. Das könnte Ostrom gewesen sein.

Zwei Bilder:

     

Bilder aus der Wikipedia (1, 2)

Die Standseilbahn spielt eine ziemliche Rolle, bisher. Ich kann mich nicht erinnern, mit ihr gefahren zu sein. Aber in dem Hotel, dort links am Bildrand, dort ging es gelegentlich hoch her: Herbstball, Faschingsball, Frühlingsball. Und etwas weiter hinten, war dort nicht der Eingang zu einer legendären Diskothek?

Es macht Spaß, Tellkamps Figuren zu folgen, vor allem Christian und Meno. Ich genieße die genauen Beschreibungen, glaube ihm die intensiv geschilderten Details der Kultur des allgegenwärtigen Mangels – der Alltag zwischen Hörsaal und Studentenwohnheim litt da nicht so sehr –, finde alles trotz Übertreibungen „stimmig“, bin sehr angetan von der „altmodischen“ Erzählweise, die den sich am Klassischen, am bildungsbürgerlichen Kanon festhaltenden Figuren so sehr entspricht.

Was uns das heute zu sagen haben soll? Keine Ahnung. Wir lesen halt gerne über versunkene Städte, Kulturen, also wird’s schon zu etwas gut sein.

Nichts war früher besser.

Alles ist wahr. Es ist ein Roman.

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