Finis, Zweitausendundacht

Sicherlich muss man keinen Jahresrückblick verfassen. Es gibt genug davon, wen interessiert’s!

Dieses Jahr gestehe ich mir aber eine Ausnahme zu, weil es doch einige Besonderheiten, Merkwürdigkeiten und Überraschungen gab. Eine Auswahl:

Blick aus dem Gästezimmer, Foto: fishandchips.cc

Da ist zunächst der Umzug von Schöneberg, Berlin, in die Altstadt von Mainz. Berlin ist toll, aber ich vermisse es nicht. Mainz ist größer als Schöneberg, und ganz Rhein-Main ist so viel wie Groß-Berlin. Auch ist der Rhein nicht so popelig wie die Spree. Die Mainzer sind feierwütig und dabei äußerst standfest, obwohl der rheinhessische Wein hier in Strömen in die offenen Münder fließt. Die Stadt hat alles, was man zum Leben braucht, und bietet es in fußläufiger Entfernung. Alles in Allem, so sehe ich es, ein Zugewinn an Lebensqualität, auch weil:

Foto: fishandchips.cc

Hier direkt vor der Haustür kann man prima wandern, z.B. im Oberen Mittelrheintal, oder auch weiter im Westen, im Hunsrück. Da wartet Terrain, für Jahre. Man muss also gar nicht weit fahren – kann aber davon träumen und es sehnsuchtsvoll planen. Erst Recht, wenn man diese Bilder sieht!

Dann der Jobwechsel, aus der brandenburgischen Provinz bei Berlin nach Darmstadt (Wissenschaftsstadt, hey!). Wieder einmal zeigt sich, dass ein Wechsel der Perspektive interessante Erkenntnisse mit sich bringt. Aber auch Vorurteile Vermutungen bestätigt: wie einst der Wechsel von der Seite der Softwarehersteller zu der der Berater der gleichen Kunden, so zeigt auch dieses Mal der Wechsel aus der Zentralverwaltung in die eines Fachbereiches einer Hochschule, dass überall gepflegt gewichtig aneinander vorbei geredet und gehandelt wird. Eine gute Portion Borniertheit auf allen Seiten macht’s möglich.

Kultur, trara: musikalisch war das Jahr durchaus spannend und abwechslungsreich. Mir wurden phantastische ältere Alben von Erika Stucky zugespielt, Portishead kam mit »Third« eindrucksvoll aus der Versenkung, und Jun Miyake war mit »Stolen from Strangers« die Überraschung des Jahres. Sigur Rós gaben ein tolles Konzert in Wiesbaden. Und immer wieder die letzten paar Klaviersonaten Beethovens, in unterschiedlichen Aufnahmen (Mitsuko Uchida, András Schiff, Glenn Gould). – Alles in heavy rotation, kaum noch via MP3 übrigens.



 

Literarische (Neu-)Entdeckungen: Den ganzen Kehlmann gelesen. Joan Didions Amerika-Essays »Wir erzählen uns Geschichten, um zu überleben«. Uwe Tellkamp, »Der Turm«. Irgendwie ein verstörendes Meisterwerk: radikal und differenziert, ausschweifend und pointiert, intellektuell über-komplex und emotional. Ob das Buch ein Plädoyer für eine neue Bürgerlichkeit sein soll wie gelegentlich gelesen, glaube ich nicht. Zu speziell der Plot. Diese Sehnsucht, diesen Trend diagnostiziere ich dann schon eher, wenn ich beobachte, wie junge Leute sich daran machen, Weihnachten zu feiern. (Keine Angst, das geht vorbei.)

Noch ein paar Splitter:
„Burn after Reading“ war der Film des Jahres.
Stolze Eltern trotzen erfolgreich der Wirtschaftskrise.
filmz ist ein engagiert gemachtes Festival des jungen deutschen Films.
Die gebündelten Darwin-Essays im F.A.Z.-Feuilleton.
Das iPhone ist ein tolles Spielzeug, wirklich. (Der intensive Gebrauch von Location Based Services schützt aber nicht vor dem nächsten Laternenpfahl.)

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