Die nächste Hochschule

Niklas Luhmann hat, die Gesellschaft beobachtend und systemtheoretisch beschreibend, vor vielen Jahren natürlich auch die Universität im Fokus gehabt. Im Bändchen »Universität als Milieu« von 1992 (nur noch antiquarisch bzw. in Bibliotheken zu bekommen) sind einige diesbezügliche Texte versammelt, u.a. das 1981 erstmals publizierte Zwei Quellen der Bürokratisierung in Hochschulen“ sowie „Die Universität als organisierte Institution“ von 1992. In ersterem Text1) räumt er mit der Mär auf, die Bürokratie sei von Außen in die Organisation getragen, etwa durch die Ministeriellen. Klar zeigt er auf, wie die demokratische Dekomposition der Ordinarien-Universität nach ’68 und die Etablierung der Gruppen- bzw. Gremien-Universität – zahlreiche mitbestimmende, paritätische Gremien und Ausschüsse – ihr Scherflein dazu, zur Demobürokratie, beitragen.

Luhmann ist, zumindest im genannten Bändchen, relativ leicht zu lesen; spannend ist’s allemal. Doch naturgegeben beziehen sich seine Beobachtungen auf vergangene Kulturformen der Organisation oder Institution Hochschule: die Bologna-Universität war für ihn wahrscheinlich nicht vorstellbar.

Dirk Baecker, Luhmann-geschult und sich auf ihn beziehend, hat 2007 seine »Studien zur nächsten Gesellschaft« 2) publiziert. Baecker untersucht und beschreibt, was gesellschaftliche Organisationen und Institutionen wie z.B. Unternehmen, Familie, Medien, Architektur und eben auch die Universität der „nächsten Gesellschaft“, der Computergesellschaft, ausmachen.

Die Einführung der Sprache konstituierte die Stammesgesellschaft, die Einführung der Schrift die antike Hochkultur, die Einführung des Buchdrucks die moderne Gesellschaft und die Einführung des Computers die nächste Gesellschaft.

Der vernetzte, gedächtnisfähige, mitkommunizierende Computer ist in der Lage, Statushierarchien (der Schriftgesellschaft) und funktionale Sachordnungen (der Buchdruckgesellschaft) auszuhebeln, weil das Medium die Kommunikation verändert.

Möglicherweise bekommen wir es mit einer Gesellschaft zu tun, die nicht mehr auf die Gleichgewichtsfigur des Modus, sondern auf die Orientierungsfigur des Nächsten geeicht ist. Die nächste Gesellschaft, wenn sie sich denn durchsetzt, wird in allen ihren Strukturen auf das Vermögen fokussiert sein, einen jeweils nächsten Schritt zu finden und von dort aus einen flüchtigen Blick zu wagen auf die Verhältnisse, die man dort vorfindet. Sie wird sich nicht mehr auf die soziale Ordnung von Status und Hierarchie und auch nicht mehr auf die Sachordnung von Zuständen und ihren Funktionen verlassen, sondern sie wird eine Temporalordnung sein, die durch die Ereignishaftigkeit aller Prozesse gekennzeichnet ist und die jedes einzelne Ereignis als einen nächsten Schritt in einem prinzipiell unsicheren Gelände definiert.

Das Tastende, den nächsten Schritt ins prinzipiell unsichere Gelände gehend, der Umgang mit Nichtwissen, die Komplexitätsorientierung als Ziel, … Was heisst das, bei Baecker, für die bereits zu beobachtende „nächste Hochschule“?

Baecker sieht, um dies gleich klarzustellen, im Bologna-Prozess den entscheidenden politischen Hebel, um die darbenden europäischen Hochschulen fit zu machen, damit sie auch international bestehen können. Die Umstellung der alten Studiengänge auf die mit Bachelor- und Masterabschlüssen sei etwas für den ersten Blick; auf den zweiten Blick verändert sich etwas an den Hochschulen, das tiefer greift: Die

Ordnungsfigur sowohl für die Organisation als auch für die Lehre an diesen Hochschule [sei] nicht mehr mehr die Massenuniversität mit ihrer grandiosen Idee der mit einem Bildungsticket geförderten sozialen Mobilität für alle […], sondern die „kleine Universität“, die eine überschaubare Anzahl von Studierenden und Dozenten zur Verfolgung eines mehr oder minder klar bemessenen Studienziels an einen Ort bringt, der auf den Ebenen der Studierenden, der Dozenten und des Studienziels vielfach mit anderen Orten ähnlicher Art, und zwar nicht nur mit anderen Universitäten, sondern auch mit Betrieben, Vereinen, Behörden und anderen Einrichtungen der Praxis vernetzt ist.

Denn:

Die Universität ist primär nicht eine Stätte der wissenschaftlichen Forschung, sondern eine Sozialisationsagentur für die Heranführung des Nachwuchses an die komplexeren Fragen von Welt, Leben und Gesellschaft.

Ich könnte aus der spannenden Lektüre endlos weiter zitieren. Doch die Ausführungen zur Autonomie von Studiengängen innerhalb einer Hochschule (ähnlich zu Geschäftsfeldern in Unternehmen), zu interner Evaluation und Akkreditierung als Tätigkeiten des Hochschulmanagements usw. führen hier zu weit. Nur die Praxisorientierung, die Baecker in der nächsten Universität Komplexitätsorientierung nennt, und die dazu notwendigen zu vermittelnden Kompetenzen seien noch erwähnt.

Die Kompetenzen, zu denen die Universitäten jetzt zu befähigen beginnen, ebenso die Talente, nach denen Industrie, politische Organisationen, Militär, Kirchen und Kultur suchen, sind Kompetenzen und Talente, die ihre Expertise daraus beziehen, dass sie es methodisch, theoretisch und praktisch gelernt haben, mit Nichtwissen umzugehen. Wer das nicht kann, kann gar nichts. Aber wer das kann, kann darauf aufbauend jedes nur denkbare Wissen erwerben, ohne dies je mit Gewissheit zu verwechseln und so seine Kompetenz und sein Talent wieder aufs Spiel zu setzen.


1) der auch enthalten ist in: Niklas Luhmann, Soziologische Aufklärung [Bd. 4], Beiträge zur funktionalen Differenzierung der Gesellschaft, Westdeutscher Verlag, 1994, S. 212-215
2) Dirk Baecker, Studien zur nächsten Gesellschaft, Suhrkamp, stw1856, 2007, S. 98-115


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