Die wilden Detektive, Teil 1 der Impressionen

Nach »2666« nun »Die wilden Detektive«, ein Leseabenteuer, auf das ich mich einlasse, weil Bolaño mit seinem letzten Werk bei mir mächtig Eindruck gemacht hat, weil es den Gedankenaustausch auf zwei666.de gab und auf wilde-leser.de gibt.

Den ersten Teil – „Mexikaner, verloren in Mexiko“ – habe ich bereits Anfang des Jahres gelesen. Und ich gestehe eine gewisse Verwunderung, zunächst war da gar Enttäuschung, die erst langsam anfing, sich zurückzuziehen: Was soll mir diese Jungs-Geschichte vom Versuch, Erwachsen zu werden? Was interessieren mich die Tagebucheinträge eines Pubertierenden, sich frei Schwimmenden? Was interessieren mich diese Streitigkeiten von Möchtegern-Dichtern, literarischen Sektierern, was kümmern mich realviszerale Fieberträume? Warum scheint da keine Distanz des Autors zu sein, warum schreibt und veröffentlicht Bolaño dies, im Alter von Fünfundvierzig? Und dafür, für »Die wilden Detektive«, hat es den wichtigsten Literaturpreis Lateinamerikas gegeben? Überhaupt: „Detektive“! Merkwürdig, wo denn!?

Nach den ersten sieben „Zeugenaussagen“ im zweiten Teil mache ich erst einmal Pause. Am Samstag fiel mir zufällig das bei Berenberg – Heinrich von Berenberg übersetzte auch »Die wilden Detektive« – erschienene »Exil im Niemandsland« in die Hände. Und am Sonntag Abend dann habe ich die kurzen Essays und Reden, das Interview mit Bolaño ausgelesen. Der Band ist mit „Bruchstücke einer Autobiographie“ untertitelt, was mir bei der Lektüre zunehmend plausibel wird. Und nun, nach der Lektüre, bilde ich mir ein, Bolaño besser zu verstehen, etwas mehr vom Leben, von der Literatur und den Motiven, die ihn angetrieben haben. – Hätte ich dieses Buch doch schon vor »2666« gelesen. Vor allem auch den Text, in dem er seine literarischen Götter und Halbgötter auflistet, in dem es von Detektiven nur so wimmelt…

Und so werde ich im Folgenden versuchen, hinter die Maskerade zu blicken. Der Fokus scheint mir schon in diesem Buch auf Santa Teresa in der Wüste Sonora zu liegen, das Ziel, der Fluchtpunkt aller Bewegung scheint diese Hölle zu sein. Es sieht für mich so aus, dass Bolaño seinen Lesern (via viszeralem Realismus) die Perspektive von Benjamins Angelus Novus empfiehlt: beim unaufhaltsamen Vorwärtsdrang nach hinten blicken. Wo kommen wir her?

(Zuerst publiziert auf wilde-leser.de.)


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