Die Bildkomposition

Man komponiert das Bild fast in dem gleichen Augenblick, in dem man den Auslöser betätigt, und je nachdem, ob man den Apparat näher an den Gegenstand heranrückt oder weiter entfernt, entwirft man die Einzelzüge, ordnet sie sich unter oder läßt sich von ihnen tyrannisieren. Manchmal kommt es vor, daß man unbefriedigt stehen bleibt und abwartet, daß etwas passiert, manchmal läuft alles auseinander, und man hat überhaupt kein Bild, manchmal erscheint jemand auf der Bildfläche – man folgt seinen Schritten quer durch das Blickfeld des Suchers, zögert immer noch, zögert, bis man schließlich schießt und in dem Gefühl heimgeht, etwas Vernünftiges mit nach Hause zu bringen. Später kann man sich dann damit amüsieren, auf dem fertigen Foto den Goldenen Schnitt oder andere geometrische Proportionen zu entdecken, und wird vielleicht bemerken, daß man instinktiv, indem man gerade in jenem Augenblick den Verschluß geöffnet hat, geometrische Relationen festgehalten hat, ohne die das Foto sonst amorph und leblos wäre. Die Bildkomposition muß uns zwar ständig beschäftigen, doch im Augenblick des Fotografierens kann der Gedanke an Sie nicht mehr als intuitiv sein, denn wir haben es ja mit flüchtigen Erscheinungen zu tun, an denen sich alle Beziehungen fortwährend ändern.

Henri Cartier-Bresson, Der entscheidende Augenblick – The Decisive Moment, New York 1952
Zitiert aus: Wolfgang Kemp und Hubertus v. Amelunxen, Theorie der Fotografie, Band I-IV, 1839-1995

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