Ethikseminar mit Joseph Weizenbaum

Joseph Weizenbaum auf Tour, gestern in Darmstadt, heute in Potsdam. Die darmstädter Veranstaltung ist dort vermutlich gut zusammengefasst, weil: es war gestern dort in Darmstadt sicher ähnlich wie heute in Potsdam (im größten und dennoch überfüllten Hörsaal der FH). Zumindest der Pullunder war der gleiche, das annekdotenhafte Erzählen – ein Vorrecht der weisen Alten bzw. alten Weisen – ebenso. Weizenbaum plauderte über den Wandel der nicht nur sein Wissenschaftlerleben begleitenden Fragestellung: von „Der Einfluss der Gesellschaft auf die Computertechnologie“ (Kalter Krieg, Militär, Miniaturisierung usw.) zu „Der Einfluss der Computertechnologie auf die Gesellschaft“ (Ubiquitäres Computing, Embedded Systeme usw.). Er sieht das Beherrschen der eigenen Sprache als Schlüsselqualifikation, eine vorrangige Aufgabe für Eltern und Schule.

Joseph Weizenbaum hat eine Mission, will in seinen Vorträgen und Gesprächen transportieren, dass verantwortungsvolles, idealistisches Handeln jedes Einzelnen in einer materialistischen Welt („Wir leben in einem Irrenhaus.“) möglich und notwendig ist. Dass dies die einzige Chance, die einzige Quelle von Hoffnung ist, die er sieht. In seinem Geschichtsskeptizismus scheint er Stephen W. Hawking ähnlich zu sein, er sieht nicht nur Manhattan bald unter Wasser. Trotzdem sieht Weizenbaum Inseln der Vernunft, die solle man stärken, und Brücken zwischen ihnen bauen.

      



Ein anderes Bonmot war, dass wissenschaftlicher Fortschritt, wissenschaftliche Vernunft und menschliches Genie auf der einen Seite sich offensichtlich die Waage halten mit menschlicher Dummheit, Infantilität, Irrsinn und Entertaintment (Spaßgesellschaft) auf der anderen Seite. – Wenn’s sich aufhebt, gegenseitig in der Summe paralysiert: ist das nun Anlass zur Hoffnung?

Weizenbaums Pauschalurteile zur Verantwortung des Einzelnen beim Umgang mit Wissenschaft und Technik erinnerten manchen an ein Pflicht-Ethik-Seminar für Naturwissenschaftler: besucht, schlechtes Gewissen (vorübergehend) bekommen, abgehakt, zur Tagesordnung-Übergehen. Und das kitzelte den Widerspruch bei einigen Zuhörern heraus. Die immergleichen Argumente (wenn ich es nicht mache, macht’s ein anderer, was gedacht werden kann, wird gedacht usw.) regten ihn enorm auf, konnte er nicht akzeptieren. Ein wirklicher Dialog mit ihm war aber im Auditorium nicht möglich. – Das müssen wir mit uns selbst abmachen.

Ein anderes Bonmot war, dass sich wissenschaftlicher Fortschritt, wissenschaftliche Vernunft und menschliches Genie auf der einen Seite offensichtlich die Waage halten mit menschlicher Dummheit, Infantilität, Irrsinn und Entertaintment (Spaßgesellschaft). – Wenn’s sich aufhebt, gegenseitig in der Summe paralysiert: ist das nun Anlass zur Hoffnung?

Beim wiederholten Lesen in seinem Buch »Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft« aus den 1970er Jahren sind mir seine Sentenzen zu „Computer und menschliches Denken“ aufgefallen. Diese waren mir bei der Auseinandersetzung mit Peter Kriegs »Die paranoide Maschine. Computer zwischen Wahn und Sinn« nicht präsent. Krieg meint, Maschinen auf dem heutigen Stand der Technik, der herrschenden Mono-Logik verhaftet, wären als wie auch immer denkende Maschinen paranoide Maschinen. Weizenbaum im genannten Buch:

Der Schluss der sich mir aufdrängt, ist hier, dass die relevanten Probleme weder technischer noch mathematischer, sondern ethischer Natur sind. Sie können nicht dadurch gelöst werden, dass man Fragen stellt, die mit »können« beginnen. Die Grenzen der Anwendung von Computernlassen sich letztlich nur als Sätze angeben, in denen das Wort »sollten« vorkommt. Die wichtigste Grundeinsicht, die uns daraus erwächst, ist die, dass wir zur Zeit keine Möglichkeit kennen, Computer auch klug zu machen, und dass wir deshalb im Augenblick Computern keine Aufgaben übertragen sollten, deren Lösung Klugheit erfordert.


Comments are Disabled

%d Bloggern gefällt das: