Frankfurter Buchmesse 2010

Unser Lebm besteht, weitgehend, in der Verarbeitung von Initial=Torheitn in End=Unvernünftijes
Arno Schmidt, »Zettel’s Traum«, S. 495


Wieder ist ein Jahr ’rum, wieder war Buchmessezeit, also stand am samstäglichen Publikumstag ein kleiner Rundgang an. Gespannt auf manches Gesuchte und auf Unvorhergesehenes, mäanderte ich eigentlich nur zwischen den Hallen 3 und 4 hin und her. Eine ganz subjektive Auslese, in etwa dieser zeitlichen Reihenfolge erlebt.

Los ging es in Halle 4, dort, wo zumeist die kleinen unabhängigen Verlage das Bild bestimmen. Der Schweizer Nimbus-Verlag hatte in seiner Koje ein Buch zu stehen, dass mich sofort fesselte: Karl Corino, »Erinnerungen an Robert Musil«. Es sind unglaublich viele Texte von Musil-Augenzeugen, die in diesem dicken Band (512 Seiten) versammelt sind und in der Summe ein facettenreiches, authentisches Bild des Mannes mit den vielen Eigenschaften zeichnen.

Am Stand des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes geriet ich in eine Buchvorstellung, in ein sehr interessantes Gespräch, das ein Moderator mit Thomas Maissen und Bernd Roeck über die »Geschichte der Schweiz« führte. Die Übersichtsdarstellung stammt vom Schweizer Maissen, der Professor für neuzeitliche Geschichte an der Uni Heidelberg ist, der Gesprächspartner Roeck kommt aus Süddeutschland und ist Professor für neuere Geschichte an der Uni Zürich. Und so war es eine gute Gelegenheit, Gründe für immer ’mal wieder aufbrechende gegenseitige Ressentiments, Projektionen, Missverständnisse usw. zwischen Deutschen und (Deutsch-)Schweizern erklärt zu bekommen, ansatzweise zu verstehen.

Der Kulturverlag Kadmos feiert derzeit sein 15jähriges Bestehen mit einem Special: Für jedes Jahr wird ein »Buch des Jahres« präsentiert. Für das Jahr 1997 ist es Charles Babbages Autobiografie, »Passagen aus einem Philosophenleben«. Die Bedeutung des britischen Gelehrten und Erfinders für die Mathematik und Computerwissenschaften kann man nicht bezweifeln, zumindest in diesem Buch jedoch kann man der Darstellung der Rolle seiner Mitarbeiterin und Programmiererin Lady Ada Lovelace (Augusta Ada King Byron, Countess of Lovelace) für seine Arbeiten an der ersten mechanischen Rechenmaschine eine beträchtliche Ignoranz zuschreiben. Sie wird nur einmal, nur in einem Zusammenhang erwähnt – das Buch hat über 320 Seiten. (Dafür kann Kadmos nichts.)

Auch Suhrkamp hat seinen Messestand in Halle 4, vielleicht ist das noch ein Fixpunkt des Verlages. Und dort fällt natürlich das Fest auf, das die Bargfelder Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag feiert, ist doch »Zettel’s Traum« endlich in gesetzter Form erschienen! Längeres ehrfürchtiges, amüsiertes, freudiges, kopfschüttelndes Blättern und An-Lesen, Kennenlernen des Apparates, ein kurzes Anheben des 7kg-Werkes waren also angesagt. Das war’s dann aber auch schon, schließlich kommt bald eine reale Ausgabe ins Haus…

Bei Suhrkamp suchte ich dann noch Peter Handkes »Immer noch Sturm«, auch wegen dieser Besprechung. Es gab genau ein (1) Exemplar in den vielen Regalmetern! Und dieses wurde mir vor der Nase weggeschnappt. Als ich später noch einmal vorbeischaute, war es ganz weg, geklaut vielleicht gar(?), und kein Ersatz vom genervt-lustlosen Personal aufzutreiben.

Auch bei Wagenbach stand – für wilde Leser – eine verlockende Prachtausgabe bereit, 2 Bände: Vittorio Magnago Lampugnani, »Die Stadt im 20. Jahrhundert«. Das Buch ist eine gründlich dokumentierte Reise an die wohl wichtigsten Orte der internationalen städtebaulichen Entwicklung.

Dann ein Wechsel in die Halle 3, neben den Branchenriesen sind dort auch einige kleinere Verlage vertreten. Hinter dem Stand der Achse des Guten war man ausschließlich mit sich selbst beschäftigt, Besucher störten da irgendwie nur. Trotzdem, »Neugier.de« (#1 Made in India) ist ein sehr interessantes Projekt!

Friedrich Kittler hat seine Antiken-Studien, seine Griechenland-Begeisterung in ein neues, umfangreiches Buchprojekt kanalisiert, sein Hausverlag Wilhelm Fink gibt die ersten beiden mit „Musik und Mathematik“ überschriebenen Bände heraus: »Hellas 1: Aphrodite«, »Hellas 2: Eros«. Nach Odysseus und den Sirenen, nach Aphrodite und Eros sollen in kommenden Bänden Sexus und Charitas (Rom), Minne und die Liebe (na wo wohl?) und abschließend die Turing-Galaxis behandelt werden. Aber vorerst gilt:

Wir möchten euch Musik und Mathematik erzählen: das Schönste nach der Liebe, das Schwerste nach der Treue.

So ähnlich wie Kittler schreibt stilistisch Klaus Theweleit. Und der macht, so erfuhr ich bei Stroemfeld / Roter Stern, tatsächlich mit seinem Pocahontas-Komplex, von dem es ja bisher nur den ersten und vierten (den letzten, übrigens mit »Arno Schmidt. Seelandschaft mit Pocahontas. Die Sexualität schreiben nach WW II.« untertitelten) Band gibt, weiter! Es soll um Medea gehen. Außerdem sei da im Verlag ein Text mit der etwas merkwürdigen Überschrift „Die Geburt des Alphabets aus dem Geist der Nautik“ angeschwemmt worden. – Ich bin gespannt und werde sicher wieder lesen, dann, 2012.

Zurück in die Halle 4, und da sitzt bei den Schweizer Buchhändlern und Verlegern die diesjährige Gewinnerin des Deutsschen Buchpreises, Melinda Nadj Abonji, und erzählt zum zigsten Male ihre plötzlich öffentlich gewordene Lebensgeschichte. (Das war schon am Abend zuvor in Mainz so. Hier ließ sie sich kaum von der fürchterlichen Moderatorin beeindrucken und las aus »Tauben fliegen auf«. Frau Abonji ist auch für den Schweizer Buchpreis 2010 nominiert.)

Der vorletzte Termin war das Gespräch von Paul Ingendaay mit Alan Pauls zu »Geschichte der Tränen«. Ingendaay interviewt Pauls auf seine wohltuende Art, sehr gut vorbereitet, kenntnisreich, sensibel. So, wie er eben als FAZ-Kulturkorrespondent aus Madrid und als Sanchos Esel auch schreibt. (Und das verdeutlich mir wieder einmal das unglaubliche Niveaugefälle zwischen den Journalisten, auch innerhalb des FAZ-Universums. ) Wieder einmal schafft Ingendaay es, mich für einen bisher von mir nicht gelesenen Schriftsteller einzunehmen. (Walter Kappacher war es im vorigen Jahr.)

Und am Schluss dann noch einmal zu Corino / Musil.

Und die Wunschliste ist nun auch aktualisiert.

Link-Tipps: Blogs, die sich mit »Zettel’s Traum« beschäftigen: schauerfeld.de, Zettel’s Traum Lesen, ASml-News

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