Elektrizität

„Meine liebe Lady Lovelace,
Sie treiben mich mit Ihren Einladungen in die Verzweiflung. Ich wage nicht zu kommen und werde nicht kommen und ich empfinde es dennoch als unmöglich, Ihnen diesen Wunsch abzuschlagen. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen antworten soll: Und glauben Sie nicht, dass meine Versuchung die Oberschicht ist, denn es ist ganz allein Ihre Freundlichkeit, die mir das Gefühl gibt, einen schlecht begründeten Rückzieher zu machen, und es sind allein Sie, wegen der ich gekommen wäre.
Vergeben Sie mir und glauben Sie mir.
Dankbarst, Ihr M Faraday.“

Brief Michael Faradays an Lady Ada Lovelace,
zitiert nach Ralf Bönt, »Die Entdeckung des Lichts«


Ich war wie elektrisiert, als ich im Prolog von »Die Entdeckung des Lichts« [1] von Ralf Bönt las, wie sich sein Romanheld, der reale Michael Faraday zu diesem oben zitierten Brief an Lady Ada Lovelace [2] quält. Der große physikalische Experimentator war schwer krank, krank geworden als Folge seiner physikalisch-chemischen Experimente, vor allem wohl mit Quecksilber. Die Krankheit kappte Verbindungen zwischen den Zellen in seinem Hirn zunehmend schneller, als neue aufgebaut werden. (Er sollte noch etwa 20 Jahre leben, arbeiten.)

Quelle: Wikimedia, s.u.

Bönt ist die Lovelace-Episode so wichtig, dass es für ihre Begegnung ein eigenes Kapitel gibt, das das Geschehen im Prolog wiederholt. Ich bin versucht, dieses Kapitel das Zentrum des Romans zu nennen. (Der kurz danach beginnt, an Spannung zu verlieren, dramaturgisch „auszufransen“.) Für Faraday sollte das Begehren der intelligenten, charismatischen Gräfin nach wissenschaftlichem und menschlichem Austausch die letzte, wenn ich richtig gezählt habe die dritte, von Weiblichkeit verursachte Verunsicherung sein. Er wurde angespornt, und wenig später war auch das, was später Faraday-Effekt genannt werden wird, entdeckt. „Licht ist magnetisch.“ wird er zu seiner Frau Sarah sagen, und: „Ich bin fertig.“ Da lagen die Entdeckung, der experimentelle Nachweis von elektromagnetischer Rotation, Induktion und der Bau des ersten Dynamos hinter ihm, waren die Gesetze der Elektrolyse formuliert.

Faraday in seinem Labor. Aquarell von Harriet Moore / Quelle: Wikipedia, s.u.

Ralf Bönt schildert in seinem Roman das Leben Michael Faradays im London des 19. Jahrhunderts. Sein Wissensdrang ließ den Sohn eines mittellosen Schmieds die Stationen Laufbursche, Buchbinderlehrling, Laborant an der Royal Society und reisebegleitender Diener seines Förderers Davy, schon zu Lebzeiten weltberühmter, publizierender und rege kommunizierender Forscher, Direktor, Gutachter (z.B. Materialprüfungen, Gruben- / Minenunglücke), Professor und schließlich Mitglied der Institution werden.

Lady Lovelace traf er später noch einmal, da war sie durch ihre Arbeiten zur Differenzmaschine von Babbage zu wissenschaftlichem Ansehen gelangt – ohne als Frau je selbst direkten Zugang zu Bibliotheken gehabt zu haben. Die 24 Jahre Jüngere starb lange vor ihm, mit 36 Jahren.

Ralf Bönt widmet sich dann noch ausführlich den Folgen von Faradays Entdeckungen, den Arbeiten Thompsons und Maxwells, den Unternehmern Einstein, die Schwabing und München elektrisch beleuchteten, Albert Einstein schließlich, der über den Welle-Teilchen-Dualismus des Lichts publizieren sollte. Und über dessen Schreibtisch Faradays Portrait gehangen haben soll. Wie gesagt, ich finde, der Roman verliert hier auffallend schnell seine Form. Nicht dass in den ersten zwei Dritteln stets die Welt mit im Blick war: die Napoleonischen Befreiungskriege (aus englischer Sicht) und die Cholera-Epidemie zum Beispiel, stört. Nein. Aber als dann auch noch Charles Darwin und Friedrich Engels in der Handlung auftauchen…

Die ersten zwei Drittel des Buches waren toll, spannend zu lesen. Ralf Bönt findet zauberhafte Schlusssätze seiner Kapitel, nach denen man das Buch kurz zur Seite legt, um ihnen nach zu sinnen. Zum Beispiel:

Auch dieses Willensspiel gewann er. Dann verabschiedete er sich von seiner Mutter, und selbstverständlich bewahrten beide beinahe die Fassung.

Abbot saß erschöpft und und perplex auf seinem Platz und überlegte, ob er zustimmen oder ähnlich aggressiv dagegenhalten oder sich einen neuen Freund suchen sollte. Faraday aber sprühte noch einige Stunden vor Enthusiasmus, als sei auch der bloße Elektrizität. Jedenfalls lud er Abbot schnell wieder auf, und alles blieb erst mal beim Alten.

Er brachte George in die Paternoster Road und eilte umgehend nach Hause, wo er dessen Schwester vorfand und sie innig küsste, ohne es, um ein Mindestes zu sagen, dabei zu belassen.

[1] Wie Daniel Kehlmann in seiner Besprechung (FAS vom 23.08.2009, Seite 19) darlegt, hat Ralf Bönt schon an seinem Buch gearbeitet, als »Die Vermessung der Welt« noch gar nicht reif zum Erscheinen war; augenfällige Ähnlichkeiten sind dem Marketing des Verlages geschuldet. Und, ja, auch »Die Entdeckung des Lichts« ist ein Roman, Fiktion.
[2] Meine Affinität zu Ada Lovelace hat zum größten Teil seine Ursache im Film »Conceiving Ada« von Lynn Hershman; Tilda Swinton spielt Ada, s. dort und dort.

Porträt von Ada Lovelace: Wikimedia Comomns
Michael Faraday im Labor: Wikipedia


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